Zweihundert. Hundert von der nördlichen tibetischen Seite und hundert von nepalischer Seite. So viele Bergsteiger sollen gestern auf dem Gipfel des Everest gewesen sein. Es wären die ersten in dieser Saison, die sich langsam dem Ende entgegenneigt, da die Monsunzeit vor der Tür steht. Mit dieser Zahl im Kopf krochen wir am Morgen aus dem warmen Schlafsack. Zum Frühstück wurde die Zahl korrigiert: Es sollen nur 34 Leute oben gewesen sein. Wie dem auch sei, wir machen uns heute auf den Weg ins Basecamp auf 5364 Metern Höhe, um uns selber ein Bild zu machen vom Trubel um das Jubiläum des Everest. Von unserem Zeltlager in Gorak Shep windet sich ein schmaler Pfad entlang des Khumbu-Gletschers nach Norden. Spalten und Gletscherseen bieten einen Blick auf sein Inneres: blau schimmert das Eis zwischen den grauen Geröllmassen. Besuch bei der nepalisch-indischen Expedition, im Hintergrund der Khumbu-Gletscher

Nach gut zwei Stunden erreichen wir das Basecamp. Etwas unvermittelt beginnt die temporäre Siedlung aus hunderten von Zelten. An der westlichen Flanke des Gletschers erstreckt sie sich über gut einen Kilometer Länge bis zum Ansatz des Western Cwm. Grosse Messe- und Küchenzelte, Kuppelzelte und die typischen Toilettenzelte sind in loser Anordnung und in vielen bunten Farben auf dem steinigen Grund verteilt. Dazwischen skurrile Eisskulpturen, die die Sonne bislang noch nicht hat schmelzen können. Keine Wege oder sonstige Anzeichen von Infrastruktur sind erkennbar. Über den Zelten flattern Gebetsfahnen im Wind.

Wir stossen auf das Lager der deutsch-schweizer Bad Heilbrunner Expedition, deren Arzt Peter Becker uns herzlich einlädt. Wir freuen uns über Schweizer Käse und Schinken, eine willkommene kulinarische Abwechslung zur noodle soup. Der Großteil der Expedition befindet sich in den oberen Lagern, um den Gipfeltag vorzubereiten. Leider sind die Wetteraussichten nicht gut. Es bleibt also abzuwarten, wie sich die Situation dort oben entwickelt. Als der Spiegel-Online-Redakteur Oliver Häussler dazukommt, erfahren wir viele Einzelheiten über das Lagerleben. So überrascht uns, dass die Expeditionen voneinander kaum etwas zu wissen scheinen. Gerade im Zusammenhang mit dem Internet-Café, welches inzwischen Bestandteil des Basecamps ist und die Kommunikation in alle Welt ermöglicht, erscheint es doch skurril, dass man seinen direkten Nachbarn nicht kennt.

Ähnlich dem deutsch-schweizer Lager sind auch die Basislager der anderen Expeditionen nur spärlich besetzt, da sich die Bergsteiger durch das gefährliche Western Cwm zu den höher gelegenen Lagern begeben haben. Der Weg durch den zerklüfteten Eisbruch wird von den sog. Icefall Doctors mit Aluminium-Brücken, Seilen und Haken versichert. Da sich das Eis in ständiger Bewegung befindet, muss dieser Weg mit seine Fixseilen und Aluleitern täglich ausgebessert werden. Zwischen tiefen Spalten und turmhohen Eisgebilden gehen diese Ice-Doctors ihrer gefährlichen Arbeit nach, um den Bergsteigern den Weg zum Gipfel zu ermöglichen. Jede Expedition zahlt den Sherpas für diese schwierige, gefährliche Arbeit 5.000 Dollar. Dieser Service setzt sich im weiteren Verlauf der Besteigung fort. Sherpas setzen Fixseile bis zum Südsattel und weiter hinauf bis kurz vor den Gipfel, die den Aufstieg und die Orientierung erleichtern. Ein Grund für die zunehmende Kritik an dem Massenevent Everest, bei dem Bergsteiger den Gipfel des höchsten Berges der Erde erreichen, ohne Bergsteiger sein zu müssen. Wie hatte Reinhold noch gesagt? "Die wissen nicht, wo der Berg steht."

Mit vielen Eindrücken von einem Ort, der in wenigen Wochen menschenleer sein wird, machen wir uns auf den Rückweg nach Gorak Shep. Nach all den Gerüchten um die Anzahl der erfolgreichen Summiter haben wir jetzt die Gewissheit, dass in dieser Saison noch niemand den dritten Pol erreichte.

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