Der Moment der Selbsterkenntnis kam beim Sonnengruß in Buenos Aires. Plötzlich verstand ich, dass mein Lebensstil keineswegs so exotisch und ausgefallen ist, wie ich bisher gedacht hatte. Ich stand auf einer geliehenen Yogamatte. In die Privatwohnung, in der meine auf Nicht-Einheimische spezialisierte Yogaschule ein Zimmer gemietet hatte, strömten andere Yogis. Und sie waren alle wie ich.

Zu jener Zeit befand ich mich seit fünf Monaten auf einer Weltreise. Mein Verlobter hatte sich diese Reise gewünscht. Meinetwegen hätten wir gern in Wien, wo ich eigentlich lebe, bleiben können: Seitdem mein erster Roman erschienen war, hatten mich Lesereisen, Stipendien und Recherchen in einen Zugvogel verwandelt, der selten länger als vier Wochen an einem Ort verweilte. Was mir exotisch, ausgefallen, aber doch sehr deprimierend vorgekommen war.

Hauptsache schnelles WLAN

All die fünfzehn Männer und Frauen, die bald rund um mich herum herabschauende Hunde und im Winde wehende Bäume mimten, bezeichneten sich als digital nomads. Ihr weltlicher Besitz reduzierte sich auf das, was man in einem Koffer und einem Handgepäckstück um die Welt schleppen kann. Sie hatten Jobs, denen man überall nachgehen kann: Hauptsache, der Laptop hatte Strom, und das Internet floss. Und sie alle fanden das fantastisch. Zumindest sagten sie mir das mit Nachdruck. Ich hingegen hatte so meine Zweifel.

Wie beliebt dieser Lebensentwurf ist, verstand ich vor allem durch drei Mit-Yogis. Sie bezahlten ein New Yorker Start-up dafür, sich in einer Art Digitalnomaden-Karawane durch die Welt treiben zu lassen. Sie waren in völlig verschiedenen Metiers tätig und gehörten trotzdem zu einer vierzigköpfigen Herde Freelancer. Das Start-up kümmerte sich um Route, Tickets, Unterkünfte und die lokale Infrastruktur. Von Weinverkostungen bis Laptop-Versicherungen wurde alles organisiert, man musste sich lediglich um einen gültigen Pass und den eigenen Computer kümmern. Denn es ging ja nicht bloß darum, die Welt zu erkunden, sondern dabei auch zu arbeiten. Das ist ein Geschäftsmodell, welches meine Mit-Yogis awesome fanden und überhaupt nicht deprimierend wie ich.

Dieser Artikel stammt aus dem ZEIT Spezial "Arbeit. Liebe. Geld".

Klar, als Nomade ist man frei, sich alle Orte dieser Welt anzuschauen, zu bleiben, wo man bleiben will, doch das kostet Geld. Und zwar jenes Geld, das man eigentlich damit verdienen sollte, auf dieser Reise zu arbeiten. Zumindest mich stellte das mehrere Jahre vor ein Dilemma: Wenn ich arbeite, sollte ich mit dem Kopf bei der Arbeit sein und nicht bei den Attraktionen rund herum. Denn bin ich bei den Attraktionen rund herum, habe ich keinen Kopf für die Arbeit. Trotzdem habe ich es natürlich auch irgendwie geschafft zu arbeiten.

Matcha Latte schmeckt überall gleich

Wahrscheinlich gibt es Digitalnomaden, die Freude an dieser Balance haben. Mich hat sie gestresst. Mir blieb ein käseweißer Hipster in Erinnerung, der am Traumstrand in der Karibik unter einem Sonnenschirm vor seinem Laptop kauerte. Er hackte grimmig in die Tasten. Er sah aus, als wünschte er sich nichts sehnlicher als einen Schreibtisch in einem aufgeräumten Büro, in dem die Menschen um ihn herum Kaffee trinken, statt Bahama Mamas in Shorts zu schlürfen.

In allen Städten gibt es natürlich hübsche Coffeeshops und allerart Coworking-Spaces, in denen das Personal englisch spricht, das WLAN schnell ist und der Freelancer von heute die perfekten Arbeitsbedingungen vorfindet. Nur sehen die zwischen Tokio und San Francisco unterm Strich alle aus wie das St. Oberholz in Berlin-Mitte. Auch der Matcha Latte schmeckt überall gleich. Einzig die Kennzeichnung der Damen- und Herrentoiletten ist unterschiedlich, ebenso Komfort und Sauberkeit. Für mich sind die Unterschiede der Klosysteme nicht das, was mich an der weiten Welt reizt.