DIE ZEIT: Herr Professor Kröber, Sie haben mehr als 1.000 Straftäter begutachtet – und in das personifizierte Böse geblickt?

Hans-Ludwig Kröber: Ich glaube nicht an eine metaphysische Existenz des Bösen, das da irgendwo durch die Luft west und Menschen befällt. Das Böse existiert nur in der Tat, und die Person ist nicht identisch mit der Tat. Sie ist nicht böse, aber imstande, etwas Böses zu tun. Für mich als psychiatrischen Gutachter ist das Böse keine Kategorie, die in meiner Praxis von direkter Bedeutung wäre. Es ist bloß der Sachverhalt, der im Hintergrund steht und die Szene bestimmt. Der Gutachter soll sagen, ob der Beschuldigte krank war oder nicht; eine moralische Bewertung ist nicht sein Job.

DIE ZEIT: Es gibt keinen bösen Menschen?

Kröber: Böse zu sein ist für mich keine Persönlichkeitseigenschaft, sondern eine Bewertung von außen. Eine moralische Qualifikation. Ich bin dazu gefragt, ob ein Straftäter erneut eine böse Tat begehen wird, und bei einigen muss ich sagen: mit aller Wahrscheinlichkeit ja, weil sie Spaß daran verspüren, andere Menschen zu schädigen. Aber sie sind nicht besessen von einer Art Geist des Bösen. Sie haben sich entschieden, ein für andere zerstörendes Leben zu führen.

DIE ZEIT: Das Böse als bewusste Entscheidung?

Kröber: Da bin ich in einer Reihe mit Kant: Sie tun es, weil sie es tun wollen. Manche tun es, weil es böse ist, eine Grenzüberschreitung. Edgar Allan Poe hat das als Abgrund beschrieben, dem man sich mit Schwindel nähert - und dann wie von einem Sog erfasst wird. Das ist ein Kick, der viel wert ist.

DIE ZEIT: Ist demnach jeder Mensch zu einer absolut bösen Tat imstande?

Kröber: Ich glaube, dass es ab einem bestimmten Alter ein stabiles soziales Selbstkonzept gibt, das böse Taten unmöglich macht. Wir morden dann nicht mehr, weil wir so jemand auf keinen Fall sein wollen, weil wir zu viel zu verlieren haben, gerade an Selbstachtung. Das kann aber kippen, wenn sich die Lebenssituation stark ändert.

DIE ZEIT: Viele abscheuliche Täter werden als krank abgestempelt.

Kröber: Das ist eine Verzerrung der Realität. Jeder unvoreingenommene Blick auf Verbrecher beweist: Man muss dazu nicht psychisch krank sein. Die meisten Gewalttäter, Kindesmissbraucher und sonstigen Sexualstraftäter sind gesund und wissen, was sie tun.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT VERBRECHEN 1/18.

DIE ZEIT: Ende des 19. Jahrhunderts beschrieb der italienische Psychiater Cesare Lombroso den "delinquente nato", den geborenen Verbrecher, den man anhand körperlicher Merkmale erkennen könne, etwa an seiner Schädelform. Heute wird diese Lehre Neurokriminologie genannt. Der Amerikaner Adrian Raine will mithilfe von Hirnscans ein "Killer-Gen" entdeckt haben.

Kröber: Schon Marquis de Sade hat argumentiert: Sich zu nehmen, was man will, steht im Einklang mit der Natur. Und kriminelles Handeln durch biologische Faktoren zu erklären ist beruhigend und eliminiert das Böse als moralischen Skandal. Böse Taten sind aber nicht im Gehirn programmiert, sondern Geschehnisse in einer Interaktion zwischen Menschen. Was Raine gemacht hat, war wissenschaftlich unsolide. Er hat eine Handvoll Mörder untersucht, die meisten von ihnen schwarz, in deren Hirnstruktur er Unterschiede zum Durchschnitt ausgemacht hat. Aber diese Abweichungen sind sehr wahrscheinlich mit schlechter sozialer Lage assoziiert. Und die ist verbunden mit einer hohen Kriminalitätsrate. Die Behauptung, in ihnen wohne eine Art Killer-Gen, ist absurd. Dann könnte man ja gleich sagen: Es liegt am Melanin in der Haut.

DIE ZEIT: Warum wird jemand zum Mörder?

Kröber: Habgier, Rache, sexuelle Begierde, Freude an der eigenen Macht beim Töten. Habgier ist weiterhin das Topmotiv. Wir haben die Biografien aller 105 Berliner Strafgefangenen mit lebenslanger Freiheitsstrafe untersucht. Etwa ein Viertel hatte vorher sozial unauffällig gelebt. Bei mindestens zwei Dritteln bestand schon eine dissoziale und kriminelle Vorgeschichte. Die Sozialisation war oft ähnlich verlaufen: broken home, Heimaufenthalte, abwesende oder häufig wechselnde Väter, Jugenddelikte, irgendwann wird dann eine Grenze überschritten. Für mich ist Verbrechen eine psychosoziale Frage, keine biologische. Kriminalität ist immer ein interaktives Geschehen.

DIE ZEIT: Man hört den Aufschrei: Eine schlimme Kindheit darf keine Rechtfertigung für das Böse sein!

Kröber: Ist sie ja auch nicht. Dass die Erfahrung von Gewalt und Herzlosigkeit dafür sorgt, auch selbst rücksichtslos zu sein, bedeutet nicht, dass derjenige, der Böses erfährt, Böses tun muss. Diese Auffassung ist eine Beleidigung der großen Mehrheit wirklicher Opfer, die nichts weniger im Sinn haben, als neue Opfer zu produzieren. 80 bis 90 Prozent von ihnen werden nicht straffällig. Doch die Fakten sind eindeutig: Es gibt keine andere sozial definierte Gruppe, die so viele Belastungen in der Kindheit hatte wie Straftäter, nicht mal psychisch Kranke. Das entbindet sie aber nicht der Notwendigkeit, umzulernen und das Richtige zu tun. Unser Justizsystem muss klar machen, es gibt keinen Strafrabatt für eine schwierige Kindheit.