Eigentlich könnte Rick McCallum gut gelaunt in die Zukunft blicken, schließlich ist er als Produzent und rechte Hand von Krieg der Sterne-Regisseur George Lucas einer der erfolgreichsten Filmemacher Hollywoods. Sorgen macht ihm seine zweite Rolle im Filmgeschäft, die des unermüdlichen Werbers für das digitale Kino. "Es ist einfach zum Heulen", schimpft er, "wir haben 2005 und benutzen immer noch die Technologie der dreißiger Jahre." Seit Jahren trommelt er für eine Filmproduktion, die ohne Filmstreifen auskommt, die von der Kamera bis zum Projektor Bilder nur in Bits und Bytes behandelt. "Jedes Pixel, das der Zuschauer sieht, wollen wir kontrollieren." D-Cinema, digitales Kino nach Hollywood-Manier, wird seit Ende der neunziger Jahre beworben. Brillante Bilder, auch nach Jahren noch so sauber wie am Premierenabend, so lautet seitdem das große Versprechen.

Doch die Wirklichkeit kommt nur in Zeitlupe voran: Als 1999 der Angriff der Klonkrieger, der vierte Teil von Krieg der Sterne (Star Wars), in die Kinos kam, hieß es noch selbstbewusst aus dem Lucas-Hauptquartier bei San Francisco: Die Rache der Sith (auch Episode III genannt) werde ausschließlich digital vorgeführt werden. George Lucas ließ von Sony eigens Kameraprototypen anfertigen, die mit Hilfe von CCD-Chips (ähnlich denen im Heim-Camcorder) eine Szene in elektrische Signale zerlegen. 2002 versprach McCallum dann nur noch, dem Zelluloid erhebliche Marktanteile abringen zu wollen: "Egal, wie sehr ich mich erniedrigen muss, für die Episode III, die 2005 kommt, werde ich George 5000 digitale Kinos in den USA liefern." Und heute muss McCallum eingestehen: "Dieser Traum ist ausgeträumt." Der neue Film, der am 19. Mai in die Kinos kommt, wird in weniger US-Kinos digital vorgeführt werden als sein Vorgänger vor drei Jahren. Erweist sich mitten in einer Zeit, in der alles Mediale zu Einsen und Nullen wird, tatsächlich ein digitales technisches Großprojekt als gewaltiger Irrtum? Nicht ganz. Digitales Kino kommt, so viel ist sicher, aber es kommt anders als erwartet. Mit der Rache der Sith wird tatsächlich bewiesen, dass Kinofilme technisch realisierbar sind, ohne einen Meter Film zu belichten. Aber dass das sinnvoll und auch wirtschaftlich ist, führen ausgerechnet die Werbung und das Kunstkino vor.

Rund um den Globus wird das älteste der neuen Medien aufgemotzt. Die Multimilliarden-Dollar-Industrie Kino basiert heute immer noch auf dem 35-Millimeter-Film, also auf der Fotochemie des späten 19. und dem Maschinenbau des frühen 20. Jahrhunderts. Längst aber ist Kino zu einem Zwitter aus analogem Handwerk und digitalen Tricks geworden. Die so genannte Postproduktion ist heute ein einziges Computerspiel: Jedes einzelne Bild einer Filmrolle wird vor der Bearbeitung am Computer eingescannt. Zumal praktisch kein Film mehr ohne Spezialeffekte auskommt gleich ob Weltraumabenteuer oder Heulschnulze. Bei Episode III werden die Rechentricks besonders augenfällig: Echte Landschaften wurden in Australien, Italien und Tunesien aufgenommen. Gebäude und Fahrzeuge rechnete der Computer hinein. Die Schauspieler agierten vor blauen oder grünen Leinwänden im Filmstudio in Sydney. So konnten sie per Mausklick ebenso in künstlich erzeugte wie echt aufgenommene Kulissen eingefügt werden. Die Wookies, zottelige Affenwesen auf der Seite der Guten, wurden gar künstlich vermehrt (siehe Grafik auf den nächsten beiden Seiten). Die Filmszene, die der Zuschauer auf der Leinwand sieht, hat nie real existiert, sie entsteht erst durch die Überlagerung ihrer Komponenten. Durch den Verzicht auf analoges Rohmaterial habe man nicht nur Zeit und Geld gespart. Auch die "Alchemie" der Belichtung werde endlich überflüssig, sagt McCallum. Tatsächlich konnte Regisseur Lucas gleich am Drehort sämtliche Einstellungen überprüfen böse Überraschungen in der Dunkelkammer und aufwändige Wiederholungen ganzer Drehtage gab es nicht mehr. "Ich will, dass für jeden Zuschauer das Werk genauso aussieht, wie George es zeigen wollte", sagt McCallum. Möglich ist das aber nur in den wenigen hundert D-Cinemas weltweit. Die anderen bekommen das gewohnte Zelluloid: Wenn Episode III fertig ist, wenn die Schnitte stimmen, wenn Farbe, Schärfe, Helligkeit und Ton endgültig abgemischt sind, dann wird die Datei der Originalvorlage (Master) wieder Bild für Bild aus dem Computer auf Film belichtet. Lucas' Verleih, 20th Century Fox, kann auf die konventionellen Kinos nicht verzichten. Tausende Rollen Abzüge werden in schweren Holzkisten in die Vorführkammern geschafft. Per Flieger, Bahn, Lkw. Würden Filme als Dateien per Internet-Verbindung, Satellit oder DVD verteilt, ließen sich rund 90 Prozent der Logistikkosten einsparen, rechnet die Digital Cinema Initiative (DCI) vor, in der sich die großen Hollywood-Studios zusammengeschlossen haben. Kopierkosten von vier bis fünf Milliarden Dollar ließen sich jährlich einsparen eine viel zitierte Zahl, die allerdings die enormen Anfangsinvestitionen für den Umstieg ausblendet. So kostet es wenigstens 100 000 Euro, einen Kinosaal mit Server und Pixelprojektor aufzurüsten. (Ein herkömmliches Gerät hingegen kostet nur etwa 30 000 Euro.) Gewaltige Investitionen angesichts der mehr als 100 000 Leinwände weltweit, davon 4500 in Deutschland. Ein Chip voller klitzekleiner Spiegel, Digital Mirror Device (DMD) genannt, ist die gegenwärtig bevorzugte Technik, um eine Filmdatei Pixel für Pixel wiederzugeben. Jeder Bildpunkt auf der Leinwand wird von einem der Mikrospiegel erzeugt, die bis zu 5000-mal in der Sekunde gekippt werden können. Sie schalten wie die Pixel eines Computermonitors jeden Bildpunkt an oder aus. Projektoren mit DLP-Technologie (Digital Light Processing) bündeln drei so erzeugte Bilder in den Grundfarben Rot, Grün und Blau zu einem einzigen Farbbild auf der Leinwand.

Doch ab wann ist ein digitales Kinobild überhaupt besser als das analoge? Im vergangenen Herbst wollte sich die DCI endgültig auf Mindestempfehlungen einigen. Die Techniker sagen, ab 4K (mit 4000 Bildpunkten pro Zeile) könne man das Problem der pixel visibility, der Sichtbarkeit störender Kästchen, in den Griff bekommen. Projektoren dafür gibt es allerdings noch nicht. Die DCI diskutiert aber nicht nur über eine Minimalauflösung von 4K, sondern über 8K, gar 10K. Leiden die DCI-Funktionäre unter Realitätsverlust? Nein, sie haben Angst. Angst vor dem hoch auflösenden Fernsehen (HDTV). In den USA läuft es bereits, nach Europa kommt es bald und es bringt eine Bildqualität ins Wohnzimmer, die der von Episode III im Multiplex ebenbürtig ist, nämlich 2000 Bildpunkte pro Zeile (2K). "Wozu sollten die Leute da überhaupt noch ihr Wohnzimmer verlassen?", fragt Rick McCallum. Dieses Dilemma, HDTV technisch übertrumpfen zu müssen, hat das Mainstream-Kino ins Hintertreffen gebracht. Insgesamt wurden von 1999 bis Ende 2004 nur 86 große Kinofilme auch in Digitalfassung ausgeliefert. "Hollywood ist so ein entsetzlich konservativer Ort", schimpft McCallum. Die Progressiven sitzen in Oldenburg. Dort zeigt das Programmkino Casablanca einmal in der Woche Dokumentationen aus europäischer Produktion. Künstlerisch wertvoll, aber Nische, ein Fall für die Filmförderung. Ausgerechnet 40 deutsche Filmtheater wie das Casablanca gehören seit diesem Jahr zur digitalen Avantgarde unterstützt durch die Filmförderanstalt des Bundes (FFA) und das Media-Programm der EU. Seit Anfang März läuft in neun Mitgliedsstaaten das Programm "European Docuzone": Kinobetreiber werden beim Kauf von Digitalprojektoren und -servern unterstützt. Übertragen werden sollen die Dokus per Satellit (was noch nicht funktioniert, daher kommen sie gegenwärtig noch auf Festplatten per Post). Die Projektoren haben Auflösungen von 2K oder weniger im Gegensatz zu D-Cinema gilt das für Doku- und Autorenfilme als ausreichend. Das Publikum ist schon froh, wenn es die Filme überhaupt sehen kann. Bei E-Cinema ("E" für Electronic, Kulturschaffende kokettieren aber auch gerne mit der Langform European Cinema) geht es nicht um überragende Bildqualität, sondern um Verfügbarkeit: Für Inhalte abseits des Mainstream rechnen sich nur wenige Kopien zum Stückpreis von 1200 bis 1500 Euro. Digitale Kopien hingegen können in beliebiger Zahl gleichzeitig hergestellt werden.

Schneller noch vollzieht sich der Technikwechsel im Vorprogramm. "In Deutschland dürfen Sie Zigaretten- und Alkoholwerbung vor 18 Uhr nicht zeigen, vor Trickfilmen auch später nicht", erklärt Enno Dietrich von Union Filmwerbung. "Für jede Variante muss eine eigene Filmrolle mit Werbung zusammengeklebt werden." Hier lässt sich mit digitaler Vorführung besonders viel sparen. Im Saal 3 des Hamburger Cinemaxx Dammtor laufen schon alle Zigaretten-, Bier- und Eiswerbungen digital. "Der Vorführer kann per Knopfdruck die Werbung an die Altersklasse des Films anpassen, ohne lange rumzuschneiden. Das macht die Kinos flexibel." Und reduziert den Materialbedarf. Allein Union hat eine Viertelmillion Filmrollen mit Clips im Umlauf. "Digitale Werbung hat D-Cinema überholt", stellen die Marktforscher von Screen Digest fest. Schon zehn Prozent aller Premierenkinos weltweit projizieren ihre Werbung in Pixeln. Und ist die Werbetechnik einmal vorhanden, scheint jedes noch so individuelle Programm denkbar. Denn die Clipprojektoren verfügen über dieselben Standardeingänge wie gewöhnliche Wohnzimmerbeamer: TV, VHS, DVD können problemlos angeschlossen werden. Kinobetreiber könnten künftig Sportübertragungen oder Livekonzerte vorführen.

Ausgerechnet Spielfilme aber werden durch die Furcht vor Piraterie gebremst. Noch stehen in Internet-Tauschbörsen überwiegend Mitschnitte in mieser Qualität online. Gelangten aber digitale Originalfassungen ins Netz oder gar in die Hände professioneller Raubkopierer, würde das womöglich noch vor der Premiere Totalverluste bedeuten: "Wenn so ein Pirat einen digitalen Originaldatensatz in die Finger bekäme, dann wäre Land unter", spekuliert Peter C. Slansky, geschäftsführender Abteilungsleiter Technik der Hochschule für Fernsehen und Film in München, "dann bricht die Wertschöpfungskette zusammen, und zwar nicht nur für die Sekundärverwertung, sondern für die Primärverwertung. Organisierte Kriminalität wäre da extrem gefährlich." Digitaltechnik wird zugleich als größtes Problem wie als einzige Lösung verkauft: "Die Piraterie in Asien ist so rasend schnell, dass Simultanveröffentlichung die einzige Hoffnung für die Hollywood-Studios ist, dort ihren Umsatz zu retten", sagt der Star Wars-Produzent Rick McCallum. Nur in den ersten Tagen nach der Premiere sei das Kino noch schneller als die Schwarzhändler. Episode III wird am 19. Mai vorsichtshalber überall auf der Welt am gleichen Tag starten. Den Pazifik überquert der Film schon per Satellitenlink. Nirgendwo sonst hat D-Cinema derzeit einen vergleichbaren Zulauf wie in Asien. In Führung liegt China: Ende letzten Jahres gab es dort 160 D-Kinos. In den kommenden fünf Jahren sollen 2500 dazukommen Nachholbedarf und zentrale Lenkung könnten China zum größten Pixelkino-Land der Welt machen. Die Führung in Peking drängt die heimischen Kreativen: Dreht digital! Was erwarten die Filmschaffenden hierzulande? "Die Digitalisierung ist ein noch größerer Einschnitt, als der Tonfilm es war", sagt der Filmprofessor Slansky, "es ist ein medientechnologischer Bruch." Seine Studenten Deutschlands künftige TV- und Kinokreative lernen längst auch die filmlose Produktion. Und den Neubau der Hochschule werden Kinosäle mit Digitalprojektoren und Servern schmücken neben den herkömmlichen Filmprojektoren. Heftig umstritten ist indes, ob die neue Technik einen grundsätzlich anderen "Look" erzeugt als die herkömmliche. "Die Bildanmutung ist noch eine andere", erläutert Slansky. Zwar könne Digitalkino schärfer und farbtreuer als 35-Millimeter-Film sein. Technische Überlegenheit müsse aber nicht immer von visuellem Vorteil sein. Zum Beispiel verharren elektronische Projektionen präzise auf der Leinwand, während Filmprojektoren eine kaum merkliche vertikale Hin-und-her-Bewegung des Bildes nicht verhindern können. Gerade das empfinde der Zuschauer aber als kinotypisch. "Bei Science-Fiction-Filmen mag der digitale Look eher angehen, aber in vielen anderen Genres wirkt er unterkühlt, es fehlt ihm noch der gewisse bildliche Charme des Filmmaterials." Slansky berichtet, dass noch viele Regisseure zu einem Trick greifen, wenn es um das heimelige Kinogefühl fürs Publikum geht: "Da programmiert man absichtlich Filmkorn, manchmal sogar Staub und kleinste Verunreinigungen nachträglich ins Bild. Denn ein Bild ohne jede sichtbare Materialität wirkt schnell wie ein Computerspiel. Dem Betrachter erscheint das dann wärmer und natürlicher."

Gebastelt wird eifrig am Lichtspiel der Zukunft. Auch in Deutschland. Hier wollen Forscher das Kino größer leuchten lassen, als es die Technik eigentlich erlaubt. Sie haben vier Projektoren per Standard-PC aufeinander abgestimmt, ihre Leuchtflächen überlagern sich: Das Bild auf der Leinwand ist an den Schnittstellen noch heller. Doch das Motiv, ein abendlicher Wolkenhimmel (siehe Foto), setzt sich auf den Pixel genau zusammen. "4000 mal 2000 Bildpunkte Auflösung schaffen wir so schon", sagt Mitra Motakef vom Fraunhofer-Institut First in Berlin. "LaserCave" heißt das System. 4K, 8K, gleich welche Mindestauflösung D-Cinema erfordern wird so könnte sie ertrickst werden, bevor Bauteile für einzelne Hochleistungsprojektoren überhaupt zur Verfügung stehen. Die Fraunhofer-Gesellschaft und deutsche Firmen haben das Konsortium Cinevision 2006 gegründet, um solche Aktivitäten zu bündeln. Ihr Credo: "Kino ist nicht nur Hollywood." Das ehrgeizige Ziel: "Im Jahr 2006 soll anlässlich der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland ein Szenarium vorgestellt werden, das von der Kamera bis zur Projektion einen Qualitätssprung für das digitale Kino markiert." Das Publikum wird den Vormarsch des Digitalkinos zunächst nur an einer Veränderung der Inhalte bemerken: häufigerer Programmwechsel, größere Vielfalt im Kino inklusive Livekonzerten, Sportübertragungen, Nischen- und Hochkultur aber auch immer zielgruppengerechtere, aufdringlichere Werbung. Später wird sich dann auch der Blockbuster vom Zelluloid verabschieden. Dann wird der Zuschauer den Technologiesprung direkt vor Augen haben: Schärfer, brillanter, ruhiger, als 35-Millimeter- Film es je war. "Das wird halt noch zwei oder fünf oder acht Jahre dauern", orakelt Rick McCallum. Eigentlich wäre das der Zeitrahmen, um seinem digitalen Sternenkriegs-Epos noch die Episoden VII, VIII und IX anzufügen. "Nein", wehrt er ab, "wir haben gesagt, mit Episode III ist Schluss, keine weiteren mehr." Der Sieg über den Filmstreifen ist künftigen Helden vorbehalten.