Als im Sommer 1989 Birgit Meier verschwindet, hat die Polizei gerade anderes zu tun. Wenige Wochen zuvor ist in der Göhrde, einem Erholungsgebiet nahe Lüneburg, ein Ehepaar auf grausame Art ermordet worden. Beerensammler finden, verscharrt unter Zweigen, die beiden "stark mumifizierten und größtenteils skelettierten Reste" der Leichen, wie es in den Ermittlungsakten heißt. Während die Polizei noch die Spuren dieses Doppelmordes sichert, wird nur 800 Meter weiter ein zweites Paar umgebracht, vermutlich vom selben Täter. Diese spektakulären Verbrechen beunruhigen viele Menschen. Aus der Göhrde, einem bislang beliebten Waldgebiet, wird über Nacht der "Totenwald".

Als Birgit Meier verschwand, kam niemand auf die Idee, dass es zu den Doppelmorden in der Göhrde eine Verbindung geben könnte. Weil die Polizei jahrzehntelang Spuren nicht auswertete, Zeugen nicht einbestellte und ganze Ermittlungsstränge nicht verfolgte, wurde erst 27 Jahre nach ihrem Verschwinden aufgeklärt, dass Birgit Meier keines natürlichen Todes starb. Vielmehr war sie eines der Opfer eines sadistischen Serienmörders. Dieser Mann hat grausame Morde begangen, die ganz Norddeutschland in Atem hielten, und dass einige seiner Verbrechen nun endlich aufgeklärt wurden, ist auch der Erfolg eines alten Ermittlers.

Am Vormittag des 15. August 1989 klingelt bei dem Polizisten Wolfgang Sielaff das Diensttelefon. "Die Mami ist weg", sagt schluchzend Yasmine, Birgit Meiers 20-jährige Tochter. Wolfgang Sielaff ist der Bruder der Verschwundenen. Er sagt: "Ich wusste sofort, dass meine Schwester nicht einfach so verschwunden sein kann – niemals hätte sie ihre Tochter allein gelassen. Sie klebten zusammen wie Kletten."

Wolfgang Sielaff leitete 1989 das Hamburger Landeskriminalamt (LKA) und wurde später Polizei-Vizepräsident. Heute trifft man ihn im Hamburger Büro des Weißen Rings an, eines Vereins, der sich für Kriminalitätsopfer einsetzt. Sielaff, der Mann, der gegen Täter ermittelt hat, kämpft nun für die Rechte von Opfern und ihren Angehörigen. Damals konnte nicht einmal der einflussreiche LKA-Mann durchsetzen, dass im Fall seiner Schwester professionell ermittelt wurde.

Dass die Polizei so träge war, lag auch daran, dass sie früh einen Verdächtigen hatte: den Ehemann der Verschwundenen. Harald Meier.

Ein erfolgreicher Unternehmer in der Druckindustrie, von dem die Beamten vermuteten, er habe seine Frau getötet. Das Paar hatte sich wenige Monate vor Birgit Meiers Verschwinden getrennt. Harald Meier war von da an mit einer anderen Frau zusammen. Birgit Meier, zum Zeitpunkt ihres Verschwindens Hausfrau, verkraftete die Trennung schlecht. Oft trank sie schon mittags, Cognac.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT VERBRECHEN 1/18.

Am Abend des 14. August 1989 empfängt Birgit Meier, eine 41-jährige, blond gelockte Frau mit feinen Gesichtszügen und einer Vorliebe für große Ohrringe, ihren Ehemann mit einem Lächeln. Sie scheint sich besser zu fühlen als die Tage zuvor. Die beiden sind verabredet, um den Hausstand aufzuteilen. Birgit Meier – darauf haben sie sich geeinigt – soll eine halbe Million D-Mark als Abfindung bekommen und aus dem gemeinsamen Haus bei Lüneburg ausziehen. Am nächsten Tag wollen sie beide zum Notar. In der halben Million sehen die Ermittler ein mögliches Motiv.

Die Tochter Yasmine leidet unter dem Trennungsstreit der Eltern und erzählt heute, sie habe mit der Mutter am Abend ihres Verschwindens telefoniert und sie gefragt: "Habt ihr euch gestritten?" – "Nein", habe sie geantwortet. Am nächsten Morgen ist die Tochter die Erste am möglichen Tatort. Das Opel-Cabriolet der Mutter steht in der Garage. Sie selbst ist weg. Die Bettdecke ist zurückgeschlagen, vom Nachthemd und den Kleidern, die sie trug, fehlt jede Spur. Eine grüne Dokumentenkassette steht offen. Birgit Meiers Papiere fehlen.

Der Ehemann Harald Meier wird von der Polizei vernommen, die Polizei kann ihm nichts nachweisen. Im vorläufigen Ermittlungsergebnis heißt es, dass nicht geklärt werden konnte, warum Birgit Meier "so plötzlich verschwunden ist".

Der Gärtner mit den "eiskalten Augen"

An einem Augustnachmittag des Jahres 2016 steht Harald Meier in einem rosafarbenen Hemd im Garten seines Anwesens. Es ist das Haus, aus dem seine Frau verschwand. Neben ihm ein Pool und ein Fischteich, in dem teure Koi-Karpfen schwimmen. "Birgit war für mich ein beständiger Kumpel. Ich konnte mich auf sie voll verlassen", sagt er. Als sie ihn an jenem Abend vor 27 Jahren empfing, hübsch zurechtgemacht, sei ihm sofort aufgefallen, dass sie diesmal "null Alkohol" getrunken hatte. "Na, hast du noch was vor?", neckte er sie. "Wer weiß", gab sie kokett zurück. So erinnert sich Meier an das Gespräch. Er beugt sich über den Gartentisch und flüstert: "Heute denke ich, vielleicht hat ihr Mörder schon im Nebenraum gewartet."

Harald Meier galt vielen als der Täter, der seine Ehefrau beseitigte. Er bemüht sich heute, all die Gerüchte zu überspielen, aber die Verletzungen sind geblieben. In seiner Firma hörte er seine Mitarbeiter über sich tuscheln. Seine Frau ist verschwunden, und manche fragen sich: Hat Meier die Leiche vielleicht in seinem Porsche ans Meer gefahren und von seinem Motorboot aus im Meer versenkt? Selbst seine Tochter schaute ihn manchmal an, so als fragte sie sich: Kann etwas dran sein an dieser Vermutung, die ja auch von der Polizei geäußert wird?

Der ehemalige LKA-Chef Wolfgang Sielaff sagt über seinen Schwager: "Ich konnte nicht glauben, dass er es war. Um Geld haben sich die beiden nie wirklich gestritten."

Sechs Wochen nach dem Verschwinden seiner Frau stößt Harald Meier auf den ersten Verdacht. Eine Arbeitskollegin seiner Frau erzählt ihm, am Tag ihres Verschwindens habe Birgit mit ihr gesprochen und lachend erwähnt, dass sie nun den "Hausfreund" der Nachbarin "übernommen" habe. Dieser habe bei Birgit geklingelt und gefragt, wie er die Nachbarin erreichen könne, bei der er den Garten gepflegt hatte – obwohl er die Adresse kannte.

Harald Meier ist irritiert. Er erinnert sich an eine Party bei der Nachbarin, auf der auch dieser Gärtner war. "Ein stiller Typ", sagt Meier, "blond, ein hübsches Gesicht, aber ganz schreckliche Augen. Ich habe noch nie solche Augen gesehen. Kalte, eiskalte Augen, die alles taxierten." Dann stellt sich heraus, dass Birgit Meier dem Gärtner wenige Monate vor ihrem Verschwinden noch einmal auf einer Party der Nachbarin begegnet war. Sie hatte zu viel getrunken, und der Gärtner trug sie nach Hause.

Harald Meier berichtet der Kripo von der Begegnung seiner Frau mit dem Gärtner. Die Beamten finden heraus: Der Gärtner arbeitet auf einem Friedhof und heißt Kurt-Werner Wichmann. Offenbar ein gefährlicher Mann. Er bedrohte schon als Kind eine Frau mit einem Messer. Als junger Erwachsener entführte er eine Anhalterin, vergewaltigte sie und würgte sie fast zu Tode. Dafür saß er fünf Jahre im Gefängnis.

Die Kripo lädt ihn vor. Zur Vernehmung erscheint er mit Schutzhandschuhen, wegen einer Allergie, wie Wichmann sagt. Zur Tatzeit, beteuert Wichmann, habe er ein Alibi. Im Protokoll der Vernehmung heißt es: "Ich kann nur pauschal sagen, dass ich an keinem Abend während der fraglichen Zeit meine Wohnung verlassen habe. Einschränken muss ich, dass ich abends auch nach 22 Uhr, aber höchstens für eine Viertelstunde, mit meinem Schäferhund nach draußen gehe." Seine Frau bestätigt das. Wichmann erwähnt nicht, dass er in jenen Tagen, in denen Birgit Meier verschwand, krankgeschrieben ist. Es wäre für die Polizei nicht schwer gewesen, dies herauszufinden, aber es kümmerte sich erstaunlicherweise kein Ermittler genauer um Wichmann.

"Spätestens jetzt hätte ein Ermittlungsverfahren eingeleitet werden müssen", sagt Sielaff. Aber es geschah nichts. "Man ging stoisch von einem Vermisstenfall aus. Immer wieder hörte ich von den Kollegen: Wir tun ja alles, aber leider finden wir nichts", sagt Sielaff. Fragt er genauer nach, verstummen die Kollegen. So geht das Monate, Jahre, bis eine neue Staatsanwältin in Lüneburg für das Verfahren zuständig wird. Diese leitet 1993, dreieinhalb Jahre nach dem Verschwinden von Birgit Meier, ein Strafverfahren wegen des Verdachts des Mordes an Birgit Meier gegen Kurt-Werner Wichmann ein.

An einem kalten Februarmorgen des Jahres 1993 klingeln die Polizisten früh an einem Backsteinhaus am Rande der Stadt Lüneburg. Hier lebt Kurt-Werner Wichmann. Er ist nicht zu Hause. Seine Ehefrau öffnet. Im Keller schlägt ein Leichenspürhund an – vor einer Rigipswand, die erst kürzlich eingezogen wurde. Im ersten Stock stehen die Beamten vor einer mit Lederpolstern überzogenen, schallisolierten Tür. Auch sie habe dafür keinen Schlüssel, erklärt ihnen die Ehefrau, zu diesem Zimmer hätten nur ihr Ehemann und sein Bruder Zutritt. Die Beamten brechen die Tür auf. Sie finden zwei Kleinkalibergewehre, einen Revolver, Munition, Schalldämpfer, Elektroschocker, Messer, Kanülen, Schlafmittel, Ketten, Schnüre und eine Handschelle mit einer Blutspur. Die Polizisten nehmen alles mit. In einem VW Golf, der auf Wichmann zugelassen und bei Lüneburg geparkt ist, finden sie einige Zeit später Straßenkarten, einen Bundeswehrschlafsack, eine Thermoskanne und ein Fernglas. Eine solche Ausstattung passt zu einem Jäger. Oder zu einem Menschen, der viel Zeit damit verbringt, Menschen auszuspionieren, die er erlegen möchte.

Als die Beamten den Garten auf Wichmanns Grundstück durchsuchen, schlägt ihr Metallsuchgerät aus. Sie bestellen einen Bagger, der den Boden aufreißt, und entdecken etwas Erstaunliches: Im Garten ist ein Auto vergraben, ein knallrotes neues Ford-Sportcoupé. Es sieht aus, als klebe auf dem Rücksitz Blut. Wieder schlägt der Leichenspürhund an. In dem Auto liegt jedoch keine Leiche.

Wieder geschieht: nichts

In den darauffolgenden Wochen ist Wichmann auf der Flucht. Am 15. April 1993 verursacht er auf einer Landstraße bei Heilbronn einen Verkehrsunfall. Die Polizisten untersuchen sein Auto, finden Waffenteile und Munition, deswegen nehmen sie ihn mit zur Wache. Wichmann kommt in Untersuchungshaft. Dort erhängt er sich an seinem Gürtel. Es ist der 25. April 1993. Wichmann ist 43 Jahre alt geworden.

Kurze Zeit später enden die Ermittlungen. Die Polizei folgt einem Rechtsgrundsatz, der sich aus der deutschen Strafprozessordnung ergibt: Gegen Tote darf nicht ermittelt werden. Es ist dieses Prinzip, an dem viele Familien zerbrechen. Die Hinterbliebenen finden keine Ruhe, solange die Umstände des Todes des geliebten Menschen nicht aufgeklärt sind. "Ich bin 27 Jahre durch die Hölle gegangen", sagt Yasmine Meier, heute 47 Jahre alt. "Die jahrzehntelange Ungewissheit frisst mich von innen auf."

2002 geht Wolfgang Sielaff in den Ruhestand. Und nimmt sich den Fall seiner Schwester systematisch vor. Er bekommt Zugang zu den Ermittlungsakten und ist erschüttert. "Es war ein gespenstischer Moment", erinnert er sich. "Alle Beweismittel waren vernichtet worden." Sogar der rote Ford aus dem Garten ist verschwunden. Ein weiterer Fehler: Die Rigipswand im Haus des Friedhofgärtners ist nie genau untersucht worden.

Mord verjährt nicht, die Beweismittel hätten aufbewahrt werden müssen. Und auch der Rechtsgrundsatz "Gegen Tote darf nicht ermittelt werden" galt in diesem Fall nicht – denn es gibt ja einen Menschen, den die Polizei immer noch für einen möglichen Täter hielt: Harald Meier, den Ehemann. Wenigstens um ihn zu entlasten oder zu überführen, hätte man die Beweismittel untersuchen und etwa die Nachbarn Wichmanns befragen müssen, die ja vielleicht mitbekamen, dass ein Auto vergraben wurde.

Sielaff gibt nicht auf. Er sammelt frühere Weggefährten aus Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft um sich. Der Rechtsmediziner Klaus Püschel und der Rechtsanwalt Gerhard Strate beraten das Team. Immer wieder spekulieren die Experten über Motive, mögliche Tatabläufe und das Täterverhalten. Bald merken sie, dass es einen Zusammenhang geben könnte zu weiteren bislang unaufgeklärten Morden. Sielaff und ein Ermittler aus seiner Truppe fahren noch einmal zu Wichmanns Haus. Das "geheime Zimmer" gibt es noch immer, nahezu unverändert. Sie entdecken Videos zweier Aktenzeichen XY ... ungelöst-Folgen: Über den Fall Birgit Meier. Und über die Göhrde-Morde. Sielaff teilt auch das der Polizei in Lüneburg mit. Wieder geschieht: nichts. Jahrelang.

Im Jahr 2015 übernimmt der neue Polizeipräsident Robert Kruse die Führung des LKA Lüneburg. Ihn kann Sielaff überzeugen, eine Sonderkommission einzurichten, die den Fall seiner Schwester aufrollen soll. Die Kommission trägt den lateinischen Namen Iterum: "zum wiederholten Male". Die Einheit leitet der Ermittler Richard Kaufmann. Er erweist sich als großes Glück: Kaufmann ist ein akribischer Kriminalist, der in den vergangenen Jahren all seine Fälle aufgeklärt hat. Er lässt verschiedene Gräber auf dem Friedhof ausheben, auf dem Wichmann damals tätig war, genau jene sieben Gräber, die offen standen, als Birgit Meier starb. Meiers Knochen findet man nicht. Kaufmann spricht mit Wichmanns Hinterbliebenen. Er befragt auch alte Schulfreunde und erfährt, dass Wichmann früher Tiere gequält, getötet und in einem Waldstück vergraben haben soll.

Der Chefermittler Kaufmann findet heraus, dass die Handschelle aus Wichmanns geheimem Zimmer damals zur Untersuchung an die medizinische Hochschule Hannover gebracht wurde. Und der zuständige Experte sagt, er werfe nie etwas weg, und verspricht, die Handschelle zu untersuchen. Das Ergebnis: eine Blutspur, groß wie ein Stecknadelkopf. Birgit Meiers Blut. Damit steht fest: Wichmann fesselte Birgit Meier und tötete sie. Kaufmann geht nun davon aus, dass Wichmann versucht hat, Birgit Meier zu entführen und von ihrem Mann Lösegeld zu erpressen. Und Kaufmann vermutet, dass ein zweiter Täter an der Entführung beteiligt war. Eine Nachbarin hat in jener Nacht einen laufenden Motor gehört.

Aber etwas muss schiefgelaufen sein, etwas, das Birgit Meier das Leben kostete.

Sielaff setzt nun alles daran, die Leiche seiner Schwester zu finden. Er tut das auch für seine Nichte, die ihm immer wieder sagte, sie könne nicht weiterleben, ohne zu wissen, wo ihre Mutter ist. "Kurt-Werner Wichmann war ein Kontrollfreak", sagt Sielaff. "Er musste die Kontrolle über den Ort haben, an dem die Leiche versteckt ist. Deswegen habe ich vermutet, dass die Leiche meiner Schwester im Haus oder auf dem Grundstück vergraben ist."

Im Jahr 2016 ist das Haus, in dem Wichmann wohnte, fast unverändert. Es steht nur wenige Meter von dem Waldgebiet entfernt, durch das die Hundertschaft Polizisten streift. Klingelt man, geschieht zunächst nichts. Dann ertönt von drinnen ein unheimliches Gebell.

Ein instabiles Innenleben

Ein riesiger schwarzer Hund stürmt auf das Gartentor zu. Hinter ihm stakst ein knurriger weißhaariger Herr. "Na, denn mal rein ins Mörderhaus", sagt er. Hannes Rudloff ist 75 Jahre alt und fast blind. Er tastet sich ins Haus zurück. Dort ist es dunkel, Wände und Decken sind holzgetäfelt, wie es Mode war in den siebziger Jahren.

Der Friedhofsgärtner Kurt-Werner Wichmann hat fast sein ganzes Leben in diesem zweistöckigen Backsteinhaus nahe Lüneburg verbracht. Hier wuchs er auf. Das Haus ist so mysteriös wie Wichmann selbst. Da ist die schallisolierte Tür, dahinter das geheime Zimmer, zu dem nur Wichmann und dessen Bruder Zutritt hatten. Im Keller hatte Wichmann schon als Kind eine Abhöranlage installiert, um die Untermieter der Eltern belauschen zu können.

Der alte Rudloff wurde nach Wichmanns Selbstmord sein Nachfolger in doppelter Hinsicht: Er kaufte in den 1990ern nicht nur dessen Haus – er heiratete auch Wichmanns Witwe, Alice, eine ehemalige Schönheitskönigin aus Hamburg mit gutem Draht in die Hamburger Gesellschaft. Sie war zwar verheiratet, als sie Wichmann über eine Kontaktanzeige kennenlernte. Aber sie verfiel dem 13 Jahre jüngeren blonden Schönling mit der Fönfrisur, der so unverschämt charmant sein konnte. Sie verließ ihren Mann und zog zu ihm an den Rand Lüneburgs. Sie passte in Wichmanns Beuteschema: Er hatte eine Affinität zu erheblich älteren, wohlhabenden Frauen, denen er schmeichelte und von denen er sich aushalten ließ. Einige dieser Beziehungen liefen parallel, Sadomasochismus spielte wohl eine Rolle. Diese Frauen beschreiben ihn als "charmant", sie erzählen gern davon, wie er sie "bezirzt" habe.

Alice ist 2006 verstorben. Vom geheimen Leben Wichmanns habe sie nicht viel mitbekommen, meint Rudloff: "Wenn was los war, hat er sie weggeschickt für ein paar Tage." Er selbst hat Alice kurz nach dem Selbstmord seines Vorgängers kennengelernt. "Eine nette, hübsche Frau", sagt er. Und sie hatte Schulden. Also kaufte Rudloff ihr das Haus ab. Später hätten sie sich dann "zusammengetan". Über Wichmann hätten sie nie viel gesprochen. Rudloff scheint die Vorstellung, im Haus eines Killers zu leben, eher als Kuriosum zu empfinden.

Wichmann war 14 Jahre alt, als er sein erstes aktenkundiges Verbrechen beging. Man darf sich sein Elternhaus nicht übermäßig liebevoll vorstellen – der Vater soll, laut Ermittlungsakten, die Mutter mit einem Beil bedroht und die Söhne misshandelt haben. Der verhaltensauffällige Teenager lebte damals nicht zu Hause, sondern im Wichernstift, einer Fürsorgeeinrichtung. Nach einem Weihnachtsurlaub im Jahr 1964 wollte Kurt-Werner nicht zurück ins Wichernstift, sondern abhauen. Deshalb stieg er mit Dolch und Taschenlampe in die Wohnung der Untermieter seiner Eltern ein, einer jungen Familie. Er suchte nach Geld. Im Schlafzimmer schliefen nur die Mutter und das Baby, der Mann war bei der Arbeit. Die Frau erwachte, als der Junge den Nachttisch mit dem Strahl der Taschenlampe abtastete. Sie schrie. Daraufhin trat er auf sie zu und würgte sie zweimal. Dann drehte er sich um und blieb vor dem Bettchen stehen, in dem der Säugling lag. Die Frau überkam "die Angst, er könne dem Kind etwas antun", so heißt es später im Urteil. Drei Wochen Jugendarrest gab es für den körperlichen Übergriff des Minderjährigen, "wegen versuchten schweren Diebstahls, versuchter Nötigung in Tateinheit mit versuchter schwerer Körperverletzung".

Wer war Kurt-Werner Wichmann, der 1949 zur Welt kam und sich 1993 das Leben nahm?

Ein ehemaliger Schulkamerad und ein Arbeitskollege, die einander nicht kennen, beschreiben Wichmann fast wortgleich als "Eigenbrötler" und "arrogant". Er habe sich immer für etwas Besseres gehalten und keine Freunde gehabt. Später trug er zur Arbeit in einem Baustoffhandel gerne schwarze Ledermäntel. Er fuhr dicke Autos, die er sich vom Gehalt kaum hätte leisten können.

Schon als Siebenjähriger habe er "ein großes Geltungsbedürfnis" gehabt, erinnert sich ein ehemaliger Schulkamerad. "Wichmann war ein kleiner Aufschneider. Sonst hatte das niemand nötig. Wir waren alle Kinder kleiner Leute. Er wollte was Besonderes sein." Der einstige Klassenkamerad erzählt weiter, dass Wichmann mit dem Versprechen "Ich kann euch ein wunderschönes Schloss zeigen" die Jungen in sein Elternhaus am Waldrand lockte. Als die Kinder angekommen waren, stellte sich das "Schloss" als verfallenes Gutshaus heraus. Ein verfallenes Gutshaus, anderen als Schloss verkauft – das ist die Metapher für Wichmanns Leben.

Mit 22 Jahren muss Wichmann Anfang der siebziger Jahre wegen Vergewaltigung für fünfeinhalb Jahre ins Gefängnis, von dort antwortet er auf eine Kontaktanzeige von Helga H., der wohlhabenden Ex-Gattin eines Zahnarztes, damals 43 Jahre alt. Als sie Wichmann zum ersten Mal im Gefängnis besucht, ist dieser 26, "ein großer, schlanker, blonder Mann", erinnert sich Helga H. heute. "Er hätte mein Sohn sein können." Sie fühlte sich hingezogen zu dem jungen Schönling, schickte ihm Kassetten mit Musik ins Gefängnis und Liebesbotschaften. Dass er ein verurteilter Vergewaltiger ist, schien sie nicht zu stören. "Ich wusste nur, dass er als junger Mann irgendetwas angestellt hatte", sagt sie am Telefon. "Was sollte man da groß drüber reden?" Dass sie mit einem Serienmörder zusammen gewesen sein könnte, mag sie nicht glauben. "Er war ein guter Mensch." Ein Satz von damals hat sich ihr besonders eingeprägt. "Ich lasse mich nie wieder einsperren", sagte er zu ihr.

"Der war ein halber Nazi"

Helga H. setzte sich für seine vorzeitige Entlassung ein. Als er 1975 freikommt, zieht er bei ihr ein, in eine große Wohnung bei Karlsruhe. Sie genießt die Zeit mit dem jungen Mann, der sie immer gut behandelte, wie sie sagt. Drei Jahre geht das so, dann zieht Wichmann zurück zu seinen Eltern nach Lüneburg, angeblich "aus Heimweh". In Wichmanns Karlsruher Zeit wurden um die Stadt herum mehrere Morde an Anhalterinnen verübt, die bis heute ungeklärt sind.

Dass Wichmann nun auch dieser Verbrechen verdächtig ist, hat mit der Tat zu tun, wegen der er einsaß und von der Helga H. nichts wissen wollte. Wichmann hatte 1970 eine junge Anhalterin in seinem Wagen mitgenommen. Er legte eine Hand auf ihr Knie, sie wehrte sich. Da bog Wichmann vom Weg ab, hielt, zerrte die Anhalterin in den Wald und sagte: "Zieh dich aus!" Als sie in Unterwäsche vor ihm stand, warf er sie zu Boden und vergewaltigte sie. Er stürzte sich mehrmals auf sie, steht im Urteil, und rief: "Es geht noch nicht nach Hause!" Er würgte sie von hinten mit beiden Händen. Die Anhalterin verlor das Bewusstsein. Wichmann warf den scheinbar leblosen Körper in den Kofferraum und fuhr weiter. Die junge Frau kam zu sich und ertastete im Kofferraum einen Spaten. Als Wichmann anhielt – offenbar, um den vermeintlichen Leichnam zu vergraben –, griff sie ihn an. Wieder würgte er sie und schloss den Kofferraum. Als er ihn das nächste Mal wieder öffnete, hielt er eine Schusswaffe in der Hand.

Was nun geschieht, ist erstaunlich und lässt Rückschlüsse auf sein instabiles Innenleben zu: Die Anhalterin kann ihn überreden, sie laufen zu lassen, sie überzeugt ihn, dass er von ihr "nichts zu befürchten" habe. Wichmann lässt sie tatsächlich gehen. Kurz darauf liest er in der Tageszeitung einen Artikel über die Entführung und Vergewaltigung – und findet sich völlig falsch dargestellt. Deshalb geht er zur Polizei, um einiges "richtigzustellen", wie er den Beamten sagt. Schließlich, fährt er fort, gerate er ja dauernd in Verdacht, wenn es um "Sittlichkeitsdelikte" gehe, dem wolle er zuvorkommen.

Dem Narzissten kommt es auf das Bild an, das andere von ihm haben. Beim Vergewaltiger Wichmann ist der Wunsch nach der Kontrolle des Fremdbildes so immens, dass er seine Entdeckung in Kauf nimmt. Als die Polizisten seine Wohnung durchsuchen, finden sie zwei Kleinkalibergewehre und Mappen mit Zeitungsausschnitten. In einer hatte Wichmann alle Artikel zu einem Mord abgeheftet, der sich 1968, zwei Jahre zuvor, ereignet hatte: Eine 38-jährige Frau war durch einen Wald geradelt und mit einem Kleinkalibergewehr erschossen worden. Zeugen hatten einen Mann in einem knielangen Mantel gesehen. Der Fall ist nicht aufgeklärt. War Wichmann der Schütze?

Zurück ins Jahr 2016, ins Mörderhaus in Lüneburg. Der weißhaarige Rudloff erklimmt die Treppe hinauf ins erste Obergeschoss. Er bleibt vor einer grün gepolsterten, schweren Tür stehen. "Die hat Wichmann einbauen lassen", sagt Rudloff, "damit keiner was hören kann." Niemand durfte den Raum dahinter betreten. Nicht einmal Wichmanns Frau.

Es ist ein geräumiges Zimmer mit Dachschrägen, alles in hellem Holz getäfelt. Es herrscht Durcheinander, doch dann offenbart sich eine geheime Ordnung. Hier die Fotoalben, da die Bücher, und der Raum birgt Hohlräume mit Geheimverstecken. Fast nichts hat sich hier verändert seit Wichmanns Tod. Selbst der Teppichboden ist derselbe. Im Regal noch immer die Bücher des Mörders. Ich bin stolz, Deutscher zu sein lautet ein Titel. Ein anderer: Warum wir Adolf Hitler wählen. Rudloff sagt: "Der war ein halber Nazi, früher wehte hier noch die Reichskriegsflagge."

An Tischen und Regalen, in Winkeln und an Wänden sind immer wieder Teile ausgesägt und über Hohlräumen wieder verschlossen worden. Rudloff klopft gegen die Wand unter der Schräge. "Noch ein Hohlraum." Erst 2016 hat die Polizei die gesamte Verkleidung abgenommen – kurz vor dem Besuch der ZEIT im Mörderhaus und 27 Jahre nach dem Verschwinden von Birgit Meier und den beiden Doppelmorden in der Göhrde. Zum Vorschein kam ein langes Hanfseil, allerdings ohne DNA-Spur.

Gegenüber der schallisolierten Tür gibt es noch eine zweite. Als Rudloff das Haus kaufte, führte diese Tür ins Nichts. Wer sie öffnete, blickte von oben in die Garage. Dort hatte Wichmann einen Strick befestigt. "Damit wollte er sich wohl umbringen, wenn ihm jemand auf die Schliche kommt", vermutet Rudloff.

Genau an dieser Stelle hebt der betagte Ermittler Wolfgang Sielaff einige Monate nach dem Besuch der ZEIT die Leiche seiner Schwester aus dem Beton. Er hatte zunächst die zuständige Lüneburger Polizei gebeten, dort zu suchen – ohne Erfolg. Seine "kriminalistische Erfahrung", so erklärte es der Leiter der Ermittlungsgruppe, sage ihm, dass dort "keine Leiche" liege. Während er das sagte, stand er genau über der Leiche, nur eine Betonplatte trennte sie von ihm. Sielaff aber ließ nicht locker und veranlasste, dass der Betonboden in der Garage aufgebrochen wurde. Nachdem die ersten Knochen zu sehen waren, rief Sielaff die Polizei.

Ungeklärte Mordtaten im Raum Lüneburg

Der Fall seiner Schwester war nun aufgeklärt, aber Sielaff gab keine Ruhe. Schließlich gab es noch andere Angehörige, die darauf warteten, dass endlich die Verbrechen aufgeklärt wurden, die über ihre Familien gekommen waren. Es ist allein Sielaffs Hartnäckigkeit zu danken, dass Ende 2017 auch ein Verbrechen aufgeklärt wurde, das in den neunziger Jahren ganz Norddeutschland in Atem hielt: die Göhrde-Morde.

Der 12. Juli 1989 ist sonnig, und es sind – wie damals üblich – viele Erholungssuchende in der Göhrde unterwegs. Die Göhrde, so heißt das ausgedehnte Waldgebiet östlich von Lüneburg, war früher vor allem bei Paaren beliebt, die ungestört sonnenbaden oder Sex in der Natur haben wollten. Aus ganz Norddeutschland und aus West-Berlin kamen Menschen hierher. Seit den grausigen Doppelmorden im Jahr 1989 ist die Göhrde verwaist. Sie heißt jetzt Totenwald.

Im Waldabschnitt "Jagen 138" steigt drei Blaubeersammlern plötzlich ein süßlich-widerlicher Geruch in die Nase. Unter einer Kiefer entdecken sie einen Haufen aus Zweigen und Reisig – aus dem die Hand eines Menschen ragt. Seit mehr als sieben Wochen liegen die Leichen von Ursula und Peter Reinold unter einer Kiefer in einem Haufen aus Zweigen. Tiere haben die Leichen angefressen, auf den menschlichen Überresten kriechen Maden.

Die Blaubeersammler haben noch den Verwesungsgeruch in der Nase, als sie sich auf den Weg zum Förster machen. Der ruft die Polizei. Wenig später legen Polizisten die beiden Toten frei. Sie liegen auf dem Bauch, die Hände sind auf dem Rücken überkreuzt, als seien sie gefesselt worden. Beide sind fast nackt, nur Ursula Reinold trägt noch einen bis zur Hüfte hochgeschobenen Rock. Der Kehlkopf ihres Ehemannes ist eingedrückt. Bis heute ist unklar, ob die Reinolds erschossen, erschlagen oder stranguliert wurden. Unklar ist auch, ob sie sich ausgezogen haben oder ob ihr Mörder das getan hat – und wo die Kleidung ist.

Doch dann geschieht etwas, das den Fall einzigartig macht in der deutschen Kriminalgeschichte: Noch während die Polizei die Leichen der Reinolds untersucht, wird 800 Meter entfernt, im Abschnitt "Jagen 147", ein weiteres Liebespaar erschossen. Es sind Bernd-Michael Köpping und Ingrid Warmbier. Sie treffen sich hier heimlich, denn beide sind verheiratet, aber nicht miteinander. Sie ist Hausfrau, er Bezirksleiter der Toto-Lotto GmbH, auf einer Reise haben sie sich kennengelernt. Die Leichen werden erst zwei Wochen später entdeckt, zufällig, als Beamte das Waldgebiet wegen des ersten Doppelmords noch einmal durchkämmen.

Die neuen Leichen liegen auf einer zwei mal fünf Meter großen Lichtung, mit dem Gesicht nach unten, im rechten Winkel zueinander. Die Frau ist mit Leukoplast-Band gefesselt, das es nur im medizinischen Fachhandel gibt, "zweischichtig und entgegen dem Uhrzeigersinn", heißt es im Tatortbericht. Ihre Bluse ist "in Höhe der Brüste aufgeschoben", der BH in der Mitte durchschnitten, der Schädel zerschmettert. Den Opfern wurde außerdem in den Kopf geschossen. Dass die Polizisten die Schüsse nicht hörten, ist purer Zufall. Die Lichtung liegt in einer Senke.

Durch den neuen Fund bekommt die beiläufige Beobachtung der Blaubeersammler nachträgliche Bedeutung. Sie sprachen von einem Mann, der ihnen auf dem Weg zum Förster begegnet sei. Zwei Wochen später, nach dem zweiten Leichenfund, können die Blaubeersammler den Mann nur vage beschreiben. Woran sie sich aber erinnern: Der Mann hatte einen Beutel dabei. Und dieser Beutel war nicht leer. Sowohl schlank als auch kräftig soll der Mann gewesen sein, Mitte 40, mittellange braune Haare, ohne Brille und Bart. Diese Zufallsbegegnung mit einem Mann steht plötzlich im Zentrum der Ermittlungen, auch wenn er nicht der Mörder gewesen sein muss. Nach den Beschreibungen der Blaubeersammler wird ein Phantombild gefertigt.

Der Friedhofsgärtner gerät aufgrund seiner Vorstrafen ins Visier der Ermittler: Kurt-Werner Wichmann ist zum Tatzeitpunkt 40 Jahre alt und lebt nur 30 Kilometer entfernt vom Fundort. Wichmann war vom 10. bis zum 14. Juli 1989, damit also auch am Tag der Ermordung des heimlichen Liebespaares, krankgemeldet. Die Reinolds wurden an einem Sonntag getötet, da musste Wichmann ebenfalls nicht arbeiten.

Aber die Ermittler finden keine Anhaltspunkte dafür, dass Wichmann in Beziehung zu den Tatorten in der Göhrde steht. Außerdem stimmt sein Aussehen nicht mit dem Phantombild des Beutelträgers überein – denn: "Wichmann ist Brillenträger", heißt es in der Ermittlungsakte. Deswegen könne Wichmann zwar "nicht als Tatverdächtiger ausgeschlossen werden", andererseits bestehe "gegen ihn auch kein begründeter Tatverdacht". Die Akte wird daher "als unerledigt abgelegt".

Ungeklärt bleibt, ob Wichmann einen Gehilfen hatte

"Diese Entscheidung ist schwer nachzuvollziehen", sagt Wolfgang Sielaff. Er und sein ehrenamtliches Ermittlerteam ahnten früh, dass Wichmann mit dem Göhrde-Mörder identisch sein könnte. Die ungeheure Brutalität, mit der die Doppelmorde begangen wurden, die sexuelle Komponente, die sich in der aufgeschobenen Bluse und dem aufgeschnittenen BH von Ingrid Warmbier zeigt, auch der Sadismus passten zum Täterprofil Wichmanns. Stattdessen konzentrierte sich die Polizei jedoch auf zwei andere Tatverdächtige – ohne Erfolg.

Dabei gibt es schon lange konkrete Hinweise, die Wichmann in Verbindung bringen mit den Göhrde-Morden, die Polizei hätte sie nicht übersehen dürfen. Einen davon findet Wolfgang Sielaff 2013, als er das geheime Zimmer Wichmanns durchsucht: Es ist die Aufzeichnung der Sendung Aktenzeichen XY ...ungelöst vom 1. Dezember 1989, in der es um die Göhrde-Morde geht. Die Videokassette ist kein Beweis. Aber es passt zum Narzissten Wichmann, der auch Zeitungsartikel und Fernsehsendungen über die von ihm ermordete Birgit Meier sammelte.

Ein weiterer Hinweis ist das Ergebnis einer BTX-Recherche, die man 1993 bei der Durchsuchung von Wichmanns Haus sichergestellt hatte. BTX war ein Online-Dienst der Bundespost, eine Art Vorläufer des Internets. Kurt-Werner Wichmann suchte hier nach Informationen zu Angehörigen von Bernd-Michael Köpping, einem der Ermordeten in der Göhrde. Auch diese Unterlagen waren lange verschollen.

Neben diesen Hinweisen gibt es zahlreiche konkrete Spuren, die jahrzehntelang nicht ausgewertet wurden. Sie stammen aus den Autos der Opfer. Der Toyota von Bernd-Michael Köpping wurde in der Nähe der Kurklinik Bad Bevensen gefunden – mehrere Tage soll der Täter nach dem Mord damit herumgefahren sein. Auch im Auto der Reinolds, einem silberfarbenen Honda, hat der Täter noch 60 Kilometer zurückgelegt. Dann hat er ihn unverschlossen und verdreckt in der Nähe des Bahnhofs Winsen/Luhe abgestellt. Die Sitze im Auto der Reinolds wurden mit Folien abgezogen. Aber es dauert fast 30 Jahre, bis die DNA-Spuren darauf im Landeskriminalamt Hannover mit der DNA von Wichmann abgeglichen werden. Erst Ende 2017 liegt das Ergebnis vor: Die DNA stimmt überein. Für die Polizei sind die Göhrde-Morde damit aufgeklärt. Der Täter war Kurt-Werner Wichmann.

In der Polizeidirektion Lüneburg gibt es nun eine sechsköpfige Ermittlertruppe, die ein Persönlichkeitsprofil Wichmanns erstellen und seinen Modus Operandi beschreiben soll. Mehrere Mordgutachten, sogenannte Operative Fallanalysen, die im Landeskriminalamt Hannover erarbeitet wurden, legen den Schluss nahe, dass Wichmann 24 weitere Menschen getötet haben könnte. Diese Fälle sollen alle aufgearbeitet werden. Die Polizei plant ab Sommer, die Fahndung nach weiteren Opfern von Wichmann mithilfe des Bundeskriminalamtes auf ganz Europa auszuweiten.

Im Oktober 2016 veröffentlichte die ZEIT zu diesem Fall eine dreiteilige Serie

Epilog

Ungeklärt bleibt weiterhin, ob Wichmann einen Gehilfen hatte: Er ist mit dem Auto seiner Opfer davongefahren – aber wie ist er in die Göhrde gelangt? Hat ihn jemand gefahren? Die Staatsanwaltschaft Lüneburg hat nun im Mordfall Birgit Meier und der Göhrde-Morde jeweils ein Strafverfahren eingeleitet. Im Fall Birgit Meier gegen unbekannt, bei den Göhrde-Morden gegen jemanden aus Wichmanns Umfeld.

Einen Menschen gibt es, der bei der Aufklärung dessen, was Kurt-Werner Wichmann getan hat, helfen könnte. Es ist sein zehn Jahre jüngerer Bruder. Dessen ehemalige Verlobte sagt über ihn, er habe "fast in einem Abhängigkeitsverhältnis zu Kurt-Werner" gelebt, ihn bei allem, sogar kleinsten Entscheidungen des täglichen Lebens, um Rat gefragt. Als Wichmann vor seinem Suizid auf der Flucht war, fuhr der kleine Bruder in Wichmanns Auto. Und in seinen Abschiedsbriefen gab Wichmann ihm Aufgaben auf, die sich auch als verschlüsselte Botschaften lesen lassen – etwa, er solle "einmal die Dachrinne über dem Kellereingang reinigen, aber sehr vorsichtig". Wer schreibt so etwas, vor seinem Freitod?

An einem dunklen Herbsttag im Jahr 2016 steht Wichmanns jüngerer Bruder am Rande Lüneburgs mit einem Schlauch in der Hand da und gießt Töpfe mit lilafarbener Herbstheide. Ein kleiner, stiller Mann.

"Würden Sie uns etwas über Ihren Bruder sagen?"

"Nein", lautet die bestimmte Antwort.

Der Mann sieht aus, als würde er für immer schweigen.