"Wir kaufen jetzt hier im türkischen Supermarkt ein, für İmam bayıldı", sagt Serayi Degerli in ihre Handykamera. Video Stopp. Dann legt sie den Petersilienstrauch in ihrer Hand in den Einkaufswagen vor sich, im Supermarkt einer Stadt am Rand der Schwäbischen Alb, und schiebt ihn weiter zum Kühlregal.

İmam bayıldı heißt auf Türkisch: Der Imam fiel in Ohnmacht. Hier wird heute aber kein Imam ohnmächtig werden, es ist der Name eines der bekanntesten Gerichte der türkischen Küche: geschmorte Auberginen, gefüllt mit Zwiebeln, Paprikastreifen und Tomaten. Der Imam entstammt einer Legende, das Gericht soll ihm so gut geschmeckt haben, dass er vor Entzücken das Bewusstsein verlor.

Degerli, 26, grüne Augen, lange braune Haare, dunkelrosa Lidschatten, Eyeliner und verschnörkelte goldene Hängeohrringe, ist Kochbuchautorin und Foodbloggerin. Um ihren Hals trägt sie eine Kette mit ihrem Vornamen auf Arabisch: سراي. Sie will das Beste aus zwei Welten vereinen, sagt sie im Trailer für ihr neues Buch. Ihre eine Welt, das wird hier schon klar, ist "die Orientalische", wie sie selbst sagt. Die andere konnte man bisher nur erahnen, wenn man genau auf die Zutatenliste von İmam bayıldı geschaut hat. Denn das Gericht ist traditionell fleischlos, Degerli kocht es sogar vegan. Das ist ihre zweite Welt. "Mein Name ist Serayi und ich habe eine Vision: Lasst uns eine Welt kreieren, in der Tiere keine Produkte sind", sagt sie in ihrem Trailer. Deshalb heißen ihr Instagramkanal und ihr Buch: Orient trifft vegan.

Vegan zu essen war mal kontrovers und ist heute fast normal. Hafermilch und Tofu sind Standardprodukte in deutschen Supermärkten geworden, in den sozialen Medien tummeln sich vegane Influencer.

Das allerdings ist ein ziemlich einseitiger Blick.

In Serayi Degerlis Umfeld, für ihre Eltern, Freundinnen und mehr als 33.000 Follower, ist das, was sie macht, besonders. Denn immer noch fragen sie viele Leute: So ohne Fleisch und ohne Milch, wie wirst du da satt? Fehlt dir nichts? Und auch unter den Veganern fällt sie auf, denn die wenigsten sehen aus oder heißen wie sie. Die vegane Welt in Deutschland ist vor allem weiß und wenig divers. Und deshalb heißt für Serayi Degerli ihre Arbeit an Kochbüchern und Instagram-Posts automatisch, sich mit Religion, Kultur, Identitätsdebatten und kultureller Aneignung beschäftigen zu müssen.

Auch im Supermarkt fällt Degerli erst mal in den Verteidigungsmodus. "Viele Leute denken ja, vegan zu sein ist so eine moderne Erfindung. Dabei war das früher viel üblicher und so viel Fleisch und Milchprodukte zu essen, ist eigentlich erst in den letzten Jahrzehnten normal geworden", sagt Degerli. Ihr Vater habe ihr erzählt, dass sie in dem Dorf im Osten der Türkei, in dem er aufgewachsen ist, die Milch der Dorfkühe mit Wasser gestreckt haben, weil es selten genug für alle gab.

Aus der Tiefkühltruhe nimmt Degerli eine Packung Lahmacun, türkische Pizza, und liest aus der Zutatenliste auf der Rückseite vor: Sojagranulat. Kein Hackfleisch. Später zieht sie aus dem Nudelregal eine Packung Manti, türkische Ravioli. Auch mit Sojahack. "Meine Oma hat mir erklärt, dass es das auch früher schon gab. Immer Fleisch zu kaufen war einfach zu teuer, deshalb haben sie auch vor Jahrzehnten schon auf dem Dorf Teigtaschen mit Soja statt mit Fleisch gefüllt", sagt Degerli. Sogar Mandelmilch habe die Oma schon damals gemacht, dafür hat sie Mandeln gekocht und in einem Tuch ausgewrungen.

Degerli kennt hier in jedem Regal die veganen Produkte: Yufkateig für Baklava, fadiger Engelshaarteig für Künefe, Haselnusspaste, die wie Giotto schmeckt. An der Kasse filmt Degerli, wie sie die Zutaten für İmam bayıldı in den Rucksack packt.

Der Rucksack ist aus recyceltem Meeresplastik hergestellt. "Mit denen habe ich eine Kooperation", sagt Degerli. Das heißt, sie zeigt den Rucksack in ihren Storys und bekommt dafür Geld vom Hersteller. "Das mache ich aber nur für Produkte, die ich fühle", sagt sie. Recycelte Rucksäcke eben oder Bio-Himbeerpulver ohne Zusätze oder Pistazienmus aus 100 Prozent Pistazien oder einen Gasgrill vom Möbelhaus. Anfragen bekomme sie auch oft für Diät-Shakes oder teure Cremes. Aber die fühle sie nicht. "Für solche Kooperationen bekommen Influencer wie ich manchmal 100 Euro, manchmal aber auch vierstellige Beträge", sagt Degerli. Für sie liege der Fokus aber nicht auf den Werbepartnerschaften, sondern auf ihrer eigenen Marke.

Serayi Degerli schlüpft bewusst in die Rolle der "orientalischen" Köchin. © privat

Degerli hat einen Realschulabschluss und nach einer Ausbildung als Make-up-Artistin bei Modeschauen in Stuttgart gearbeitet. Sie hatte eine Schilddrüsenunterfunktion, litt seit der Pubertät unter einer Stoffwechselerkrankung und wog mehr als 100 Kilo. Diäten hatte sie einige ausprobiert. "Mein Vater hat vor ein paar Tagen ein Foto aus dieser Zeit gefunden und mir geschickt", sagt sie und zeigt ein Bild auf ihrem Handy. Darauf ist sie als 20-Jährige zu sehen, die Wangen voller, mit müdem Gesichtsausdruck. "Da sehe ich echt aus wie ein anderer Mensch. Obwohl ich jetzt ein paar Jahre älter bin, fühle ich mich heute jünger, viel frischer und lebensfroher und bekomme das auch immer wieder von anderen gespiegelt. So viel kann ein anderer Lifestyle ausmachen", sagt sie. Degerli wollte abnehmen und schaute deshalb Dokus über Ernährung, die sie zu Dokus über Fleischproduktion brachten. "Ich wusste, dass Schweine und Hühner in Deutschland vollgepumpt mit Medikamenten und überzüchtet sind, aber ich dachte, das betrifft mich nicht, mein Fleisch ist ja helal", sagt sie.

In einer amerikanischen Doku sah sie, dass auch helal geschlachtete Hähnchen, also nach islamischen Vorschriften geschächtete, Medikamente bekamen, überzüchtet waren und am Fließband getötet wurden. "Seitdem sehe ich bei einem Hähnchendöner die Tiere vor mir, wie sie an den Füßen baumeln, gerade geköpft und noch zucken", sagt sie. Sie fing an zu kochen. Bisher hatte das meist ihre Mutter gemacht, die im selben Haus lebt – wie auch Degerlis Vater und ihr Bruder mit seiner Familie. Erst ließ sie das Fleisch weg und dann auch alle anderen Tierprodukte.  Seit sechs Jahren lebe sie ausschließlich vegan. Seitdem nahm sie 40 Kilo ab. Und arbeitet nun ausschließlich selbstständig, und nicht mehr als Make-up-Artistin. Diese Geschichte erzählt sie nicht nur für diesen Artikel, sie hat darauf auch ihr Business aufgebaut. Orient trifft fit heißt ihr zweites Kochbuch. Ein Buch mit einer Story und einem Versprechen verkauft sich nun mal besser.

Diese Inszenierung des Abnehmens kann auch ganz schön problematisch sein. Deshalb hat sie unter den Post, auf dem sie Vorher-nachher-Bilder und Tagebucheinträge von früher zeigt, eine Triggerwarnung geschrieben: Wer mit einer Essstörung zu kämpfen hat, bitte nicht weiter swipen. In ihrem neuen Kochbuch gibt es Kalorienangaben, aber versteckt hinter QR-Codes, damit sie niemand sehen muss, der sie nicht sehen will. Sie selbst zählt auch nicht, weil ihr das den Geschmack und das Körpergefühl vermiesen würde. "Aber die Wahrheit ist halt auch: Das Abnehmen hat verdammt viel in meinem Leben verändert. Ich bin bewusster geworden mit Lebensmitteln, bewusster im Leben. Früher hatte ich Tage, da wollte ich nicht rausgehen, nichts anziehen, weil ich mich nicht wohlgefühlt habe unter anderen Menschen. Ich bin 1.000-prozentig dafür, dass wir alle eine positive Einstellung zu unseren Körpern brauchen. Mein Weg war so. Wer Bock hat, kann es machen wie ich. Und wer nicht, halt nicht", sagt sie.

Wen sie eigentlich erreichen möchte, mit dem veganen orientalischen Essen? "Ich erkläre das immer mit zwei Personas. Die eine nenne ich Laura, die ist 24, Studentin, isst schon länger vegan und hat jetzt Lust, mal was Neues auszuprobieren. Die findet meine Ideen ein bisschen exotisch und versucht dann auch mal, sich einen Turban zu binden, wie ich es manchmal mache.

Die andere ist Fatima. Die ist schon Anfang 30, hat zwei kleine Kinder. Ihr Mann will jeden Tag Fleisch, aber Fatima hat Bedenken, ob das so gesund ist. Deshalb probiert sie jetzt auch mal was Veganes aus."

Manche sind aber nicht so offen wie die fiktive Fatima. Degerli bekommt auch ab und zu Nachrichten, in denen sie beschimpft wird. Dass das gegen die Religion sei, weil Fleisch essen im Islam doch erlaubt sei, ja sogar von Gott empfohlen. Besonders schlimm war es, als sie eine Kampagne zum Opferfest machte, dem höchsten islamischen Feiertag, an dem in vielen Familien ein Tier geschlachtet wird.

Vor drei Jahren postete Degerli drei Fotos, auf denen sie ein Schild hält: "Warum ich am Opferfest nicht schlachten werde!" Darunter führt sie mehrere Gründe auf: den sehr hohen Fleischkonsum ("Ich sehe das Problem bei der Gier des Menschen") und die Überfischung und Umweltzerstörung ("Und wenn ich vor meinem Schöpfer stehen werde, werde ich ihm sagen, dass ich ihn, seine Natur, seine Schöpfung und seine Geschöpfe so sehr geliebt habe, dass ich es nicht ertragen konnte, ein Teil dieser Zerstörung zu sein."). Danach bekam sie Drohnachrichten.  

"Die meisten Menschen, denen ich begegne, sind offen für Tierschutz, aber es gibt immer welche, die es ablehnen, auf Fleisch zu verzichten", sagt Degerli. "Und warum machst du nicht Weihnachten schlecht? Da wird doch auch eine Gans gegessen", hätten ihr manche geschrieben. "Es gibt schon viele Tierschutzaktivisten, die sich mit christlichen Festen beschäftigen und was da gegessen wird", sagt Degerli. "Aber weil ich Bayram feiere, liegt mir das am Herzen, auch in muslimischen Communitys darüber zu sprechen. Genauso, wie ich das für andere Feste und Kulturen wichtig finde." Auf Instagram schreibt ihr ein paar Tage nach diesem Treffen jemand: "Aber Fleisch ist halal für uns, ob du willst oder nicht." Degerli antwortet: "Nachdenken und reflektieren über Massentierhaltung ist halal für uns, ob du willst oder nicht."

Mittlerweile steht Serayi Degerli in ihrer Küche im weißen Mehrfamilienhaus. Das hier ist keine Edelstahl-Profigastro-Küche, sondern die von einer jungen Frau in einer Mietwohnung, die viele verzierte Schalen und Teegläser von Reisen mitgebracht hat, vor allem aus der Türkei, die sich in den Schränken stapeln. Hier probiert sie alle Rezepte aus, kocht die Gerichte für ihre Bücher und für Social Media.

Degerli macht Musik an (Elyanna, eine chilenisch-arabische Sängerin), schneidet Zwiebeln und leitet die Reporterin an, mitzuhelfen: Auberginen bitte im Zebramuster schälen und einritzen ("So zerfällt die uns nicht und wird trotzdem butterweich"), Paprika in feine Streifen schneiden, Petersilie hacken. Irgendwann würde sie auch gerne mal einen Kochkurs geben. Oft schreiben ihr Leute, dass sie denken, sie komme aus Berlin. Für Degerli ist das ein Kompliment.

Ob sie das eigentlich problematisch findet, wenn Laura, ihre andere Marketingpersona, sich einen Turban bindet, Elyanna hört und İmam bayıldı für ihre Mitbewohnerinnen kocht? "Ich weiß, was du meinst, diese ganze Debatte um kulturelle Aneignung. Also ich sehe das so: Wenn Laura damit eine gute Zeit hat, ist das doch schön. Ich will ja keine Barrieren schaffen, sondern möchte, dass wir uns näher kommen. Meistens sind es ja die Menschen, die so was ausprobieren, die weltoffen sein wollen", sagt sie. Eine Followerin habe ihr mal geschrieben: Sie habe vorher nie Kontakt zu Muslimen gehabt, jetzt seien ihre Vorurteile weniger. "Das finde ich doppelt heftig. Ich meine, wir sind in Deutschland, ich kann mir das kaum vorstellen, dass jemand hier noch nie Kontakt zu Muslimen hatte. Aber wie schön, wenn die das jetzt so sagen kann!", sagt Degerli.

Nur wenn jemand mit türkischen Rezepten Geld verdienen will, ein Restaurant eröffnet oder anfängt, Kochbücher wie ihre herauszugeben, aber zur türkischen Küche bisher keinen Bezug hat, darin nur einen Hype, einen Trend sieht – dann findet sie das komisch. "Ich finde es schöner, wenn man auch beim Essen merkt, wer der Mensch dahinter ist und was ihn geprägt hat. Ich bin mit diesem Essen aufgewachsen", sagt Degerli. Sie findet: Es wäre eine Bereicherung, wenn noch viel mehr Leute mithelfen würden, Traditionen beim Essen zu bewahren, zum Beispiel die Rezepte ihrer Großeltern bekannt zu machen. "In der deutschen Küche gibt es ja richtig gutes Brot und Kuchen", sagt sie.