DIE ZEIT: Herr Weisburd, in was für einer Straße leben Sie?

David Weisburd: In meiner Straße in Jerusalem habe ich einen Nachbarn, der immer draußen sitzt und guckt, was passiert. Eine andere Nachbarin hat einen Hund, der bellt, wenn man vorbeiläuft. Bei Fremden etwas lauter. Wir haben einen Postboten, der an bestimmten Tagen in der Woche kommt. Die Straße ist ein perfektes Beispiel für meine Theorie: Straßen, von Kreuzung zu Kreuzung, haben ein eigenes soziales Leben, ihren eigenen Rhythmus. Eine Straße bietet ein soziales Umfeld, sie bietet Gelegenheiten für Verbrechen jeder Art. Oder verhindert sie.

DIE ZEIT: In Ihrer Arbeit gehen Sie von dem Grundsatz aus, dass Plätze und Straßen kriminell sind. Dabei sind es doch Menschen, die Verbrechen begehen. Wie kann ein Ort kriminell sein?

Weisburd: Kriminologen haben zwei verschiedene Ansätze, Verbrechen zu begreifen. Die eine Seite fragt: Warum begehen Menschen Verbrechen? Die andere Seite fragt: Warum gibt es in bestimmten Vierteln und Regionen mehr Verbrechen als in anderen? Meine Arbeit hingegen entstand aus der Kritik an beiden Ansätzen, sie lautete: Was, wenn es an etwas ganz anderem liegt?

DIE ZEIT: Warum sollte es etwas anderes sein?

Weisburd: Als ich vor 30 Jahren mit meiner Arbeit begann, nahmen die Leute an, dass die Polizei Verbrechen nicht verhindern könnte. Dann lief ich ein Jahr lang mit Polizisten durch die Straßen von Brooklyn. Ich sah die Welt, wie sie war, und zwei Dinge darin erstaunten mich: Den Polizisten wurden üble Gegenden mit 20 bis 30 Straßenblocks zugeteilt, doch sie verbrachten ihre gesamte Zeit bloß in zwei oder drei der Blocks. Sogar in solchen schlechten Vierteln schienen sich die Verbrechen nur auf wenige Orte zu beschränken. Und wenn die Polizisten ihre Anstrengungen an diesen Orten konzentrierten, schien es mir, als verbesserte die Situation sich im gesamten Viertel. Diese beiden Beobachtungen änderten meinen Blick auf das Verbrechen und den Umgang damit vollkommen. Wenn Verbrechen nur an wenigen Orten begangen werden, warum sollte die Polizei dann in der ganzen Stadt Streife fahren?

DIE ZEIT: Sie meinen, die Polizei sollte aufhören, bestimmte Teile der Stadt zu schützen?

Weisburd: Seit Jahrzehnten forsche ich zu diesem Thema, und die Ergebnisse zeigen, dass es eine Art Gesetz der Konzentration von Verbrechen an wenigen Orten gibt: in New York, in Seattle, in Tel Aviv. In allen untersuchten Städten sorgt ein Prozent der Straßen für 25 Prozent der Verbrechen, fünf Prozent der Straßen für 50 Prozent der Verbrechen. Und wenn das so ist, dann müssen wir uns auf diese ein oder fünf Prozent der Straßen konzentrieren. In den frühen neunziger Jahren haben wir ein Experiment durchgeführt, in dem wir an diesen Brennpunkten die Polizei ihre Überwachung um ein Vielfaches verstärken ließen. Uns war egal, was die Polizei dort machte. Die Zahl der Verbrechen ging um 20 Prozent zurück. Das war in dieser Zeit eine radikale Entdeckung: Die Polizei konnte viele Verbrechen verhindern.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT VERBRECHEN 1/18.

DIE ZEIT: Wenn die Polizei nur in bestimmten Straßen kontrolliert, ziehen die Verbrechen dann nicht einfach eine Straße weiter?

Weisburd: Das wäre die naheliegende Annahme. Ich saß einmal in einem Polizeiwagen in Minneapolis, es war 22 Uhr, und der Polizist sagte über Funk zu einem Kollegen, er habe hier einen verrückten Forscher im Auto, der ihm vorschlage, nur die Brennpunkte zu kontrollieren. Ob ich nicht wisse, dass die Verbrechen dann einfach um die Ecke wanderten?

DIE ZEIT: Und was haben Sie gesagt?

Weisburd: Ich sagte ihm, dass ich nicht glaubte, dass das passieren würde. Aber ich hatte keinen Beweis dafür. Also habe ich eine Studie dazu begonnen und gesagt, lasst uns die problematischste Situation nehmen: Drogenkriminalität. Die Polizei hat ihre Präsenz an den entsprechenden Brennpunkten massiv ausgebaut. Der Effekt war fast unmittelbar, die Verbrechen an diesen Orten gingen zurück. Und wir stellten fest, dass die Kriminalität auch in den umliegenden Straßen zurückging.

DIE ZEIT: Warum?

Weisburd: Wir haben die Straftäter befragt. Und genau wie Sie und ich ziehen auch Kriminelle nicht gerne um. Sie sind rational handelnde Akteure. Vielleicht ist es für sie zu gefährlich umzuziehen, weil sie dort angegriffen werden. Oder ihre Kunden bekommen es nicht mit und springen ab. Bequemlichkeit, Unwohlsein, Angst, all diese Dinge halten Menschen davon ab umzuziehen. Verbrecher sind nicht Drakula und brauchen immer neues Blut und sind vollkommen außer Kontrolle. Sie sind Menschen mit Kindern, die nach der Arbeit nach Hause gehen, sie müssen Lebensmittel kaufen, Rechnungen bezahlen. Und wenn es ihnen an einem Ort zu heiß wird, werden manche von ihnen aufhören. Andere werden ihre Arbeitsweise ändern, wieder andere werden weitermachen und dann eben verhaftet werden. Unterm Strich hat man auf jeden Fall weniger Verbrechen.