Textilindustrie: Vergesst die Erde, rettet H&M!

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Karl-Johan Persson, Chef von Hennes & Mauritz, warnt vor den "schrecklichen gesellschaftlichen Folgen" von Konsumscham. Dabei sollte man vor ihm warnen. Ein Kommentar von

Nach einem Sommer voller Flugscham und Menschen, die einem vorgerechnet haben, dass der weltweite Flugverkehr nur für zwei Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen weltweit verantwortlich sei, kommt nun der Herbst der Konsumscham. Man muss ihn sich als eine Zeit solidarischer T-Shirt-Käufe und sozialverträglicher Shopping-Beutezüge vorstellen, denn: Jede volle Einkaufstasche kann Unternehmen retten! Zumindest hat man solche Bilder vor Augen, wenn man den Ausführungen von Karl-Johan Persson, dem Generaldirektor und Vorstandsvorsitzenden des schwedischen Modeunternehmens Hennes & Mauritz, folgen will. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Bloomberg hat Persson erklärt, es könne zu einem Problem werden, wenn Modeketten in den Fokus von Klimaaktivisten gerieten. Denn ihre Aktionen hätten zwar nur "einen kleinen Einfluss auf die Umwelt, aber schreckliche gesellschaftliche Konsequenzen".

Sie lassen die Kleidung also lieber im Laden zurück, weil Sie neuerdings lieber ein bisschen gründlicher darüber nachdenken, ob Sie dieses Teil wirklich noch brauchen? Weil Sie sich fragen, ob Sie die Arbeitsbedingungen in den Zuliefererbetrieben der Fast-Fashion-Konzerne weiterhin mittragen wollen? Wie egoistisch von Ihnen! In Perssons Welt schafft nur eine Strategie etwas Gutes: Es sei wichtig, "gleichzeitig weiter Jobs zu schaffen, die Gesundheitsversorgung zu verbessern – und all das kommt mit wirtschaftlichem Wachstum".

Im Falle von H&M kommt das dabei heraus: Das 2013 gegebene Roadmap-Versprechen, existenzsichernde Löhne einzuführen, war 2018 noch nicht eingelöst, wie Überprüfungen der Clean Clothes Campaignin den Herstellungsländern belegen. In Bulgarien etwa gaben Arbeiter an, zwölf Stunden am Tag und sieben Tage die Woche arbeiten zu müssen, um auf den gesetzlichen Mindestlohn zu kommen.

Die Konsumscham ist von Persson echt derart um die Ecke argumentiert, als wenn der Chef einer Schokoladenfabrik eine wissenschaftliche Studie in Auftrag gibt, bei der herauskommt, dass Kakao blutdrucksenkend wirkt. Ja, das tut er tatsächlich irgendwie – aber sein Anteil an einer fettreichen, übersüßen Schokotafel ist nun mal verschwindend gering. Diese Taktik, die der H&M-Chef anwendet, fällt schon fast unter Whataboutism: Man lenkt den Blick weg vom Hauptproblem und verwirrt alle Diskutanten mit Seitenwegen des Schlussfolgerns. Den Vereinten Nationen zufolge ist die Modeindustrie für acht bis zehn Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich und verbraucht mehr Energie als Luft- und Schifffahrt zusammen. Ach so, bloß zehn Prozent? Ist das denn dann den ganzen Aufwand beim Protestieren, Modernisierungen und Boykottieren überhaupt wert?

Ähnlich verläuft die Argumentationslinie, wenn beim Thema Kohleausstieg immer wieder Zehntausende gefährdeter Arbeitsplätze zuerst ins Gespräch kommen und die Klimaziele, die sich Deutschland verordnet hat, erst danach. Oder wenn es beim Dieselskandal nicht um die Verfehlungen der Konzerne geht, sondern etwa der VW-Vorstandschef Herbert Diess in der Süddeutschen Zeitung in diesen Worten vor den Konsequenzen von schärferen Umweltauflagen warnt: "So eine Industrie kann schneller abstürzen, als viele glauben."

Dass es dem H&M-Chef nicht gefällt, wenn Menschen sich fragen, ob sie wirklich noch ein zwanzigstes Sweatshirt für 9,99 Euro haben wollen: Kann man sich gut vorstellen! Dass sie sich dafür jetzt moralisch verantworten sollen: Kann er vergessen.

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