Marie Kondo: Bei ihr sparkt sogar der Rosenquarz

© Richard Bord/​Getty Images
Erst ausmisten, dann shoppen: Marie Kondo verwirrt Aufräumgläubige mit ihrem Webshop voll edler Nichtigkeiten. Aber irgendwas müssen wir ja mit dem leeren Raum anfangen. Eine Glosse von
Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Zu den großen Widersprüchen unserer Zeit gehört es, dass Fleischkonzerne veganen Aufschnitt in ihre Sortimente aufnehmen, Menschen mit dem SUV vor dem Biosupermarkt parken und Leggins als schmeichelhafte Hosen angesehen werden. Aber gerade verwirrt uns Marie Kondo noch ein bisschen mehr, die Japanerin, die sich ihre Aufräummethode als Markenzeichen schützen lassen hat. Ihre Bücher, etwa Magic Cleaning: Wie Sie sich von Ballast befreien und glücklich werden, gibt es schon ein bisschen länger. Dieses Jahr ist sie, dank einer Netflix-Serie, weltweit so richtig berühmt geworden, mit der reinen Lehre von der Leere, der das große Aussortieren vorausgegangen ist.


Auch die kleine Gesellschaftskritikredaktion hat sich zuletzt gefügt und ihre wenigen verbliebenen T-Shirts so patentgefaltet, dass sie aufrecht stehen können. Wenn aber damit nun die ganze Welt durchsortiert ist, was bleibt dann zu tun für Marie Kondo, die nicht nur Pullover streicheln will, sondern auch eine Geschäftsfrau ist? Wo kann sie weiterhin ihr Credo erschallen lassen, Does it spark joy? Ganz einfach: Sie hat einen Webshop eröffnet. In den Schränken ist doch jetzt Platz, warum nicht ein Set aus Stimmgabel und Rosenquarz (75 Dollar) sparken lassen, wie sie selbst es täglich zum Resetten benutzt? Oder warum sich nicht selbst eine Freude machen mit einem Shiatsu-Stick (12 Dollar), der auf den Unkundigen erst mal nur wirkt wie ein Ästchen, an dem ein Achtjähriger herumgeschnitzt hat?

Konsumwahn ist in der Kondo-Philosophie natürlich schlimm, er verstopft Schränke und Kommoden. Es war wohl aber ein Leichtes, ihn durch eine Art vernunftgetriebene Liebe zu ersetzen, die quasireligiös dem Objekt huldigt. Der Shop wirkt, als hätte Marie Kondo bei den Textchefs des Manufactum-Katalogs ein Praktikum gemacht. Hier wie da wird nicht einfach irgendwas aus Glas, Keramik, Papier oder Metall in guter Qualität angeboten, sondern ein ganzes Feuerwerk entfacht, um die Einzigartigkeit des Herstellungsprozesses zu beleuchten und ein an sich banales, hoffentlich funktionales Objekt mit Bedeutung aufzuladen.

Der Küchenschwamm erzählt die Geschichte des Gemüseschrubbens, eine Teemischung erinnert an die Gärten britischer Literaten, ein klobiger Flaschenöffner wird zum "Objekt", das auch als Briefbeschwerer dienen könne, ein Raumspray verspricht eine Überfülle an Glückssternen, der Begleittext zu einer handgeschmiedeten Messing-Schöpfkelle für 96 Dollar klingt wie ein Katalogeintrag fürs Ethnologische Museum.

Natürlich gibt es auch Produkte, die man falten kann, Bademäntel aus Leinen etwa, denn das Falten von Kleidung ist nun einmal der signature move von Marie Kondo. Wirklich staunen lässt uns allerdings Marie Kondos neue Begründung für das Ausmisten: Es sei bei ihrer Konmari-Methode nie darum gegangen, Dinge wegzuwerfen, schreibt sie in ihrem Webshop. Das Ziel sei vielmehr gewesen, Platz für "bedeutsame Objekte, Menschen und Erfahrungen" zu schaffen. Wer ihr also geglaubt hat, dass das Wegwerfen alter Fotos und Liebesbriefe befreiend sei, kann sich nun mit allerhand edlen Nichtigkeiten trösten. Wie wäre es zum Beispiel mit einer Computerbürste aus Birkenholz und Naturborsten (35 Dollar)? Falls man so was nicht wegen zu wenig joy neulich erst weggeschmissen hätte.

Kommentare

68 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren