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Mützen: Das hältst du auf dem Kopf nicht aus

Schlimmer als die Kälte draußen ist nur, wie blöd man mit Mütze aussieht. Vor allem, wenn man eine Kopfform hat wie unser Autor. Von

Tage kürzer, Himmel grau, Menschen grau, Sie wissen schon. Aber das allerschlimmste und allerletzte Detail, über das es sich im Winter zu echauffieren lohnt, ist die Mütze. Obwohl sich der Mensch über Jahrtausende hinweg, laufend und immer wieder aufs Neue, auf gesellschaftsfähige Mittelwerte der Mode geeinigt hat, scheint dies erstaunlicherweise nicht für die Mütze zu gelten. 

Die Mütze ist ein degradierendes Stück Stoff. Modisch geißelt sie die nördliche Hemisphäre alle Jahre wieder, ohne dass deren Bewohner davon überhaupt Notiz zu nehmen scheinen. 

Gravitätisch und über jeden ästhetischen Zweifel erhaben, schwebt sie über allen Normen und Konformitäten. Die Mütze darf albern sein, alberner noch als Sprüche auf T-Shirts. In ihren regenbogenfarbenen Alpakawollstrickmustern werden die wildesten Anthroposophenträume wahr. Nicht einmal orangenen Kunstfellirokesen sind Grenzen gesetzt. Auf den Köpfen der Menschen scheint Karneval auch an Weihnachten möglich.   

Natürlich findet die Mütze auch abseits gewollter Albernheiten statt. Sie kann ihrem Träger auch ganz unbeabsichtigt zum modischen Nachteil gereichen. So zum Beispiel im Fall des aktiven, aber erstaunlich früh ergrauten Spätvierzigers, der auch im tiefsten Winter auf seinem 3.000-Euro-Carbon-Rennrad ins Büro fährt. Zwischen seinen geplatzten Jugendträumen von einer Karriere als Hirnchirurg und der Außenwelt spannt sich nur eine hauchdünne Waterproof-Thermo-Polyknit-Funktionsmütze. Für ihn sind U-Bahn- oder gar Autofahrer bemitleidenswerte Kreaturen. Er hat sich gefunden, er trotzt den Elementen, er liefert ab. Wenn schon nicht im Yukon, wenigstens in der urbanen Wildnis. Kein Ort für modische Befindlichkeiten. 

Dabei können Winteraccessoires aus der Ferne betrachtet ja durchaus schick aussehen. "Soft knitted cashmere" und "schicke gerippte Details" aus "dicker Merinowolle" versprechen warme Ohren und mondänstes Weltbürgertum gleichermaßen. Und alles so weich und kuschlig! Und dies mag vielleicht auch alles so sein. Dennoch zerschellen diese Erwartungsprojektionen alljährlich auf kläglichste Weise an kopfgewordenen Realitäten. 

Vielleicht hat mein erratischer Hass auf Mützen seinen Ursprung in einer Erkenntnis, die mich jedes Jahr wieder trifft: Die perfekt sitzende Mütze gibt es für mich nicht. Den Anblick einer Mütze auf meinem Kopf würde Karl Lagerfeld wohl ähnlich kommentieren wie das Tragen von Jogginghosen: Kontrolle übers Leben verloren. Eigentlich hielt ich mich nie für einen sonderlich verlotterten Menschen. Mützen erschüttern dieses Selbstverständnis regelmäßig. 

Die längste Zeit ging ich davon aus, dass ich einfach eine besonders bizarre Kopfform hätte. Eine Kopfform, die der Modeindustrie bislang eben noch nicht unterkam. Dass wohl nur noch eine unter Laborbedingungen handgeschneiderte, auf den Nanometer genaue, computermodellgestützte Maßanfertigung für horrende Summen infrage käme, die ich dann im nächstbesten Uber liegen lassen würde, weil ich fürs Rad mal wieder zu bequem war. 

Leider ist die Mütze alternativlos. Bis zu einer Schmerzgrenze ein paar Grad über Null kann einen unter Umständen auch ein Base Cap oder eine Kapuze durchbringen, aber spätestens irgendwann im Dezember ist das Wiedersehen mit der verhassten Kopfbedeckung unausweichlich. Seit ich mich dazu entschieden habe, meine Haare gänzlich abrasiert zu tragen, ist diese Schmerzgrenze leider ein paar Grad nach oben gerückt. 

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Tête à Tête in der Hängematte

#2  —  vor 2 Monaten

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