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Modebranche: Hautfarbe ist kein Modetrend

Die deutsche Ausgabe der "Elle" steckt im Shitstorm fest: Unter dem Motto "Black is back" hat sie schwarze Models zum Trend erklärt. Wie ignorant ist das denn? Ein Kommentar von

Ich finde mich nicht wieder, wenn ich vor den Regalen der Modezeitschriften stehe. In den zahlreichen Magazinen sehe ich Duttfrisuren "in drei einfachen Schritten", die zwar schön aussehen, aber mit meinen Haaren nicht möglich sind. In den Artikeln sehe ich Haarprodukte, die meine dunklen Locken ruinieren würden. Selten finde ich jemanden, der meine Hautfarbe oder eine dunklere hat. Die Make-up-Produkte, die mir vorgeschlagen werden, kann ich mit meiner Pigmentierung nicht verwenden. Bis heute zeigen Magazine meistens dünne weiße Frauen mit glatten Haaren in Artikeln und Anzeigen. Das alles vermittelt mir, dass mein Äußeres nicht Teil des mehrheitsfähigen Schönheitsideals ist.

Vereinzelt spürt man zwar eine Entwicklung, was das Thema Vielfalt in deutschen Modemagazinen angeht. Die Vogue etwa dokumentiert in einer Serie die Rassismuserfahrungen von Menschen in Deutschland. Dass aber gelebte Diversität aller Formen und Farben keine Selbstverständlichkeit ist, sondern oft wie ein Goodie daherkommt, das beweist der Ärger, den die aktuelle Ausgabe der deutschen Elle verursacht hat. Der Shitstorm ist so groß, dass der Burda-Konzern vorsichtshalber erklärte, er halte auf jeden Fall an der Elle-Chefredakteurin Sabine Nedelchev fest.

In der Coverstory prophezeit Elle unter dem Motto "Back to black" ein Comeback der Farbe Schwarz. Für das deutsche Modemagazin erfährt jedoch nicht nur schwarze Kleidung eine Renaissance, sondern auch schwarze Haut. In einem Feature über "inspirierende" schwarze Models steht geschrieben: "Nie waren MODELS OF COLOUR so gefragt wie jetzt." Hier prangt der Slogan "Black is back" über den Köpfen der erwähnten Models. Teil der Auflistung ist das US-amerikanisches Model Janaye Furman, sie setzt sich laut Elle für "die Reinhaltung der Meere" ein. Das Problem ist bloß: Das Model auf dem Foto ist nicht Furman, sondern Naomi Chin Wing, ein anderes schwarzes Model aus Trinidad und Tobago. Das wirkt nicht nur wie ein Fehler: Hier schwingt eine Mikroaggression mit, die Schwarze nur zu gut kennen – dass wir doch alle irgendwie gleich aussehen.

Auf dem Instagram-Account Diet Prada, berühmt für seine gnadenlose Kritik an der Modewelt, wurde die Verwechslung letzte Woche aufgedeckt. "Not a good look, @ellegermany", war da zu lesen. Schwarz zum Trend erklären, die Protagonistinnen nicht voneinander unterscheiden können und dann auch noch ein weißes Model auf dem Cover zeigen? Ignoranter geht es nicht.

Man könnte meinen, dass sich große Teile der globalen Gesellschaft weiterentwickeln: People of Color schaffen sich Präsenz auf sozialen Plattformen, im Fernsehen und in der Politik. Accounts auf Instagram mit Handles wie @blackgirlsrock oder @blackvoices bieten Bühnen für schwarze Repräsentation. Doch der Fehlgriff der Elle offenbart ein Problem der Modewelt, das in Wahrheit branchenübergreifend ist: die Implementierung von Diversität als Trend. Ein Plus-Size-Model hier, ein schwarzes Model da, eins mit Gehbehinderung dazwischen – so ist es immer wieder bei den Fashion Weeks im September zu beobachten. Die Modewelt möchte auf der Welle der politischen Korrektheit mitschwimmen. Dabei verliert sie eins aus den Augen: dass die Einbeziehung von schwarzen Menschen kein Trend, sondern eine Kompensation von jahrhundertelanger Ungerechtigkeit im gesamtgesellschaftlichen Kontext ist. Es ist eine Frage der Gleichberechtigung.

Die Elle impliziert mit "Black is back", dass Schwarz kommt – aber auch ganz schnell wieder geht. So wie klitzekleine Minitaschen des italienischen Modeunternehmens Fendi oder rosa Wintermäntel aus Plüsch der britischen Marke Shrimps – Trends eben. Doch People of Color in der Modewelt waren nicht weg und sind plötzlich wiederaufgetaucht. Models of Color verschwinden nicht nach einer Saison aus den Karteien, schwarze Menschen verschwinden nicht aus dem täglichen Leben, wenn Diversität wieder out sein sollte. Wir wollen nicht bloß die Sonderausgabe sein, nicht nur Teil eines Black-Features, um Magazine wie die Elle nach außen hin woke erscheinen zu lassen. Es reicht nicht, uns in nur einer Ausgabe besonders hervorzuheben.

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