Am 2. Juni 2009 stieg ich in Berlin Schönefeld in ein Flugzeug, das mich, über einige Umwege, nach Kambodscha bringen sollte. Ich hatte bereits seit einem Jahr an meiner Dissertation gearbeitet, zu dem recht sperrigen Thema "Rechtsstaatliche Anforderungen an völkerstrafrechtliche Verfahren". Es ging darin um die Frage: Wie sieht ein fairer Umgang mit Angeklagten aus, denen Kriegsverbrechen und unvorstellbare Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen werden?

Nun ist es das eine, in der Bibliothek der Freien Universität Berlin über Strafverfahren an internationalen Gerichten zu philosophieren. Etwas anderes ist es aber, sich diese Verfahren mit eigenen Augen dort anzusehen, wo sie tatsächlich stattfinden. Ich wollte daher die nächsten vier Monate in Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh verbringen und für eine Opferanwältin am Tribunal gegen die Roten Khmer – den sogenannten Extraordinary Chambers in the Courts of Cambodia – arbeiten.

Das Tribunal besteht aus kambodschanischen und ausländischen Richtern und Richterinnen, die über die Gräueltaten hochrangiger Kader des Pol-Pot-Regimes zu Gericht sitzen. Unter Führung ihres "Bruders Nr. 1" Pol Pot war die maoistisch-nationalistische Guerillabewegung der Roten Khmer am 17. April 1975 nach Jahren des Bürgerkriegs an die Macht gelangt. Unter der Herrschaft der Roten Khmer, die bis zum Januar 1979 anhielt, wurde das Land mit aller Gewalt in einen kommunistischen Agrarstaat verwandelt: Bildung, Kultur und Religion wurden verboten. Banken, Krankenhäuser, Schulen wurden abgeschafft, die Städte evakuiert und die Bevölkerung in Arbeitslager aufs Land gezwungen. Angehörige des alten Regimes, aber auch Intellektuelle, Menschen mit eigenständigen Gedanken oder einer anderen politischen Ansicht galten als Gefahr: Sie wurden zu Tausenden verhaftet und ermordet. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen starben unter dem Terrorregime der Roten Khmer mehr als 1,7 Millionen Kambodschaner an den Folgen von Gewalt, Unterernährung und Zwangsarbeit – fast ein Drittel der Bevölkerung. Angaben des Khmer Institute of Democracy zufolge verloren mehr als 90 Prozent der Kambodschaner in dieser Zeit mindestens ein Familienmitglied.

Einige der Betroffenen wollte ich durch meine Arbeit am Tribunal unterstützen. Zum ersten Mal in einem internationalen Strafverfahren hatten nämlich hier Opfer und deren Angehörige überhaupt die Möglichkeit, selbst als Nebenkläger am Prozess teilzunehmen. 93 Menschen haben im ersten Verfahren des Tribunals von diesem Recht tatsächlich auch Gebrauch gemacht.

Im Flugzeug ging ich die Anklageschrift gegen den Beschuldigten Kaing Guek Eav – besser bekannt unter seinem Revolutionsnamen Genosse Duch – noch einmal durch. Die Liste der Tatvorwürfe war lang: Da standen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen, begangen unter anderem durch Folter, Verfolgung und Mord. Der Angeklagte Duch leitete von 1976 bis 1979 das Foltergefängnis S-21 in Phnom Penh. Unter seiner Führung kamen 12.273 Häftlinge auf grauenvolle Weise ums Leben, wahrscheinlich waren es mehr. Was für ein Mann würde das sein? Wie sieht jemand aus, der 12.273 Menschen auf dem Gewissen hat?

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT VERBRECHEN 1/18.

Wer heute die Räume des einstigen Foltergefängnisses durchschreitet, kann sich das Grauen der dunklen siebziger Jahre vorstellen. An den Wänden hängen Bilder des Malers Vann Nath, einer der bloß sieben Überlebenden aus dem S-21. Er hat seine Erlebnisse in Bildern verarbeitet. Es sind entsetzliche Szenen von Folter und Tod; ein Mann wird, auf dem Boden liegend, ausgepeitscht, einem anderen werden die Fingernägel gezogen, ein dritter wird ertränkt. Fast noch schwerer zu ertragen sind die unzähligen Fotos der Männer, Frauen und Kinder, die bei ihrer Ankunft im Gefängnis S-21 aufgenommen wurden. Mit der Verhaftung war das Schicksal der Neuankömmlinge besiegelt, und in den Gesichtern der Fotografierten ist zu erkennen: Sie wissen es. Wer nach S-21 kam, galt als Spion und Verräter an der Revolution. Hier war die Endstation. Die Gefangenen wurden so lange verhört, bis Genosse Duch ihr Geständnis für ausreichend hielt. Um sie zum Reden zu bringen und ihnen die Namen weiterer "Feinde des Regimes" zu entlocken, folterten Duchs Mitarbeiter die Hilflosen durch Schläge, Waterboarding und simuliertes Ersticken. Neben den physischen Qualen wurden sie zusätzlich gedemütigt: Sie mussten Bildern huldigen, auf denen Hunde mit den Köpfen des vietnamesischen Präsidenten Ho Chi Minh oder des amerikanischen Präsidenten Lyndon B. Johnson zu sehen waren.

Wie aussichtslos die Lage der Gefangenen war, schilderte uns Chum Mey, der das Grauen im S-21 überlebt hatte: Bei unserem Treffen trägt er ein einfaches weißes Hemd, das für seinen schmalen Körper deutlich zu groß ist. Bei der Begrüßung wirkt er noch fröhlich und trotz seiner fast 80 Jahre beinahe jugendlich. Als er aber von seinen Erlebnissen unter den Roten Khmer zu berichten beginnt, ändert sich der Ausdruck in seinen Augen. Zitternd vor Wut und Trauer erzählt er von den stundenlangen Verhören: "Sie legten mich mit dem Gesicht auf den Boden und schlugen so lange auf mich ein, bis sie genug hatten. Sie fragten mich, wann ich dem amerikanischen Geheimdienst CIA und dem russischen Geheimdienst KGB beigetreten war. Ich wusste gar nicht, was ich antworten sollte. Ich wusste nicht einmal, was die CIA war! Dann haben sie mich wieder geprügelt." In den Gerichtsakten finden sich schriftliche Aufzeichnungen des Gefängnischefs Duch über das weitere Vorgehen mit jenen hartnäckigen Insassen, die ihre Beteiligung an der Verschwörung gegen die Roten Khmer nicht zugeben wollten: "Not yet confessed. To be tortured." Also: Foltern, foltern, foltern.