Einige Beschäftigte machen Überstunden. Freiwillig, sagen sie

Um 13 Uhr steht die Uhr des Flachbildschirms auf 00:00. Zwei Stunden später sitzen aber noch immer drei von zwölf Mitarbeitern am Schreibtisch. "Softwareentwicklung läuft eben nicht fehlerfrei", sagt Jana Burdach. Weil es in der vergangenen Woche Probleme gab, sind sie und zwei Entwickler heute länger geblieben – freiwillig. Lasse Rheingans nennt das "Mini-Krisen". "Es hat sich durch den Fünfstundentag gezeigt, wer wie viel Arbeit schultert. Bei einigen war das zu viel", sagt er. Deshalb stellt er vier neue Kollegen ein.

Probleme, geeignete Leute zu finden, hat Rheingans nicht. Der Fünfstundentag und das Medieninteresse waren für seine Agentur bestes Employer Branding, das Alleinstellungsmerkmal, das ihn als Arbeitgeber attraktiv macht. Knapp 200 Initiativbewerbungen hat Rheingans in den vergangenen Monaten erhalten, unter anderem von Managern aus großen Unternehmen und Entwicklern der Konkurrenten – Leute, die sich eine kleine Agentur wie seine eigentlich nicht leisten kann. Rheingans weiß um seinen Marktvorteil: "Eine erfahrene Programmiererin hat sich beworben, aber die möchte für unser Gehaltsgefüge einfach zu viel Geld." Ihr Wunschgehalt könne er nicht bieten, dafür attraktivere Arbeitszeiten als die Konkurrenz. Am 1. April fing sie bei Rheingans an.

Ein schwedisches Pilotprojekt mit einem Sechs-Stunden-Tag scheiterte

Kritiker der Arbeitszeitverkürzung sagen: Der Fünfstundentag ist nicht ökonomisch. Wer seine Mitarbeiter kürzer arbeiten lässt, braucht mehr Leute. Das war auch das Argument der Arbeitgeber im Tarifkonflikt mit der IG Metall. Aus ähnlichen Gründen wurde ein schwedisches Pilotprojekt nicht verlängert: Zwei Jahre lang hatten Pflegeassistenten in einem Altenheim in Göteborg bei voller Bezahlung zwei Stunden weniger pro Tag gearbeitet. Eine begleitende Studie ergab: zu teuer und der Nutzen nicht eindeutig belegbar. 17 neue Pflegekräfte mussten eingestellt werden, um die Stundenreduzierung aufzufangen.

Rheingans meint, dass er die neuen Mitarbeiter auch wegen neuer Aufträge einstellt. Viele Kunden aus seiner ehemaligen Agentur seien inzwischen zu ihm gewechselt. "Wenn sie sehen, wie gut das bei uns funktioniert, bleiben sie meine Kunden. Wenn sie aber wollen, dass wir bis 20 Uhr verfügbar sind, sollen sie eben jemand anderen anrufen." Wie sich das Experiment auf seinen Umsatz auswirkt, will Rheingans nicht sagen. Erst einmal läuft die Testphase des Fünfstundentages auf unbestimmte Zeit weiter. Rheingans schließt nicht aus, dass die Mitarbeiter langfristig fünf oder sechs Stunden arbeiten sollen. Doch er ist sich sicher: "Zurück zum Achtstundentag, das kommt nicht infrage", sagt Lasse Rheingans.

Für ihn persönlich scheint das Projekt eine neue Karriereoption geworden zu sein. Er könne sich vorstellen, irgendwann auch andere Unternehmen zu flexiblen Arbeitszeiten zu beraten, sagt er. Aber erst einmal will er den Umsatz seiner Agentur steigern, weiter über das Projekt sprechen, das Buch schreiben und die Studie mit der Fachhochschule Bielefeld weiterführen. Wahrscheinlich liegt für niemanden die Vorstellung, wirklich nur fünf Stunden pro Tag zu arbeiten, ferner als für Lasse Rheingans selbst.