1:24 zeigt meine Uhr im Licht der Taschenlampe. Die Überlegung, ob ich mich aus dem Schlafsack schälen und das Zelt verlassen soll, um dem nächtlichen Bedürfnis nachzugeben, der sich wenigstens einmal in der Nacht wegen der tagsüber getrunkenen Flüssigkeitsmengen einstellt, erübrigt sich. Ich muß raus, weil andernfalls an ein Weiterschlafen nicht mehr zu denken ist. Wir campieren mit unseren Zelten in Gorak Shep, unserem höchsten Übernachtungspunkt, laut Karte 5140 Meter über dem Meeresspiegel und zirka 10 Kilometer vom Everest-Gipfel entfernt. Im Zelt sind es um die Null Grad, draußen zwischen - 5 und - 10 Grad Celsius. Also: den Reissverschluß des Schlafsacks öffnen, im Durcheinander von Rucksack, Kleidungstücken, Trinkflaschen etc. die Schlappen suchen, die Jacke anziehen - möglichst alles sehr leise, damit mein Zeltpartner Karsten nicht unnötigerweise geweckt wird. Der Reißverschluß surrt an der straff gespannten und von außen gefrorenen Zeltplane entlang. Draußen empfängt mich die frische aber erträgliche Kälte. Über mir wölbt sich ein glasklarer, dunkler Nachthimmel mit tausenden Sternen. Das riesige Felsmassiv des Nuptse mit dem dahinter aufragenden Everest ist unwirklich deutlich im Sternenlicht zu sehen. Im Gewirr erkenne ich einige der mir vertrauten Sternenbilder. Ein kurzes Gefühl der Verbindung mit der Heimat stellt sich ein. Mit dem Lichtkegel der Taschenlampe ertaste ich den Weg zwischen den Zelten, Schnüren und den Yaks Richtung Toilettenzelt. Nachdem ich mich wieder ins Zelt begeben und in meinen Schlafsack gewickelt habe, beobachte ich einige Zeit meine, für diese nächtliche Unterbrechung lächerlich angeregte Atmung. Mit der einsetzenden Verlangsamung von Atmung und Herzrhythmus kommt noch einmal der Schlaf. Fantastischer Blick aus der Lodge im Abendlicht

Als unsere Sherpas mit dem "early morning tea" ans Zelt kommen, bin ich schon wach. Die Sonne scheint, aber es ist noch kalt. Der Wind drückt von Süden einige Wolken Richtung Pumo Ri, Lho La Pass und Everest. Die Morgentoilette reduziert sich angesichts der Temperaturen auf eher Symbolisches. Wir frühstücken heute in dem rundum verglasten Lodgeraum. Sudama, unser einheimischer Reiseleiter und allzeit gute Seele, informiert uns über politische Unruhen und Straßenschlachtenin Kathmandu. Wir diskutieren kurz über die schon mehrfach angesprochenen politischen Probleme des Landes. Ist es zu egoistisch, auch daran zu denken, dass sich die Angehörigen in Deutschland keine Sorgen machen mögen?

Heute beginnt unser Rückmarsch mit der zugleich längsten Tagesetappe von zirka 16 Kilometern Länge. Unser Ziel ist Pangboche, auf einer Höhe von rund 4000 Metern gelegen. Mit der Besteigung von Kala Patthar und dem Besuch im Base Camp an den beiden Tagen zuvor haben die meisten ihre Ziele erreicht. Die Sherpas haben schon die Zelte abgebaut und sind dabei, die Tragtiere zu beladen. In kleinen Gruppen machen wir uns auf den Weg. Zunächst geht es über den Gletscher des Changri, der in den Khumbu Gletscher mündet. Für uns ist der Gletscher nur als eine wüste Landschaft aus Steinen erkennbar, die das darunter liegende Eis bedecken. Unser Weg windet sich zwischen tonnenschweren Felsbrocken und Geröll auf und ab. Die kleinen Anstiege erinnern uns noch einmal an die Anstrengungen der letzten Tage. Mir gehen Begriffe wie Umkehr, Rückkehr, Abstieg durch den Kopf, Begriffe, die unser heutiges Programm beschreiben, aber doch sehr Unterschiedliches bedeuten. Vermutlich ist jeder von uns erleichtert, dass es nun bergab geht. Hinter dem Lobuche Pass verläuft der Weg parallel zu den Gesteinsmassen des Khumbu-Gletschers relativ flach und leicht fallend. Der Weg ist einfach zu gehen und bald erreichen wir Lobuche, einen eher trostlosen Ort mit wenigen Häusern. Auf einer Mauer sitzen drei junge Mädchen in der typisch bunten und gepflegten Bekleidung und kämmen sich die Haare. Mit einem dezenten, sehr charmanten Lächeln reagieren sie auf meinen wohl zu direkten Blick.

Hinter Lobuche setzt sich der Weg auf der Hochfläche neben dem Gletscher fort. Während vor Lobuche von Vegetation nichts zu sehen war, tauchen jetzt erste kleine rosafarbene Blumen auf. In Größe und Form ähneln die Blüten unseren "Vergiß-mein-nicht". Einige Blüten stehen zusammen auf einem kurzen Stiel.

Zwischenzeitlich hat die Bewölkung stark zugenommen. Wir wandern jetzt unter einem grauen Himmel dahin. Von den uns umgebenden Bergriesen ist nichts mehr zu sehen. Beim Thokla Pass, an dem einige Chörten an ums Leben gekommene Bergsteiger erinnern, windet sich der Weg zirka 200 Höhenmeter die Stirnmoräne, die bei einem früheren Vereisungsstand aufgeschoben wurde, hinab. In ihrer stoischen Art überwinden die uns entgegenkommenden, schwer beladenen Yaks auch die größten Steinstufen und schwierigsten Passagen. Am Fuß der Moräne ist in dem Weiler Dughla Gelegenheit zu einer Rast. Wegen des sich ankündigenden Regens bzw. Schnees verweilen die meisten von uns nur kurz auf einen Tee oder Kaffee. Direkt unterhalb von Dughla überqueren wir auf einer kleine Holzbrücke den Fluss, der vom Khumbu-Gletscher gespeist wird. Anschließend fällt der Weg nochmals rund 300 Meter ab ins Lobuche Khola Tal. Das flache Tal ist 1 bis 1,5 Kilometer breit und 4 bis 5 Kilometer lang. Unser Weg verläuft in der Mitte des Tals ohne großes Gefälle. Kleinere Bäche und Rinnsale, die wir auf den im Bachbett liegenden Steinen überqueren, fließen dem am westlichem Rand des Tales ablaufenden Gletscherfluss zu. Jetzt setzt der schon erwartete Schneefall ein. Der Wind treibt uns kleine Flocken entgegen und unser Blick bleibt auf Weg und Talboden gerichtet. Auf dem Grasboden wachsen intensiv riechende Mini-Rhododendren, kleine thujaartige Gewächse, eine Art Heide und zahlreiche der schon beschriebenen kleinen Blumen. Ich laufe jetzt alleine, weil der uns begleitende Sherpa bei einer hinter mir laufenden Teilnehmerin geblieben ist. In Gedanken versunken wandere ich fast mechanisch den Weg entlang. Ich denke an Chatwins "Traumpfade", die Bedeutung des Gehens für Menschen und Menschheit, an "äußere und innere Wege" und mir scheint, dass die Bewältigung der äußeren Wege, von denen wir in den letzten Tagen viel gehört haben, nicht notwendigerweise mit der Bewältigung innerer Wege korrespondieren muß, ja möglicherweise eine alternative Entscheidung verlangt ...

Der Weg strebt auf Pheriche, unsere nächste Pausenstation, zu. Die Feld-Einfriedungen aus Stein, die mich sehr an Irland erinnern, nehmen zu. Als ich den Ortseingang erreiche, hört das Schneetreiben auf. Hinter den ersten Häusern ist ein Windrad zu erkennen. Gelegentlich schon haben wir Solarkollektoren gesehen. Der meiste Strom soll aus kleinen Wasserkraftan-lagen stammen, von denen ich aber noch nichts sehen konnte. Unsere Gruppe ist in der Hima-layan Lodge eingekehrt. Hier erfahren wir von Sudama, dass Margot, die vorgestern mit einem Sherpa nach Pheriche in die kleine Krankenstation abgestiegen war, eine Lungenentzündung haben und nach Lukla oder Kathmandu geflogen werden soll. Eine kleine Delegation macht sich mit den besten Wünschen von uns allen versehen auf zu einen Krankenbesuch. Die übrigen stärken sich bei einem warmen Essen und einer längeren Rast. Während unserer Pause hat sich der Himmel wieder aufgehellt. Bis Pangboche, unserem Übernachtungsort, sind es noch zirka 5 Kilometer. Wir kommen durch eine Reihe kleinerer Orte, die oberhalb des Imja Khola Flusses am Berghang liegen und alle einen gepflegten Eindruck machen. Als wir unser Ziel erreichen, ist der Himmel wieder klar. Aus unserem Lodgeraum haben wir nach Nordos-ten nochmals einen wunderschönen Blick auf Nuptse und dahinterliegenden Everest. Im Südwesten ist hinter einer Felskette die gänzlich vereiste Kuppe des Numbur zu sehen.