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Polizeireporter Bendixens Fälle

Nie schlief er ohne das Polizeifunkgerät auf dem Nachttisch. Und im Theater saß er immer am Rand, um sofort losfahren zu können, wenn es irgendwo in Bayern dramatisch wurde: Der Polizeireporter Oliver Bendixen erzählt, was er in seinen vierzig Berufsjahren über Verbrecher gelernt hat. Interview:
ZEITmagazin Mann Nr. 2/2018

ZEITmagazin MANN: Herr Bendixen, Sie sind seit 40 Jahren Polizeireporter: Gab es Momente, in denen Sie Angst um Ihr Leben hatten?

Dieser Text stammt aus dem ZEITmagazin MANN 2/18 – ab 4. September 2018 am Kiosk.

Oliver Bendixen: Der vielleicht heftigste Moment hatte gar nichts mit der Polizei zu tun. Ich war junger Journalist beim Münchner Merkur, als ich nach Friaul in Italien geschickt wurde, zwei Tage nachdem dort die Erde gebebt hatte. Es hatte viele Tote gegeben. Mit einigen anderen Journalisten wohnte ich in Udine, in einem wenig schönen Hochhaus, im achten Stock. Und plötzlich, mitten in der Nacht, bebte die Erde wieder, das ganze Haus wackelte. Und ich im achten Stock! Das ist ein Gefühl! Sie können sich gar nicht vorstellen, wie schnell wir alle da unten waren.

ZEITmagazin MANN: Ihnen hat nie ein böser Mensch eine Knarre an den Kopf gehalten?

Bendixen: Ich begleitete einmal eine Zivilstreife, die einen Mann aufsuchen sollte, der telefonisch angekündigt hatte, dass ein Fliegerhorst in der Nähe jetzt gleich in die Luft fliegt. Die Beamten klopften an der Tür, ich stand daneben. Dann ging die Tür auf, und eine doppelläufige Flinte kam uns entgegen. Später stellte sich heraus, der Typ war besoffen und die Waffe eine Attrappe, aber den Anblick dieser Flinte vergesse ich nicht.

ZEITmagazin MANN: Sie haben sich nie gescheut, auch über gefährliche Themen zu berichten, organisierte Kriminalität etwa, Terrorismus. Gehören Bedrohungen zu diesen Recherchen manchmal dazu?

Bendixen: Selten, aber es kam vor, ja. Es gab in München mal Türken und Griechen, die den Glücksspielmarkt unter sich aufteilten, und die wollten nicht, dass ich darüber berichte. Und das haben sie mir auch deutlich mitgeteilt. Auch aus der Unterstützerszene der RAF, letzte Generation, kamen Drohungen, da mochte man nicht, wenn ich etwas gründlicher nachfragte.

ZEITmagazin MANN: Sie haben gute Nerven?

Bendixen: Ich glaube schon. Aber das heißt nicht, dass ich mir nicht manchmal Sorgen mache. Ich war öfter bei Pegida-Demonstrationen in München. Einmal hetzte ein Redner über die "Lügenpresse" und sagte, hier vorne links steht übrigens Herr Bendixen vom Bayerischen Rundfunk. Da wird einem schon etwas mulmig.

Oliver Bendixen © Dominik Gigler

ZEITmagazin MANN: Sollte man als Polizeireporter mit Waffen umgehen können?

Bendixen: Nein, das gehört sicher nicht zur Berufsbeschreibung. Aber ich kann mit Waffen umgehen. Ich bin Mitglied in zwei Schützenvereinen, einer von ihnen trägt den schönen Namen "Almenrausch". Mit der Luftpistole wurde ich sogar mal Schützenkönig. Für mich ist Schießen ein Sport.

ZEITmagazin MANN: Vier Jahrzehnte Polizeireporter: Das bedeutet...

Bendixen: ... dass ich über alle großen Kriminalfälle, Attentate, Morde in Bayern berichtet habe, die NSU-Mordserie gehörte auch dazu. Ich war immer als Berichterstatter dabei. Nur beim Oktoberfest-Attentat 1980 in München war ich gerade in Urlaub in Rom.

ZEITmagazin MANN: Einer der spektakulärsten Fälle war die Ermordung des Münchner Modezaren Rudolph Moshammer.

Kriminalbeamte untersuchen 2005 Rudolph Moshammers Rolls-Royce, nachdem der Modemacher erwürgt aufgefunden worden ist. Herisch Ali Abdullah wurde am Oberlandesgericht München wegen Mordes an Moshammer verurteilt. © Reinhard Kurzendörfer

Bendixen: Der Fall war schnell aufgeklärt, der Beweis kam durch eine DNA-Probe, das war damals noch Neuland. Moshammer war im Grunde an seinem Schicksal selbst schuld. Er hatte einen Stricher aufgegriffen und hatte ihm Geld versprochen, wenn er bestimmte Sachen mit ihm anstellt. Und nachher wollte er nicht zahlen, darauf hat ihn der Stricher erwürgt. Moshammer hatte eine schillernde Fassade, zugrunde gegangen ist er nicht an seinen Abgründen, sondern an seiner Knickrigkeit.

ZEITmagazin MANN: Ein weiteres Spektakel war die Ermordung des bekannten Schauspielers Walter Sedlmayr, der zeit seines Lebens seine Homosexualität im Verborgenen gehalten hatte.

Bendixen: Ich war damals als erster Journalist am Tatort, was vor allem daran lag, dass meine Wohnung 250 Meter von seiner Wohnung entfernt war. Später hat mir übrigens der Testamentsvollstrecker diese Wohnung angeboten. Ich habe überlegt. Die Vorstellung, dass Sedlmayr in der Wohnung gestorben ist, hätte mir nichts ausgemacht, schließlich ist in jeder Altbauwohnung irgendwann irgendjemand gestorben. Am Ende war mir die Wohnung aber zu laut.

ZEITmagazin MANN: Bevor sich herausstellte, dass Sedlmayr von zwei Geschäftspartnern umgebracht wurde, fahndete die Polizei auch in der Stricherszene. Gibt es eine Erklärung dafür, dass dieses Milieu so anfällig für Kriminalität ist?

Walter Sedlmayr, hier vor seinem Münchner Gasthaus "Beim Sedlmayr" © Mehl

Bendixen: Das hatte mit dem gesellschaftlichen Tabu zu tun. Es ging oft um Erpressung: Wenn du nicht tust, was ich will, sage ich überall, dass du schwul bist. Heute ist das weitgehend kein Tabu mehr, und es gibt diese Fälle auch nicht mehr. Das hat mit dem gesellschaftlichen Wandel zu tun. Ein anderes Beispiel: Früher gab es viele Prostituiertenmorde. Seit Teile dieser Szene raus sind aus der Schmuddelecke und sich Puffs wie Wellnesstempel präsentieren, geht die Anzahl dieser Mordfälle stark zurück. Kriminalität hat immer auch mit gesellschaftlichen Entwicklungen zu tun.

ZEITmagazin MANN: Sind Sie in Ihrer Arbeit dem Bösen begegnet?

Bendixen: Muss ich nachdenken. Also, es gab mal einen Polizisten, der tötete aus Habgier seine Ex-Partnerin und deren neuen Freund, köpfte die Leichen, hackte die Hände ab, damit man sie nicht identifizieren konnte, und verbuddelte die Leichen. Und ging dann anschließend zu einer Betriebsfeier. Also der ist schon auf der Liste der Bösen ganz weit oben. Aber wissen Sie, ich bin nicht so einer, der sich die Frage stellt: Woher kommt das Böse? Ich bin eher nicht so der Philosoph.

Die Polizei sicherte nach dem Mord an Sedlmayr dessen Wohnungstür mit einem Absperrband. Am 16. Juli 1990 um 2.30 Uhr morgens wird seine Leiche in einem Sarg aus der Wohnung getragen. © Istvan Bajzat/dpa Picture-Alliance

ZEITmagazin MANN: Was sind Sie dann?

Bendixen: Ich sehe mich als Chronisten. Ich berichte über die Kriminalität in einer Stadt, in einer Region. Wenn eine Geschichte spannend ist, erzähle ich sie. Ich gehe sehr pragmatisch an solche Sachen ran. Ich tue mich manchmal auch schwer, wenn ich Journalistenkollegen sehe, die sich gern schrecklich darüber aufregen, was für Unrecht gerade geschieht. Ich rege mich eher weniger auf, beschreibe lieber, was ist und was nicht ist.

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