Vier Wochen vor Nadine Teupels Abflug nach Bangkok bestellte ihr Chef sie ins Büro, um noch einmal alles zu besprechen. "Sie wissen es ja sicher selbst, wie ungünstig der Zeitpunkt ist. Wir haben viel zu tun und zu wenig Personal", sagte er. Und ausgerechnet jetzt wolle sie drei Monate weg. Die Flüge seien aber schon gebucht, sagte die 35-Jährige.

"Macht ja nichts", sagte ihr Chef. "Stellen Sie einfach eine Liste mit allen Ausgaben zusammen, die Kosten erstattet die Firma. Es wäre nur schön, wenn Sie Ihr Sabbatical verschieben könnten, vielleicht aufs kommende Jahr oder auf unbestimmte Zeit."

"Du bist doch so jung, warum hast du denn jetzt schon ein Sabbatical nötig?"
Die Kollegen

Zwei Jahre hatte Teupel einen Teil ihres Gehalts gespart. 200 Euro gingen jeden Monat auf das Zeitkonto, außerdem ihr Weihnachts- und Urlaubsgeld. Am Ende hatte sie etwa 12.000 Euro zusammen, um damit zu reisen: Vietnam, Singapur, Thailand, weit weg vom Warenbeschaffungsmanagement in Frankfurt. Sie hatte sich sehr darauf gefreut. Ein Jahr vor ihrer Abreise hatte Teupel den Antrag für ihre Auszeit eingereicht – damit die Abteilung rechtzeitig ohne sie planen konnte. Die Firma bewilligte den Antrag zwar. Doch Teupels Abteilung reagierte verständnislos. "Du bist doch so jung, warum hast du denn jetzt schon ein Sabbatical nötig?", wunderten sich Kollegen.

"Ich dachte, Sie machen nur Witze", meinte der Chef.

Nadine Teupel stornierte ihren Flug nicht. Dafür wurde sie nach ihrer Rückkehr versetzt, bekam neue Aufgaben, durfte nicht mehr die Kunden betreuen, mit denen sie vorher gut zusammengearbeitet hatte. "Ich kam mir vor wie bestraft", sagt sie.

Dieser Artikel stammt aus dem ZEIT Spezial "Arbeit. Liebe. Geld".

Seit einigen Jahren schmücken Unternehmen sich gern damit, wie viel Freiheit und Freizeit sie ihren Mitarbeitern ermöglichen. Der Maschinenbaukonzern Trumpf zum Beispiel erlaubt den Beschäftigten seit zwei Jahren, ihre Arbeitszeit flexibel über das Jahr zu verteilen und einen Teil ihrer Aufgaben von zu Hause zu erledigen. Siemens wirbt mit Homeoffice und Schnupperteilzeit. Thomas Vollmoeller, der Chef des Karrierenetzwerkes Xing, schrieb in einem Fachartikel für Personalmanager: Talente ließen sich heute nur noch locken, wenn man ihnen die Hoheit über die Lebenszeit zurückgebe. "Das Sabbatical ist gewissermaßen der neue Dienstwagen geworden." Er machte es gleich selbst vor – als erster Vorstandsvorsitzender eines börsennotierten Unternehmens überhaupt. Er reiste drei Monate durch Australien. Auch Nadine Teupels Arbeitgeber preist in Jobinseraten seine flexiblen Dienstzeiten und Sabbaticals an.

Die Wirklichkeit passt allerdings oft nicht zu diesem Idealbild, das Firmen von sich zeichnen. Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ergab im vergangenen Jahr: Viele flexible Arbeitszeitmodelle wie Gleitzeit und Überstundenkonten dienen weniger den Bedürfnissen der Angestellten, sondern eher denen der Arbeitgeber. Diese reagieren damit etwa auf schwankende Auftragslagen. Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) stellte in einer Befragung fest, dass Sabbaticals vor allem denjenigen nutzen, die gut verdienen: Demnach haben vor allem Mitarbeiter mit guter Stellung und hohem Gehalt ein Langzeitkonto, mit dem sie für Auszeiten sparen können. Einfache Angestellte profitieren sehr viel seltener von der Möglichkeit.

Doch selbst dann kann ein Sabbatical, die Elternzeit oder die Teilzeit noch zu Problemen mit Chefs führen, wie die Beispiele von Nadine Teupel und zwei anderen Mitarbeitern zeigen, die in diesem Artikel ihren richtigen Namen nicht lesen möchten, weil sie noch immer in den Unternehmen arbeiten und Konsequenzen fürchten.

"Es reicht nicht, einfach ein Zeitkonto einzuführen", sagt Yvonne Lott, Arbeitszeitforscherin bei der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. "Flexible Arbeitszeitmodelle funktionieren nur, wenn Vertretungen klar geregelt sind und genug Personal da ist, um Mitarbeiterausfälle aufzufangen." Gerade hochqualifizierte Tätigkeiten seien aber oft so individuell zugeschnitten, dass ein Ersatz gar nicht so schnell zu bekommen sei. Und darin liegt die Herausforderung für die Unternehmen. Und die Politik.