© Brooke Cagle/​unsplash.com

Zimmerpflanzen: Was kommt nach der Monstera?

Alle lieben Zimmerpflanzen, vor allem Millennials. Was in unseren Töpfen steht, entscheidet eine Branche, die schon heute die Trends des nächsten Jahrzehnts züchtet. Von

Die Jungs vor der Tür sehen aus wie Models, sie lächeln, sie tragen ihre Haare wuschelig. Ihre weißen Shirts sind mit einem grünen Monsterablatt bedruckt. Die Frauen, die an den Jungs vorbei durch die Tür gehen, sehen auch alle gleich aus: dunkelgrüner Mantel, weite blaue Jeans, Doc Martens, Rucksack, Smartphone in der Hand. Dies ist ein Hof in Berlin-Kreuzberg an einem Freitag im Herbst, alle hier sind Millennials, alle hier sind schön und alle sind hier, um Zimmerpflanzen zu kaufen. Ein Pflanzenwerksverkauf, in hip. Ja, echt. 

Drinnen dann: Metallregale mit Grünem drauf. Kakteen, viele Kakteen, kleine Palmen, Monsteras, sogar Ficusse und Farne und in kleinen Töpfen die sogenannten Glückstaler, deren Blätter aussehen wie winzige Seerosen. Eine Frau mit Mütze hält einen Farn im Arm, ihre Freundin macht ein Foto und sagt, natürlich auf Englisch: "You look so happy between all these plants!" 

Es ist ein Zimmerpflanzen-Pop-up-Store, nur für vier Tage in Berlin eröffnet, mit aufgerundeten Preisen: eine kleine Pflanze kostet fünf Euro, eine etwas größere zehn. Ein winziger Kaktus: zwei.

Zimmerpflanzen sind das neue It-Piece. Man kauft sie nicht mehr einfach im Obi oder bei Ikea, sondern in Boutiquen, die Namen wie flores y amores oder flower factory tragen und ein winziges Angebot haben, was man dann "kuratiert" nennt. Es sind eben nicht irgendwelche Zimmerpflanzen, sondern ganz bestimmte. Die Trendpflanzen des Jahres 2019 sind grün und sehen nach Dschungel aus, so wie der Glückstaler, sie sollen angeblich "Luftreinhalter" sein, und sie kommen in kleinen Töpfen, damit man viele von ihnen nebeneinander stellen kann. 

Bei Kleidung und Möbeln ist es ja irgendwie klar, wer die Trends macht: Designer designen Prêt-a-porter-Mode für die Laufstege, und von dort tröpfeln dann langsam Farben, Schnitte und Muster in die Kaufhäuser herab, in denen normale Leute einkaufen. Die Zeit verläuft in Saisons, und die Saisons richten sich nach den Jahreszeiten. Bei Pflanzen sind Trends etwas rätselhafter: Wer hat etwa vor ein paar Jahren entschieden, dass die Monstera "in" werden könnte und damit dafür gesorgt, dass sie jetzt in jedem Wohnzimmer und jedem Büro steht? Wer hat entschieden, dass sich die Millennial-Generation statt Geranien auf dem Fensterbrett eher einen urban jungle neben ihrem Bett einrichten würde, ohne Blüten, nur in grün?

Wenn man in der Pflanzenbranche nachfragt, wer sich mit den Trends auskennt, dann nennen viele direkt den Namen Garry Grüber. Er ist Pflanzenmanager. Er bewertet Innovationen, vernetzt Händler und Züchter, er arbeitet für das Unternehmen Cultivaris, das seine Kernkompetenz im Ideen- und Projektmanagement in der grünen Branche sieht. Grüber kann Pflanzen nicht nur züchten, er kann sie auch vermarkten, sich Kampagnen ausdenken. Er hat zum Beispiel vor Jahren die Surfinia groß gemacht, eine hängende Petunie mit getupften Blüten. Aber: "Die Sache mit den Zimmerpflanzen hat unsere Branche völlig überrascht", sagt er. Plötzlich stürmten Mitte 20-jährige die Gartencenter, sie wollten Monsteras kaufen und Farne und Sukkulenten, und alle wunderten sich. 

Natürlich hatte es an Instagram gelegen. Dort gab es so ungefähr seit 2015 Accounts, in denen es nicht um besonders stilsicher eingerichtete Wohnungen ging, nicht um Make-up und nicht um Kleidung – sondern um Pflanzen. Das ergab Sinn. Schließlich ist Konsum nicht mehr besonders im Trend, weil er schlecht für die Umwelt ist. 

Es ist schick, Kleidung mit Freunden zu tauschen oder Möbel selbst zu bauen – und trotzdem ist da natürlich dieser Kauftrieb, der sich auch in den Köpfen der Millenials nicht abstellen lässt. Um sich ethisch einwandfrei zu fühlen und trotzdem den Shopping-Thrill zu leben, fingen junge Menschen an, Pflanzen zu kaufen, um damit auf Instagram anzugeben. 

Garry Grüber sagt heute, dass die Branche die Plantfluencer zu wenig im Auge hatte. 

Durch Instagram, das sagt man ja oft, wird unser Konsumverhalten langweiliger. Weil wir immer nur das kaufen, was uns die Bilder vorgeben. Dabei gab es ja vor Instagram keine Orte, an denen man alle Produkte der Welt ungefiltert zur Verfügbarkeit hatte, um sich eins auszusuchen. Was wir in Geschäften sehen, war schon immer gefiltert – von Einkäufern, von Trendforschern. Bei Pflanzen ist das nicht anders. Obwohl es ja unser Ziel ist, dass sie überleben, dass sie durch unsere Pflege wachsen und größer werden, anders als Kleidung, die sich abnutzt, ist selbst der prächtigste Ficus irgendwann out und wird aussortiert. 

In der Pflanzenbranche gibt es keine Designer, sondern Züchter. Einzelkämpfer oder ganze Abteilungen, beschäftigt von Gartencentern. Nur dass ihre Innovationszeiten deutlich länger sind als die von Leuten, die Kleidung schneidern. Bei einer Orchidee, sagt Grüber, kann es gut acht Jahre dauern, bis man die perfekte Züchtung hat. Die Züchtung geht dann in die Marktforschung. Zu Leuten also, die abgleichen, ob die Farbgebung einer Pflanze zu den aktuellen Einrichtungstrends passt – und zu den aktuellen Lebenseinstellungen. 

"Umweltschutz, Sharing Economy, Second Hand, Lokales, Zukunft des Planeten, faire Preise statt Ausbeutung", für Ulrike Ziegler von der Trend-Agentur Efsa sind das erst an zweiter Stelle politische Haltungen, an erster Stelle sind es Trends. Die Monstera etwa, erklärt sie, hatte in den Sechzigerjahren schon einmal eine Hochphase – deshalb passt sie zum Retrotrend. Und die grünen Dschungelpflanzen in den Wohnungen der Millennialgeneration symbolisieren eben den Hang zum Umweltschutz und zur Weltverbesserung im Rahmen der eigenen Möglichkeiten. Man will sich um etwas kümmern, etwas großziehen, aber ein Haustier wäre zu viel. Also eben Pflanzen.

Um heute schon zu wissen, was die Trends von überüberübermorgen sind, gibt es Organisationen wie die Efsa oder Trendbüros, die Prognosen verschicken. Sie finden die Trends auf der Straße und auf "branchenfremden" Veranstaltungen. Sogar auf Automessen lässt sich etwas darüber herausfinden, was die Zimmerpflanze der Zukunft mitbringen muss.

Traurig eigentlich, wie vorhersehbar man ist. Dass alles, was wir "schön" finden, schon von jemandem ausgewählt wurde, damit wir es schön finden. Selbst bei Haustieren gibt es ja Trends: Heute zum Beispiel kaufen sich die Leute Dackel, vor ein paar Jahren waren es noch Möpse. 

Wenn die Marktforschung ergibt, dass es für die Züchtung eines Züchters gerade keinen Markt gibt – dann war alles zum Glück nicht ganz umsonst. Stecklinge und Saatgut werden in sogenannten Pflanzensammlungen am Leben erhalten, bis sie wieder in die Zeit passen. Mit Orchideen etwa muss man im Moment nicht ankommen: der Markt ist zugeschüttet damit, sie werden in Discountern verschleudert. 

Garry Grüber will gerade den Brotbaum groß rausbringen, der sich auch Ulu nennt und dessen Früchte wichtige Nahrungsquellen für Menschen in tropischen Regionen sein können. Das Marketingkonzept zu Ulu: Wer einen Brotbaum in einem Gartencenter kauft, der finanziert mit einem Teil des Kaufpreises ein Hilfsprojekt auf den Samoainseln, dem Ursprungsort der Pflanze. Das erinnert ein bisschen an die Müsliriegel der Marke share, die nichts als Müsliriegel sind, und sich vor allem verkaufen, weil man mit dem Kauf "gleichzeitig einem Menschen in Not" helfen können soll. 

Und dann gibt es natürlich noch die Spontanentdeckungen, neue Pflanzenarten, die einfach plötzlich erscheinen. Garry Grüber erzählt von einem Pflanzensammler, der am Straßenrand in Kolumbien eine hübsche Blume sah und daraus einen Trend machte: die Sorte Diamond Frost ist heute eine der meistverkauften Balkonpflanzen, sie trägt kleine weiße Blüten, die aussehen wie ein glitzernder Busch. Oder von einem Forscher, der in Australien im Jahr 1994 einen Baum entdeckte, den man bis dahin nur als Fossil gekannt hatte – und von dem alle dachten, er sei seit 20 Millionen Jahren ausgestorben. Heute steht Wollemia nobilis im Gartencenter zum Verkauf, als Urzeitbaum. 

Pflanzen waren schon vor den Menschen auf der Erde, wahrscheinlich werden sie nach den Menschen noch da sein. Aber während wir gleichzeitig da sind, überlegen sich die Menschen für die Pflanzen Vermarktungskonzepte. 

Neue Pflanzenentdeckungen und -züchtungen, denen die Marktforscher eine große Zukunft voraussagen, gehen in die Massenproduktion, was heißen soll: in Blumentöpfe, meistens in Ländern, in denen das Klima besser fürs Wachstum ist als in Europa. Die Rosen, die wir in Europa kaufen, kommen zu einem großen Teil aus Kenia – ein Land, das sehr hoch über dem Meeresspiegel liegt, weshalb es nicht zu heiß dort ist, und das gleichzeitig viel Sonne hat. Die Grünpflanzen, die die Millenials in ihren Instagramfeeds mit dem Hashtag #savetheplanet posten, wachsen in Nairobi, Costa Rica, Guatemala und Panama, bis sie groß genug sind, um die Fahrt im Schiffscontainer nach Europa zu überstehen. 

"Trends sind keine Wahrheit, die es irgendwo gibt", sagt Ulrike Ziegler von Efsa. Trends sind Arbeit. Man muss sie finden, erkennen, aufnehmen, verstehen, umsetzen. Vor allem muss man sie aber voraussehen: Im Frühjahr 2021, sagt Ziegler, werden die urbanen Dschungel nicht mehr so wichtig sein – weil die Rückkehr ins Lokale den Regenwald-Hype überlagert. Wir werden Kräutergärten haben, die wie die Provence aussehen, mit Lavendel und Rosmarin drin. Sowieso wird es um Geruch gehen, wir werden plötzlich wieder Rosen in unsere Wohnung stellen und daran schnuppern, ohne es total kitschig zu finden. Die Frage bleibt: Was wird dann aus der Monstera, die noch rumsteht?

Kommentare

52 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren