Nachdem die geographischen Gipfel der Reise nun hinter uns liegen, erwartet uns heute der spirituelle Höhepunkt unserer Nepaltour. Heute morgen sind wir zu Gast im Kloster Tengboche und eingeladen zu einer Puja, die der Abt des Kloster nur für unsere Gruppe abhält. Früh um acht Uhr treffen wir uns vor dem Kloster zum Gruppenfoto, um rechtzeitig um halb neun im kühlen Innenraum des Klosters Platz zu nehmen. Wir setzen, hocken, kauern uns im flackernden Licht der Butterlampen mit dem Rücken zu den mit Szenen aus der buddhistischen Mytologie bunt bemalten Wänden - auf den Knien oder im Lotussitz, denn die Füße sollen bei diesem buddhistischen Gottesdienst niemals nach vorne zeigen. Im inneren Bezirk des Raumes hocken die Mönche mit ihren purpurroten Umhängen und gleichfarbigen Fleecejacken vor der Kühle geschützt. Vor dem überdimensionalen Buddha an der Stirnwand des Gebetsraums hat der Rinpoche, der oberste Mönch, auf einem kleinen Podest im Lotussitz Platz genommen. Das Raunen und das Murmeln und der Sprechgesang der Mönche, das Rezitieren der heiligen Schriften beginnt, immer wieder unterbrochen vom Schlagen der Trommeln, dem Klingen der Zimbeln und dem dumpfen Dröhnen der riesigen Posaunenhörner. Audienz beim Rinpoche Eine Stunde entführt uns dieser Gottesdienst in diese so fremde Welt, jeder von uns hängt seinen Gedanken nach, sie schweifen zurück zu den vergangenen Tagen, den Strapazen der Anstiege, dem Glücksgefühl auf den Wegen und dem Gipfel des Kala Pattar. Und die Gedanken richten sich auch auf die Realität unseres Alltags, der uns Zuhause wieder einfangen wird. Dann ist die Puja plötzlich vorüber und wir sammeln wieder die Gedanken. Vor Beginn der Puja hatten wir auf Geheiß von Wolfi Nairz eine Kata gekauft, jenen weißen oder gelben Gebetsschal, den der Abt nun segnen soll. In langer Prozession gehen wir vorne beim Rinpoche vorbei, überreichen ihm den mit einer Geldspende fürs Kloster versehenen Gebetsschal und bekommen diesen dann vom Abt mit mit um die Schulter gelegt. Später übernimmt diesen Dienst dann einer der älteren Klosterschüler.Anschließend erweist uns der Rinpoche dann eine große Ehre und bittet Reinhold, Wolfi, Peter Habeler und mich zu einer Audienz in seine Privaträume. Seit 47 Jahren steht Ngawang Tenzin Jangpo Rinpoche diesem wichtigsten Kloster in Nordnepal vor. Tengboche Rinpoche ist ein Tulku, das heißt, er gilt als Reinkarnation seines Vorgängers, der das Kloster zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Ableger des berühmten Klosters Rongbuk in Tibet hier auf der Nordseite des Mount Everest gründete. Er erzählt von den 60 Mönchen, die heute in Tengboche leben und den 40 kleinen Mönchsschülern aus armen Familien, die Leben in die neuen Klassenräume bringen und die Bücherei mit den alten Schriften. Tengboche lebt und überlebt heute von und mit den Touristen, denn das Kloster liegt bekanntlich an der Haupttrekkingroute Nepals zum Everest. Drei der fünf Lodges werden von Mönchen des Klosters betrieben und das Öko-Besucherzentrum neben dem Kloster klärt Besucher wie Sherpas über die fragile Berwelt und das Klosterleben auf. Ein Besucher-Shop verkauft Postkarten, Wandteppiche, T-Shirts, Sacred-Land-Räucherstäbchen und andere religiöse Souvenirs und finanziert mittlerweile eine gemeinsame Klosterküche, die für alle mit Propangas kocht und hilft, die Abholzung des gefährdeten Waldes einzuschränken.Begeistert berichtet der Abt von seinem neuesten Projekt, dem Aussterben von wertvollen medizinischen Hochgebirgspflanzen entgegenzuwirken und der traditionellen einheimischen tibetischen Medizin zu neuer Blüte zu verhelfen. "Sacred Land" heißt die Initiative, die den Sherpas eine neue Einkommensbasis und eine bessere medizinische Versorgung schaffen soll. Betreut wird das Projekt von dem Deutschen Michael Schmitz, der seit sechs Jahren hier oben versucht, eine angepasste Entwicklung zu unterstützen. Voriges Jahr wurden der Abt und das Projekt vom deutschen "Studienkreis für Tourismus und Entwicklung" in Berlin mit dem "ToDo-Preis" für eine nachhaltige Entwicklung ausgezeichnet. Ein traditionell ausgebildeter Mediziner aus dem Umfeld des Dalai Lama und ein Pharmazeut arbeiten bereits unter der Anleitung des Rinpoche. Die erste medizinische Versuchspflanzung unten bei der Lodge von Ang Kantschi arbeitet schon erfolgreich und 14 verschiedene Medikamente gehen in Produktion. Einen weiteren Traum träumt der Rinpoche - von einer Boardingschool für die Sherpa-Kinder in Lukla, an der die Kinder weitere Fertigkeiten lernen können als in den Schulen der Hillary-Stiftung, im Sherpaland. "Was Hillary für unser Volk getan hat ist großartig", sagt der kleine Abt. "Doch die Schulen sind an das nepalische Schulsystem in Kathmandu ausgerichtet." Eine wichtige Vorbereitung für das Leben in der Welt. Aber der Rinpoche spricht auch von der Sherpa-Kultur, die immer mehr zu verschwinden droht, dem alten Wissen vom Überleben in dieser kargen Weltregion. Er erzählt von den Kulturvereinen der Sherpas in Kathmandu, in denen die Sherpa-Kinder, die ihre Heimat nur ncoh aus den Ferien kennen, alte Bräuche, Tänze und Gesänge lernen. "Eine Schule in Lukla, die traditionelles Wissen mit modernen Wissen kombiniert, das wäre wirklich großartig." Tief beeindruckt von diesem klugen und doch so heiterem, außergewöhnlichen Menschen verlassen wir nach einer Stunde das Kloster. Wenigstens einen kleinen Teil wollen wir zu den Initiativen des Rinpoche beitragen. Gemeinsam mit der ZEIT-Stiftung übernehmen Die ZEIT REISEN die Kosten für das Jahresgehalt eines Lehrers an der Klosterschule. Wandmalerei im Kloster Noch viel mehr Details erfahren wir dann anschließend bei einer Führung durch das Besucherzentrum von Michael Schmitz, die mit einem Film über die beeindruckende Geschichtge des Klosters beginnt. Dann führt er uns in die erste Etage des Klosters, wo verborgen hinter einer dicken Eichetür das Allerheiligste des Klosters liegt: Der Initiationsraum, in dem die fortgeschrittenen Schüler von ihrem obertsten Lehrer, dem Abt, die höheren Weihen des Buddhismus verliehen bekommen. Decken und Wände sind kunstvoll verziert, in den Nischen hölzerner Schreine stehen Jahrhunderte alte Bronzen des obersten Schutzheiligen Padmasambhava und anderen Götterfiguren. Zweieinhalb Stunden hat uns Michael Schmitz in die Geschichte und die Geheimnisse des Kloster eingeführt. Danke Michael.Den Rest des Tages geht jeder seinen Gedanken nach, unternimmt kleine Wanderungen durch den Rhododendronwald oder hinauf zum Aussichtspunkt, schreibt Tagebuch in der Lodge oder fotographiert die beeindruckende Achttausenderkulisse, die uns auch heute wieder mit spektakulären Blicken verwöhnt. Am Abend werden wir von Ang Kantschi noch einmal mit Tschang bewirtet, so dass sich Mancher erneut schweren Schrittes Richtung Schlafsack bewegt.Eine Fotoauswahl zum 15. Reisetag finden Sie hier»Nächste Folge : Bernd Loppow über den Rückweg nach Namche Basar, heißen Apfelstrudel und Kakao in der Everest Bakery