ZEITWISSEN: Professor Slansky, erreicht die Digitalisierung den Kinosaal - und sieht der Zuschauer das auch? 

Peter C. Slansky: Man muss drei Bereiche unterscheiden: D-Cinema, das die Hollywood-Majors wollen, muss eine qualitative Verbesserung gegenüber 35mm sein. Darauf warten wir noch. E-Cinema hingegen wird nicht besser sein, bestenfalls gleich. Dafür gibt es schon erste Projekte. Hier geht es vor allem um den billigeren Transport von Inhalten. Zum dritten Werbung - neudeutsch nennt sich dieser ganze Bereich "Pre-Show-Content" -, da zahlen sich die Vorteile heute schon aus, in Produktion wie Distribution. Innerhalb der nächsten fünf Jahre wird das sehr weite Verbreitung finden. Allerdings ist das noch keine 35mm-Qualität.

Eine Abkehr von der Technik, die sich seit 1895 behaupten konnte? 

Die Digitalisierung ist ein noch größerer Einschnitt, als der Tonfilm es war. Es ist ein medientechnologischer Bruch. 

Kino war bis jetzt die letzte analoge Bastion in der Medienwelt?

Zum Teil. Digitale Postproduktion - die Bearbeitung nach der Aufnahme - ist völlig unabhängig vom Dreh und dem Vertrieb. Es kommt nicht von ungefähr, dass Spezialeffekte die erste digitale Technik im Kino waren, das begann schon in den frühen 80er Jahren.

Jetzt sollen auch am Set die Bilder gleich in Bits und Bytes festgehalten werden. Für digitale Produktion wird oft mit dem Argument geworben, sie ermögliche Spielfilme mit kleinerem Budget zu drehen - sei also besonders interessant für Projekte abseits des Popcornkinos...

Das stimmt nur bedingt. Negativmaterial für einen Farbfilm Farbe plus Entwicklung kostet in München nach Listenpreisen rund 40 Euro pro Minute plus Mehrwertsteuer, dazu kommen noch Positivkopien beziehungsweise Abtastung. Wenn wir einen typischen abendfüllenden deutschen Spielfilm nehmen, etwa "Good Bye Lenin" oder "Gegen die Wand", dann ist das Filmmaterial da sicher nicht der größte Einzelposten. Bei einer Dokumentation aber mit ihrem exorbitanten Drehverhältnis - hier wird oft viel mehr Material gedreht als bei Spielfilmproduktionen - kann das schon anders sein.

Am anderen Seite der Produktionskette, im Kinosaal, sollen Filme mit digitalen Projektoren projiziert werden. Gegenwärtige Geräte lösen rund zweitausend Bildpunkte pro Zeile (2K) auf. Ab welcher Auflösung wird Bitprojektion dem konventionellen Lichtspiel überlegen sein?

Die Pixel sind nur ein Parameter für die Qualität, tatsächlich gibt es viele verschiedene Faktoren. So hängt es etwa von Kompression und Bitrate ab, ob man auf der Leinwand Artefakte - störende digitale Verzerrungen - sieht. Wer mit 35-Qualität gleichziehen will, wird mindestens bei 4K landen. Nur, die nötige Hardware gibt es zur Zeit noch nicht.

Woran merkt der Zuschauer heute den Unterschied? Und weshalb sind so viele Kreative noch skeptisch gegenüber volldigitaler Produktion?

Die Bildanmutung ist noch eine andere. Zwar kann Digitalkino schärfer und farbtreuer als 35mm-Film sein. Technische Überlegenheit muss aber nicht immer von visuellem Vorteil sein. Zum Beispiel beim Bildstand. Elektronische Projektionen verharren absolut präzise auf der Leinwand, während Filmprojektoren eine leichte vertikale Hin- und Her-Bewegung des Bildes nicht verhindern können. Gerade das empfindet der Zuschauer aber als Kino-typisch. Bei Science-Fiction-Filmen mag der digitale Look eher angehen, aber in vielen anderen Genres wirkt er unterkühlt, es fehlt ihm noch der gewisse bildliche Charme des Filmmaterials.

Warum fällt die Trennung von der konventionellen Technik so schwer?

Die über einhundert Jahre alte 35mm-Technik ist sehr robust: Der Filmstreifen ist gleichzeitig Bildwandler, Bildspeicher und Trägermedium. Das ist bei Digitaler Technologie plötzlich anders. Zwar kommen viele Impulse - etwa bei der CCD- und CMOS-Technik der Bildsensoren - aus der Digitalfotografie. Aber beim Laufbild haben wir zusätzlich das Problem des schnellen Auslesens. Ein nicht komprimierter Bildstrom in 2K-Auflösung, das sind 2,3 Gigabit Daten in der Sekunde, das muss alles durch eine Schnittstelle. Die eigentliche Herausforderung ist da die Aufzeichnung.

Also wird so bald doch noch nichts aus dem Filmstreifen-freien Kino?

Gerade bei der Aufnahmetechnik tut sich viel. Ich erwarte in den nächsten fünf bis zehn Jahren Riesenfortschritte. Wenn aus den Prototypen von heute echte Produkte geworden sind, gibt es die erste Generation digitaler Filmkameras, die es mit 35mm aufnehmen können.

Als Lehrender an der Münchner Filmhochschule haben Sie eine besondere Verpflichtung gegenüber der Filmgeschichte. Was bedeutet es für Filmhistoriker, wenn plötzlich keine Blechdosen mit Zelluloid- oder Polyesterstreifen mehr vom Filmschaffen übrig bleiben - sondern nur noch Dateien?

Der Hersteller Kodak gibt für ein vorschriftsmäßig entwickeltes und gelagertes Filmnegativ eine Archivlagerfähigkeit von mindestens 100 Jahren an. Ob man in hundert Jahren aber die digitalen Datenformate von heute noch wird lesen können, und ob es dann noch Geräte dafür gibt, kann keiner sagen. Vielleicht gibt es dann den Beruf des "Filmdatenarchälogen". Die Filmgeschichtsschreibung der Zukunft wird sich nach dem medientechnologischen Bruch der Digitalisierung jedenfalls ganz anders darstellen.


Wenn Sie selbst den Unterschied selbst sehen wollen: Hier finden Sie eine Deutschlandkarte mit den Programmkinos, die digitale Filme auch von der Festplatte zeigen.

oranger Punkt = Kino nimmt an "Delicatessen" teil
gelber Punkt = Kino nimmt voraussichtlich teil
Die Punkte sind entweder auf die Kinowebsite verlinkt, oder aber auf www.delicatessen.org