Als im Sommer 1989 Birgit Meier verschwindet, hat die Polizei gerade anderes zu tun. Wenige Wochen zuvor ist in der Göhrde, einem Erholungsgebiet nahe Lüneburg, ein Ehepaar auf grausame Art ermordet worden. Beerensammler finden, verscharrt unter Zweigen, die beiden "stark mumifizierten und größtenteils skelettierten Reste" der Leichen, wie es in den Ermittlungsakten heißt. Während die Polizei noch die Spuren dieses Doppelmordes sichert, wird nur 800 Meter weiter ein zweites Paar umgebracht, vermutlich vom selben Täter. Diese spektakulären Verbrechen beunruhigen viele Menschen. Aus der Göhrde, einem bislang beliebten Waldgebiet, wird über Nacht der "Totenwald".

Als Birgit Meier verschwand, kam niemand auf die Idee, dass es zu den Doppelmorden in der Göhrde eine Verbindung geben könnte. Weil die Polizei jahrzehntelang Spuren nicht auswertete, Zeugen nicht einbestellte und ganze Ermittlungsstränge nicht verfolgte, wurde erst 27 Jahre nach ihrem Verschwinden aufgeklärt, dass Birgit Meier keines natürlichen Todes starb. Vielmehr war sie eines der Opfer eines sadistischen Serienmörders. Dieser Mann hat grausame Morde begangen, die ganz Norddeutschland in Atem hielten, und dass einige seiner Verbrechen nun endlich aufgeklärt wurden, ist auch der Erfolg eines alten Ermittlers.

Am Vormittag des 15. August 1989 klingelt bei dem Polizisten Wolfgang Sielaff das Diensttelefon. "Die Mami ist weg", sagt schluchzend Yasmine, Birgit Meiers 20-jährige Tochter. Wolfgang Sielaff ist der Bruder der Verschwundenen. Er sagt: "Ich wusste sofort, dass meine Schwester nicht einfach so verschwunden sein kann – niemals hätte sie ihre Tochter allein gelassen. Sie klebten zusammen wie Kletten."

Wolfgang Sielaff leitete 1989 das Hamburger Landeskriminalamt (LKA) und wurde später Polizei-Vizepräsident. Heute trifft man ihn im Hamburger Büro des Weißen Rings an, eines Vereins, der sich für Kriminalitätsopfer einsetzt. Sielaff, der Mann, der gegen Täter ermittelt hat, kämpft nun für die Rechte von Opfern und ihren Angehörigen. Damals konnte nicht einmal der einflussreiche LKA-Mann durchsetzen, dass im Fall seiner Schwester professionell ermittelt wurde.

Dass die Polizei so träge war, lag auch daran, dass sie früh einen Verdächtigen hatte: den Ehemann der Verschwundenen. Harald Meier.

Ein erfolgreicher Unternehmer in der Druckindustrie, von dem die Beamten vermuteten, er habe seine Frau getötet. Das Paar hatte sich wenige Monate vor Birgit Meiers Verschwinden getrennt. Harald Meier war von da an mit einer anderen Frau zusammen. Birgit Meier, zum Zeitpunkt ihres Verschwindens Hausfrau, verkraftete die Trennung schlecht. Oft trank sie schon mittags, Cognac.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT VERBRECHEN 1/18.

Am Abend des 14. August 1989 empfängt Birgit Meier, eine 41-jährige, blond gelockte Frau mit feinen Gesichtszügen und einer Vorliebe für große Ohrringe, ihren Ehemann mit einem Lächeln. Sie scheint sich besser zu fühlen als die Tage zuvor. Die beiden sind verabredet, um den Hausstand aufzuteilen. Birgit Meier – darauf haben sie sich geeinigt – soll eine halbe Million D-Mark als Abfindung bekommen und aus dem gemeinsamen Haus bei Lüneburg ausziehen. Am nächsten Tag wollen sie beide zum Notar. In der halben Million sehen die Ermittler ein mögliches Motiv.

Die Tochter Yasmine leidet unter dem Trennungsstreit der Eltern und erzählt heute, sie habe mit der Mutter am Abend ihres Verschwindens telefoniert und sie gefragt: "Habt ihr euch gestritten?" – "Nein", habe sie geantwortet. Am nächsten Morgen ist die Tochter die Erste am möglichen Tatort. Das Opel-Cabriolet der Mutter steht in der Garage. Sie selbst ist weg. Die Bettdecke ist zurückgeschlagen, vom Nachthemd und den Kleidern, die sie trug, fehlt jede Spur. Eine grüne Dokumentenkassette steht offen. Birgit Meiers Papiere fehlen.

Der Ehemann Harald Meier wird von der Polizei vernommen, die Polizei kann ihm nichts nachweisen. Im vorläufigen Ermittlungsergebnis heißt es, dass nicht geklärt werden konnte, warum Birgit Meier "so plötzlich verschwunden ist".