Die Idee, weniger zu arbeiten, entspricht natürlich auch der Sehnsucht vieler Arbeitnehmer: Der Wunsch, weniger Zeit auf den Bildschirm zu starren, am Fließband zu stehen oder hinter der Kasse zu sitzen, mehr Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen, vereint Kreative genau wie Fabrikarbeiter. Galt es unter Babyboomern noch als Statussymbol, im Büro als Letzter das Licht auszuknipsen, wünschen sich heute viele ein Drei-Tage-Wochenende. Nicht nur Start-ups und Agenturen experimentieren mit flexiblen Arbeitszeiten, auch Deutschlands größte Gewerkschaft IG Metall setzte durch, dass Arbeiter für zwei Jahre ihre Arbeitszeit von 35 auf 28 Stunden verkürzen dürfen.

"Wenn ich um elf Uhr auf die Uhr blicke und noch nicht so weit bin, wie ich dachte, löst das schon Stress aus: Ich habe dann ja nur noch zwei Stunden und keine sechs mehr."
Jana Burdach, Projektmanagerin

In der Agentur hat sich seit der Einführung des Fünfstundentages im November vergangenen Jahres tatsächlich viel verändert, erzählen die Mitarbeiter. Sie fangen um acht statt um neun Uhr an. Die Meetings am Morgen dauern nur noch zehn Minuten statt einer halben Stunde wie zuvor. Private Gespräche über das Wochenende oder den Urlaub führen Kollegen nach Feierabend. Die Mitarbeiter haben ihre individuellen Wege gefunden, um Zeit zu sparen: Die Gestalterin kommt eine Viertelstunde vor der Arbeit, weil sie in Ruhe ihren Kaffee kochen möchte. Der Entwickler versucht, nur noch zweimal statt viermal am Tag rauchen zu gehen. Die Projektmanagerin Jana Burdach hat den Unternehmenschat ausgestellt. Sie antwortet nicht mehr sofort, sondern nur zweimal am Tag. "Mir gefällt das konzentrierte Arbeiten", sagt Burdach. "Aber wenn ich um elf Uhr auf die Uhr blicke und noch nicht so weit bin, wie ich dachte, löst das schon Stress aus: Ich habe dann ja nur noch zwei Stunden und keine sechs mehr." Stress, den sie beim Spazierengehen am Nachmittag wieder abbaut. Seitdem sie um 13 Uhr Feierabend machen kann, geht die Projektmanagerin jeden Tag mit ihrem Hund Bonnie in den Teutoburger Wald. "Wenn ich eine Weile draußen war, habe ich wieder Lust, Dinge zu unternehmen", erzählt Burdach beim Spazierengehen. Die 34-Jährige hat angefangen, Zeichenunterricht zu nehmen und zu fotografieren. Ihren Vater besucht sie jetzt jede Woche statt einmal im Monat.

Die freie Zeit hat noch andere Nebeneffekte. "Früher habe ich versucht, alle Gedanken ans Büro aus dem Feierabend zu verdrängen", sagt Burdach. Auf jeden Gedanken an die Arbeit folgte ein zweiter: Jetzt hör doch mal auf, komm mal runter. Seitdem sie um 13 Uhr und nicht um 18 Uhr aus dem Büro kommt, lässt Burdach diese Gedanken wieder zu. Neulich sei ihr beim Spazierengehen eine Idee gekommen, wie Supportanfragen von Kunden besser bedient werden können. Ein anderer Kollege erzählt, dass er sich nun täglich eine Stunde weiterbildet und Tutorials zu Softwaretrends ansieht.

Ist es also so einfach? Mehr Kreativität durch mehr Zeit für Spaziergänge im Wald? Für Rheingans scheint es sich bislang zu lohnen, die Mitarbeiter früher nach Hause zu schicken: Sie beschäftigen sich auch außerhalb des Büros mit ihrer Arbeit und sind trotzdem zufriedener. Zumindest sagen das alle. Sascha Armutat, Professor für Personalmanagement und Organisation an der Fachhochschule Bielefeld, sieht genau das kritisch: "Wenn die Vor- und Nachbereitung und das Soziale komplett in die Freizeit fallen, verwässert die Idee", sagt Armutat, der Rheingans’ Experiment wissenschaftlich begleitet. "Es besteht die Gefahr, dass der Fünfstundentag schnell zum Sechs- oder Siebenstundentag wird."