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Handyketten: Ich häng an dir

Handyketten sehen etwas bräsig aus. Dabei ist der Trend zur Smartphonekordel nur logisch: Was wichtig ist, hat man sich schon immer um den Hals gebunden. Von

Eine Busfahrkarte, fünf Euro Pausengeld und ein Schülerausweis: Mehr habe ich im Jahr 2001 nicht gebraucht, wenn meine Mutter mich morgens zur Schule schickte. Das alles passte in einen Scout-Umhängebeutel, der um meinen Hals baumelte.

Heute brauchen wir nichts mehr als unsere Smartphones, wenn wir das Haus verlassen – die sind genauso groß wie die Umhängebeutel von damals, und sie werden immer größer. Es ist natürlich toll, auf dem Handy Serien schauen zu können und viel Platz zu haben, um Fotos anzusehen. Aber es sieht auch ein bisschen blöd aus, wenn man Leuten dabei zusieht, wie sie mit ihrem rechten Daumen kaum bis zur linken Ecke des Displays kommen – oder wie sie versuchen, viel zu große Smartphones in die Taschen der neuen Jeans zu stopfen.

Schon in der Antike trugen Leute Umhängebeutel um den Hals, mit Geld und Nahrungsmitteln drin, also mit allem Überlebenswichtigen. Das Konzept Halsumhängebeutel ist also eine Konstante von Dionysos bis Digitalisierung. Was im Umhängebeutel ist, ist wertvoll und essenziell, also hängt man es sich um den Hals, damit es ganz sicher nicht verloren geht.

Der Umhängebeutel des Jahres 2019 ist die Handykette – die aber weniger von Kindern als von Erwachsenen getragen wird. Sie tragen ihr Smartphone an einer Kordel um ihren Hals. An bunten Kordeln, die glitzernde Enden haben. Daran baumelt eine Handyhülle, die mit zwei Ösen an der Kordel befestigt ist, das Handy kann also nicht herausfallen, ist immer griffbereit und vor allem immer prägnant sichtbar.

Die Berlinerin Yara Jentzsch Dib soll die Ketten erfunden haben. Ihr Unternehmen Xouxou wirbt damit, dass ihre Handyketten "mehr Freiheit und Flexibilität ermöglichen" sollen. 

Im Werbevideo des Unternehmens sind junge und schöne Menschen zu sehen: Künstler und Individualisten, Tänzer und Genießer. Und eine reiche Rentnerin mit zwei Perserkatzen. Eine Frau tunkt ihre Haare in einen Eimer blauer Farbe und bemalt damit eine Leinwand, während eine andere neben ihr ein Buch liest. Ein Mann sitzt in einem protzigen Raum auf mindestens zehn Matratzen. Sein Hund trägt ein Tiffany-Halsband. Er selbst hält eine Diamantenteetasse in der Hand. Die Handykette hängt lässig von seinem Hals. 

Es ist die Vereinigung von Trash und Luxus, das Bewusstsein, blöd auszusehen, und sich trotzdem dafür zu feiern. Auch davon zeugt die Handykette: Unsere Telefone sind zu groß geworden, und deshalb tauschen wir ein bisschen blöd aussehen gegen ein bisschen mehr Bewegungsfreiheit und Praktikabilität. Weil es eben nichts Wichtigeres gibt als das Smartphone, nicht mal das Aussehen.

Mit dem Umhängebeutel von damals konnte man Räuber und Gendarm spielen, man konnte auf Bäume klettern und zwischendurch den Klettverschluss öffnen, um ein Eis zu kaufen. Nur wenn zu viel Kleingeld drin war und der Beutel schwer wurde, plumpste er unangenehm auf den Bauch zurück bei jedem Schritt. Auf meinem Beutel waren Rennwagen mit feuerspuckenden Auspuffrohren.

Früher oder später wird sich der Handykettentrend durchgesetzt haben. Die Ketten werden sein wie Socken oder Unterwäsche: komisch, wenn man sie nicht trägt. Wie kleine Cyborgs werden wir durch die Welt laufen, ein Display um den Körper geschnürt, das uns steuert. 

Partys im Jahr 2020 wird man sich so vorstellen müssen: 30 Leute stehen rum, um den Hals ihr Handy, auf dem alles Wichtige drauf ist, in ihren Händen die neuen In-Drinks. Ein Glück, dass sie sich nicht mehr darum sorgen müssen, später am Abend betrunken ihr Smartphone fallen zu lassen oder zu verlieren. Es ist ja sicher, so wie damals der Schülerausweis und das Pausengeld. Im Rausch ähnelt ein Erwachsener einem Achtjährigen ja noch am meisten. 

Die Handykette ist eine recycelte Digitalumhängetasche und erinnert uns an analoge Umhängebeutelzeiten, obwohl sie in Wirklichkeit die absolute Smartphonisierung ist. Denn sie gaukelt uns durch ihre Umhängebeutelartigkeit vor, das Handy wäre für uns das Überlebenswichtigste. 

Dass das noch nicht ganz stimmt, musste ich neulich feststellen, als ich nachts meinen Schlüssel verlor, der in meiner Hosentasche gesteckt hatte, unangebunden, logischerweise. Mit dem Handy konnte ich immerhin den Schlüsseldienst anrufen. Aber hätte ich den Schlüssel ebenfalls an einer hippen Kordel getragen, hätte ich sehr viel Geld gespart. 

Es wäre also gut, wenn sich die Kettenindustrie des 21. Jahrhunderts noch weiterentwickelt – Schlüsselketten, Zigarettenschachtelketten und so weiter. Ich persönlich würde eine Kette tragen, an dem ein Zettel mit der Mahnung meiner Mutter hängt: "Wenn dein Kopf nicht angewachsen wäre, würde es reinregnen", sagt sie immer. Ich bräuchte also auch noch eine Kopfkette. 

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