© Nikita Teryoshin

Henry Maske Unser Henry

In der Erinnerung vieler Ostdeutscher gab es keinen größeren Sportler als den Boxer Henry Maske. War ihm seine Vorbildrolle bewusst? Und wie denkt er heute über seine Heimat? Von
ZEITmagazin Mann Nr. 1/2018

Mit sechs oder sieben Jahren habe ich nachts manchmal sehr viel länger wach bleiben dürfen, als das Jungs in diesem Alter eigentlich dürfen sollten. Das war immer dann, wenn Henry Maske boxte, das Idol meiner Kindheit, mein Idol der frühen, mittleren Neunziger. Ich war sehr stolz auf ihn.

Ich glaube, dass der Stolz, den man als Kind empfindet, der beste ist – weil man sich nicht schämt dafür. Als Kind ist man nicht verklemmt stolz, sondern frei. Erst viele Jahre später kann einem klar werden, was das Besondere an den großen Momenten des Kinderstolzes gewesen ist. Dass man vieles schon mitdachte, ohne das zu ahnen. Heute weiß ich, dass Henry Maske der Held war, den wir Ostdeutschen brauchten.

Ich bin inzwischen 30 Jahre alt, ich sitze im ICE und fahre zu ihm – weil ich wissen will, ob er dieser Held geblieben ist. Meine Reise fühlt sich sehr wichtig an, zugleich aber auch ein bisschen albern. Ich erhoffe mir Rat von Henry Maske in einer Zeit, in der der ostdeutsche Mann in Verruf gekommen ist. Der ostdeutsche Mann hat sich verändert. Er wird nicht mehr unterschätzt, sondern gefürchtet. Ist Henry Maske noch derselbe?

In meiner Erinnerung gibt es eigentlich keinen größeren Sportler. Irgendwie, auch wenn das kitschig klingen mag, war er vor 25 Jahren der große Bruder, der sich für uns schlug. Jeder bei uns im Osten schaute seine Kämpfe. Wir hielten uns an Maske fest, weil er es für uns mit der ganzen Welt aufnehmen konnte.

Ich mag Boxen eigentlich gar nicht. Boxen ist roh, ernst, unironisch. Aber Henry Maske war kein Boxer wie die anderen. Er war ein taktvoller Sportler, er prügelte sich nicht, er boxte strategisch, er war klug, er war im Grunde das völlige Gegenteil dessen, was die Leute von uns Ossis erwarteten. Henry Maske gab uns die Sicherheit, dass man im Leben ohne Brutalität gewinnen kann, mit der Kraft einer Strategie, mit Souveränität im Herzen. Er gab uns die Gewissheit, dass man Anerkennung erreichen kann und zugleich Haltung bewahren. Sie nannten ihn den "Gentleman-Boxer", weil er so gute Manieren hatte. In einer Zeit, in der die Wende-Euphorie zu verrauchen begann; in der andere Männer Ende 20, Anfang 30 keine Ahnung hatten, wie es weitergehen soll – in dieser Zeit war Maske der Anker.

Dieser Text stammt aus dem ZEITmagazin MANN – ab 13. März 2018 am Kiosk

Das ist das, was mir als Kind natürlich nicht klar war, aber was ich offenbar doch fühlte. Unser Weltmeister aus Frankfurt (Oder). Unser Henry. Kann der Osten heute noch etwas von einem seiner alten Helden lernen? Dass in meiner Heimat, im Osten, etwas ins Rutschen geraten ist – das liegt, glaube ich, auch daran, dass den Ostmännern die Vorbilder abhandengekommen sind. Als ich in den vergangenen Jahren innerlich nach Rat suchte; als ich mich fragte, was eigentlich los ist mit den Leuten in meiner Heimat, wieso sie AfD wählen und zu Pegida laufen – da musste ich komischerweise immer wieder an Maske denken. Wie fühlte es sich damals an für ihn, der erste Held zu sein? Und wie fühlt es sich an, die Heldenzeit hinter sich zu haben? Viele Sportler sind nach ihrer Karriere vom Helden zur tragischen, sogar lächerlichen Figur geworden. Von ihm, Maske, hört man nichts Gutes und nichts Schlechtes. Er besucht kaum eine Gala, er wurde nie besoffen in einer Disco fotografiert, er hat sich keine Rosenkriege geliefert und taucht nicht am Rande irgendwelcher Skiflug-Weltmeisterschaften auf. Ich finde, dass man allein davor schon viel Respekt haben kann.

Vor ein paar Monaten habe ich Henry Maskes Assistentin eine etwas verklausulierte, ziemlich gestelzte Mail geschrieben. Ich wolle ihn treffen, weil er ein Vorbild für mich gewesen sei. Ich fühlte mich wie ein Groupie. Sie antwortete mir nach Wochen erst. In kurzen, kühlen Sätzen: dass ich schon vorbeikommen könne, aber erst in ein paar Monaten, und viel Zeit werde dann auch nicht sein. Ich glaube, sie fand mich seltsam.

Ich habe viel gelesen über das Nachkarriere-Leben von Henry Maske. Er lebt heute in der Nähe von Leverkusen, betreibt dort zehn McDonald’s-Filialen. Das ist natürlich ein bisschen bizarr. Andererseits: Ist es nicht auch das Gegenmodell zum Nachkarriere-Leben von zum Beispiel Boris Becker? Absolute Solidität. Seine Filialen verwaltet er offensichtlich von dem Leverkusener Büro aus, in das ich eingeladen bin.

Es regnet, als ich aus dem Zug steige, es ist kalt. Leverkusen ist eine Stadt, wie man sie nur noch im Westen kennt. Der Osten hat auf Hochglanz sanierte Marktplätze. Leverkusen hat überhaupt keinen richtigen Marktplatz. Der Bürobau, in dem Henry Maske untergebracht ist: pure Neunziger-Tristesse. An der Fahrstuhltaste steht sein Name. Oben muss ich durch eine Glastür, auf der tatsächlich das gelbe McDonald’s-M klebt. Dann durch noch eine Tür, hinten links am Gang.

Sein Büro sieht aus wie ein Henry-Maske-Museum: alles voller Vitrinen mit Auszeichnungen © Nikita Teryoshin

Und da steht er schon, 54 Jahre alt, 1,90 Meter groß, wahnsinnsschlank. Er sieht noch aus wie früher. Er lächelt nicht. Er hat so einen konzentrierten Ich-muss-gleich-kämpfen-Blick. Ich lächle, vielleicht gerade deshalb, übertrieben. "Viel Zeit haben wir nicht!", sagt er. Tatsächlich diesen Satz.

Die Begrüßung: freundlich, aber nicht zu nett. Höflich, aber nicht überschwänglich. Bitte, ich könne mir einen Platz auf der Couch aussuchen. Es ist so eine Ledercouch, die auch beim Besitzer eines Autohauses stehen könnte: sicher teuer. Jetzt fällt mir erst die Einrichtung auf: ein Henry-Maske-Museum. Alles voller Vitrinen mit Pokalen, goldenen Bambis, Medaillen. Urkunden, Ehrenplaketten, Auszeichnungen.

Eigentlich sollte ich die Fragen stellen, aber Henry Maske ist halt Boxer, er ist schneller als ich.

"Wie alt sind Sie?", fragt er. 1988 geboren, sage ich. "Das heißt, Sie haben eigentlich nur meine Profikarriere verfolgt, wenn überhaupt. Dann haben Sie mich so mit fünf, sechs, sieben, acht Jahren erlebt. Durften Sie meine Kämpfe überhaupt gucken?"

Jetzt hat er mich so weit, dass ich mich also wirklich rechtfertigen muss: Mein Vorbild zweifelt direkt mal an, dass er überhaupt Vorbild ist. Aber, sage ich, genau darüber will ich reden. "Vorbild", sagt Maske. Kurze Pause. "Das ist herausfordernd für alle Beteiligten." Das sagt er wie ein Papa, der einem die Jugendflausen austreiben will. Er ist, wird mir jetzt klar, genauso alt wie mein Vater; ein paar Monate jünger nur. Und er hatte seine größte Zeit, als er so alt war, wie ich es heute bin. Weltmeister. Die Väter fast aller Kinder in meiner Schulklasse schlugen sich ja wirklich durch, damals: als Lkw-Fahrer, als Fleischergesellen, als Lagerarbeiter. Die meisten hatten früher einmal etwas anderes gelernt. Manche wurden arbeitslos. Er wurde Weltmeister.

Vorhin, im Zug, habe ich bei YouTube noch mal in die alten Kämpfe geschaut. Henry Maske gegen Graciano Rocchigiani, zweimal begegneten sie sich 1995 im Ring, ich kann mich noch an die verrücktesten Details erinnern. Frau Rocchigiani, wie sie immer reinbrüllte, was auch immer sie da brüllte. Die "Henry Maske"-Gesänge und "Henry, Henry, Henry"-Rufe aus dem Publikum, aus dem man aber nie ein lautes "Graciano!" hörte. Ich weiß auch noch, wie Maske im ersten der beiden Kämpfe am Ende der zwölften Runde kurz zu Boden ging, völlig erschöpft. Ich weiß, wie er trotzdem den Sieg zugesprochen bekam, aber die Fäuste nicht einmal mehr richtig zum Jubeln heben konnte. Was ich auch noch vor mir sehe, ist das bizarr geschwollene Gesicht von Graciano Rocchigiani gegen Ende.

Ich finde, der Kontrast zwischen Rocchigiani und Maske erklärt komplett, was Maskes Erfolg ausmachte. Rocchigiani war der Blut-Schweiß-Tränen-Boxer, der Prügler, der aus Kämpfen mal als Sieger und mal als Verlierer herausging, aber immer mit geschwollenen Augen und geschundenen Fäusten. Weil er sich keilte, dass es spritzte. Ein Showboxer, ein Käfigkämpfer; einer, der Boxen als Brutalsport durchlitt.

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