Manchmal, etwa im Kaufhaus, wenn ich ein ganz kleines Kind weinen höre, passiert es. In mir entsteht eine Panik, vermutlich im Mandelkern des Gehirns, als basale Amygdala-Reaktion, jedenfalls möchte ich hinstürzen, gucken, was los ist. Darf ich den jungen Eltern empfehlen, das rotköpfige Wesen aus dem Kinderwagen zu befreien, sollte ich sagen: BITTE, nehmen Sie es hoch! Halten Sie es an Ihren Körper! Es wird still sein, wirklich, es funktioniert, in Indien, in Afrika, in China!

Das Weinen eines winzigen Babys löst noch fast 30 Jahre nach der Geburt meines ersten Kindes ein Ziehen in der Brust aus, das sind die ollen Milchkanäle. Kinderhaben, pflegte meine liebste Freundin zu sagen, "ist total körperlich, so wie Hunger haben oder essen!! Ende der Diskussionen, wir wollen ein Kind!" Klare Worte. Binnen zweier Monate war ich schwanger, ein halbes Jahr später auch sie. So einfach also. Nur normal. So wie Essen, Trinken, Lieben. Dachten wir. Dann kamen wir auf die Ebenen der Mühen.

Es stellte sich heraus, mit den Kindern war wenig einfach. Schon das Gebären so lala. Und dann. Das Leben mit Kindern war nicht so, wie wir es ersehnt hatten oder wie es hätte sein sollen oder können. Es war wild und aufregend, aber auch so kompliziert, so irrwitzig mühselig, es war ein Parcours der Sonderbarkeiten, er stockte an den steilen Treppen zur U-Bahn und führte dann in den mörderischen Straßenverkehr, in gnadenlos langweilige Kindergärten, zu erbarmungslos desinteressierten Lehrern, das alles unter finanziellen Bedingungen, die es gelegentlich nicht mehr erlaubten, auch nur die Schuhe besohlen zu lassen.

Es war ein wenig so, als hätte im Bundeskanzleramt eine eifrige Arbeitsgruppe gerackert zur Frage: Wie kann man das Leben mit Kindern so kompliziert machen wie möglich? Antworten etwa so: Maximale Erschwernis von Kinderhaben und gleichzeitigem Geldverdienen. Ekstatische Hochpegelung der Bedeutung mütterlicher Allgegenwart. Imagesenkung des Kindes auf die Ebene eines lärmenden Problemfalls. Reduktion des Bildungsystems auf etwas, das Eltern mit täglichem Nachsitzen mühseligst komplettieren müssen. Elternschaft als Fulltime-Job, auch deshalb: Familie als Armutsrisiko.

So ist die Problemlage, seit Jahrzehnten bekannt, sie wurde von jungen Paaren erörtert, von Ministerialbeamten beäugt, von Familienpolitikern angeprangert. Vor mehr als zehn Jahren schrieb ich wütend ein Buch: Deutschland, armes Kinderland – Plädoyer für eine neue Familienkultur. Mit Familienkultur war gemeint, dass Menschen, ähnlich wie die Rehe im Wald, die Vögel in den Gärten, wie Gänseblümchen auf der Wiese, ein artgerechtes Biotop brauchen, in dem ihr Nachwuchs gedeihen kann. Günstiges Klima, nicht zu viele Feinde. Nicht überall Autos, die Kinder zu Mus fahren. Wohnviertel, in denen Kinder gefahrlos rumtoben, Schulen, in denen sie sich angstfrei entfalten können. Ein Steuersystem, in dem der Unterhalt von Kindern steuerfrei ist. Es gab viel Applaus. Ein Verfassungsrichter bedankte sich für die Anregungen. Ein Humboldt-Professor aus Berlin benutzte das Buch als Textbuch im Seminar. Kommunen berieten sich mit mir zum Thema kinderfreundliche öffentliche Räume. Neulich las dann eine junge Mutter mein altes Buch – und sagte: "Na, eigentlich hat sich ja kaum was verändert."

Dieser Artikel stammt aus dem ZEIT Spezial "Arbeit. Liebe. Geld".

Stimmt. Aber warum? Warum ist Familie für viele ein Drahtseilakt zwischen hochfliegenden Sehnsüchten und drohenden Abstürzen? Wieso sind so viele Alleinerziehende auf Hartz IV, nämlich zwei Drittel, wieso sind Kinder inmitten der Wellnesszone Germany so bedürftig wie sonst nur Migranten, die aus den Kriegszonen zu uns fliehen und sich anhören müssen, sie seien hier willkommen, weil uns die Kinder fehlen? Wieso haben die Leute so wenige Kinder? Wann kam uns die Lust an der Fortpflanzung abhanden? Wieso, weshalb, warum?

Vorsichtige Vermutungen. Also, die Kinderferne. Ja, es gibt diese Wesen mit großen Köpfen, die Models auf ihren knochigen Hüften balancieren. Wo sie untergebracht werden nach dem Fotoshooting? Interessiert nicht besonders. Kinder werden skeptisch beäugt oder vergöttert – okay, gelegentlich verhätschelt. Aber gemocht? Wertgeschätzt als Menschen, die den Kern einer Gesellschaft bilden, die, wie man im Land von Astrid Lindgren sagen würde, eine Gesellschaft zu einer besseren Gesellschaft machen? Die Liebe zu Kindern steht unter Kitschverdacht. Das Kindchenschema – Kulleraugen, blanker Schädel, Mini-Händchen – ist auf Möpse und Französische Bulldoggen übergegangen, schon weil die so praktisch bei Flügen in der Handtasche mitgenommen werden dürfen.