Es war natürlich mein Fehler zu denken, Gleichberechtigung würde in der Liebe ausgehandelt werden wie in einem Koalitionsvertrag: wer wie viel arbeitet, wer wie viel verdient, wer das Kind mit Ohrenschmerzen vom Kindergarten abholt, wer nachts aufsteht und ihm über den Kopf streichelt, wer putzt und einkauft. Ich habe Politikwissenschaft studiert, ich arbeite als Journalist, vielleicht lag es daran. Ich dachte jedenfalls, dass zwei erwachsene Menschen mit einem halbwegs emanzipierten Bewusstsein und einer gewissen Zuneigung füreinander frei und souverän entscheiden würden, wie man sich all diese Punkte aufteilt. Es schien so naheliegend und simpel: Wenn das Private politisch ist, muss das Private verhandelt werden wie das Politische; durch Argument, Gegenargument und eine Abstimmung. Die Diskussionen in der Öffentlichkeit verliefen ja auch so: sachlich auflistend, abwägend. All das war natürlich Quatsch.

In der Theorie beschleicht einen manchmal das Gefühl, Gleichberechtigung sei wahnsinnig komplex, dass man Arbeitsmarktanalysen gelesen haben muss, um sie ganz zu erfassen. Aber eigentlich beschreiben all die unpassend anglizistisch-lässigen Begriffe wie Gender-Pay-Gap oder Care-Arbeit im Kern immer dasselbe Phänomen: Männer verdienen das Geld. Frauen kümmern sich um die Familie. Eine andere Aufgabenaufteilung scheint politisch und gesellschaftlich noch immer nicht ernsthaft erwünscht. Warum eigentlich?

Alles für die Familie?

Natürlich, in den vergangenen Jahren waren feministische Forderungen lauter zu vernehmen. Doch trotz Elternzeit, Entgelttransparenzgesetz und Kita-Ausbau bleibt die Realität in Deutschland weiterhin reaktionär. Das Ehegattensplitting ist eine massive steuerliche Subvention eines Familienmodells der fünfziger Jahre. Es zementiert, statistisch gesehen, das Alleinverdienermodell und die Rolle der Mutter, die ihren Beruf aufgibt. Wofür? "Für die Familie", behaupten all jene, die ihre persönliche Familienkonstellation gerne subventioniert sehen wollen. "Für die Familie" könnte aber genauso gut bedeuten, dass die Kinder beide Eltern zu gleichen Teilen präsent haben. "Für die Familie" klingt allerdings auch etwas nobler als Väter, die keinen Bock auf heulende Kinder haben, und Mütter, die nicht für ihre anstrengenden Chefs buckeln wollen.

Ganz in diesem Geiste schließt die Regelarbeitszeit, wie der Arbeitsmarkt sie versteht, selbstverständlich aus, dass man sein Kind selbst vom Kindergarten abholt. Eine volle Stelle bedeutet oft, dass man, als Frau oder Mann, an seiner Familie nur am Rande teilnimmt. Eine Teilzeitstelle bedeutet im Umkehrschluss noch immer, faktisch Kollegin und Kollege zweiter Klasse zu sein. Die wichtigen Entscheidungen werden kurz vor der Nachtschicht getroffen. Und jemand, der Zeit mit seiner Familie verbringt, brennt, so sehen es viele Chefs, offenbar nicht ausreichend für die Firma. Was für eine kaputte Sicht auf Arbeit und Familie. Als wäre eine Welt, in der Väter und Mütter 30 Stunden die Woche arbeiten, vollkommen undenkbar. Kind oder Karriere?, fragen Politik und Arbeitsmarkt. Die Mütter sagen in großer Zahl "Kind" und die Väter "Karriere". Fairerweise sind am Ende immerhin beide unglücklich.

Ist "Ham-wa-imma-so-jemacht" ein gutes Argument?

Noch komplexer als die theoretische Auseinandersetzung ist aber der ganz banale Alltag. Irgendwann musste selbst ich, der ja sein Geld mit dem Abwägen von Argumenten verdient, feststellen, dass alle Diskussionen in der Gesellschaft oder in den Beziehungen für die Katz sind. In den Momenten, die wirklich über Gleichberechtigung und Emanzipation entscheiden, wird überhaupt nicht diskutiert. Sondern gefühlt. Was bedeutet: Das Ham-wa-imma-so-jemacht gewinnt doch wieder, allen klugen Überlegungen zum Trotz. Denn es geht nicht allein um Politik. Es geht darum, wer man ist und wie frei man sich von Gewohnheiten und dem, was man für normal hält, letztlich machen kann.

Dieser Artikel stammt aus dem ZEIT Spezial "Arbeit. Liebe. Geld".

Ich führe mittlerweile eine Art Standardgespräch mit werdenden Vätern. Diese beginnen meist von sich aus zu erzählen: dass sie sich einerseits wahnsinnig auf das Kind freuen, andererseits aber auch sehr froh sind, dass sich ja die Mütter erst mal um das Kind kümmern werden. Biologie und so. Ein klassischer Satz lautet: "Wenn das Kind erst einmal laufen kann, möchte ich für das Toben zuständig sein."

Kein Kampf zwischen Mann und Frau

Ich ächze dann frustriert und beginne meinen Sermon: dass man als Vater zu Beginn natürlich außen vor steht, weil ein Baby diese körperliche Nähe zur Mutter hat und braucht. Dass das aber kein Argument sein kann, sich noch mehr zurückzunehmen und sich gar nicht erst zum Ansprechpartner für das Kind entwickeln zu wollen, von Anfang an. Mit jedem Monat, den man als Vater freudig schwänzt, entfernt man sich vom Kind. "Die Rolle des mittelmäßigen Stellvertreters, die du dir aussuchst, ist nicht schön", sage ich. "Es ist wahnsinnig frustrierend, zu merken, dass das eigene Kind einen als Elternteil nicht ernst nimmt. Wenn es nur von Mama ins Bett gebracht und getröstet werden will." Mit diesen oft wiederholten Worten habe ich schon lachende Runden in Bars in Trauerstimmung versetzt. Viele Männer, aber auch Frauen, rufen dann: Das ist ja schrecklich! Als ob es einen Wettbewerb zwischen mir und meiner Freundin gäbe!

Hier zeigt sich wieder der große Denkfehler: Die Fragen der Gleichberechtigung in Familie und am Arbeitsplatz sind natürlich kein Kampf zwischen Mann und Frau, zwischen Vätern und Müttern und erst recht kein Kampf der Geschlechter. Es ist vor allem ein Ringen jedes Einzelnen mit sich selbst, gegen die mächtigen Rollenbilder. Ich stelle es mir etwa für Frauen leichter vor, über Emanzipation in der Theorie zu streiten, als sich von dem durch Eltern, Kinderbücher, Politik und Gesellschaft geprägten Selbstbild der Mutter zu lösen. Die Frage bleibt: Kann und will ich mich von den Klischees und Rollen, mit denen ich in Familie und sozialem Umfeld aufwachse, lösen? Wer bin ich, wer will ich sein? Als Vater, als Mutter, als Partner, als Chef, als Kollege?