Ich habe Angst. Die Leiter lehnt am Baum, endet in acht Meter Höhe, wo das Drahtseil um den Stamm geschlungen ist. Ich soll hochklettern, den Karabiner hinten am Gürtel befestigen und losspringen. Ins Nichts. Mit Schwung, um effektvoll über die Straße zu fliegen, unter dem Jubel der Zuschauer, die bei meinem Anblick den Atem anhalten oder jauchzen oder sonstige Anzeichen der Begeisterung zeigen sollen. Ich habe Angst. Aber ich habe es nicht anders gewollt.

Angst macht Spaß. Jeder kennt das Gefühl, befreit, beglückt, bestärkt aus der besiegten Angst hervorzugehen. Ob Bungee-Springen oder Fernsehkrimi, Mörderspiel oder Lektüre, die Abenteuer des Alltags sind vielfältig. Allen gemeinsam ist indes der Mechanismus hinter den Kulissen. Jede Bedrohung, virtuell oder echt, schaltet eine tiefere Region unseres Bewusstseins ein. Hervor tritt der Urmensch, der sein Leben vor nächtlichen Räubern schützen muss. Der Körper reagiert wie vor Tausenden von Jahren.

Angst ist wichtig. Sie macht uns aufmerksam und extrem leistungsfähig: Der Körper läuft zu Hochform auf, wächst über sich hinaus, um sein Leben zu retten. Martin Keck, Leiter der Angstambulanz am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München, erklärt das Schema so: Durch ein bedrohliches Signal wird das Stresshormonsystem im limbischen System aktiviert, dem Verbindungsbereich zwischen der uralten und der neuen Region des Gehirns. Dabei werden zwei Schaltkreise angeworfen: jener der sekundenschnellen Reaktion und, wenige Minuten danach, das längerfristige Stressreaktionssystem.

Einmal im Jahr spiele ich bei diesem Mittelalter-Festival mit. Ich mache die akrobatischen Jobs, und diesmal wünscht sich der Regisseur, dass ich als Dämon hoch über den Köpfen über die Straße fliege, jeden Tag dreimal. Mitten in die schwebende, nur aus einem losen Geflecht von Seilen bestehende Bühne.

Heute findet die erste Flugprobe statt. Ich gehe zur Leiter. Für mich ist es der Anfang einer Heldentat. In meinen Adern rast das Blut. Klopft an meinen Schläfen. Ich ergreife die kalte Metallsprosse. Hände feucht, Gänsehaut an den Armen.

Im Moment des Erschreckens werden aus der Nebennierenrinde Adrenalin und Noradrenalin über das vegetative Nervensystem in Umlauf gebracht. Die Amygdala (Mandelkern), der Knotenpunkt der Angstreaktion, schickt einen Impuls an den Hypothalamus, das Corticotropin-Releasing-Hormon (CRH) auszuschütten. Dessen Moleküle rasen wieder zu den Nebennieren und setzen dort das Stresshormon Cortisol frei. Die gesamte Kettenreaktion setzt sich aus vielen winzigen Schritten zusammen, um möglichst fein regulierbar zu sein. Ihr Ziel ist es, dem Körper im Moment der Gefahr blitzschnell zusätzliche Energien zur Verfügung zu stellen.

Die körperlichen Signale sind dramatisch: Herz und Atmung rasen, der Blutdruck steigt, der Magen krampft sich zusammen und hört auf zu verdauen. Oft stellen sich die Haare auf, ein evolutionäres Überbleibsel, das uns vom Urmenschen hinterlassen wurde - indem er sein Fell sträubte, versuchte er, größer und gefährlicher auszusehen.

Die plötzliche Zufuhr der Notenergie kann für kurze Zeit sogar organische Mängel aufheben: So erzählen Kurzsichtige, die in eine lebensbedrohliche Gefahr gerieten, dass sie plötzlich wieder entfernte Dinge scharf sehen konnten. Mit der Rettung kehrte die Kurzsichtigkeit zurück.

Jetzt könntest du es dir noch anders überlegen... Nein, natürlich nicht. Ich wollte es so. Ich gehe weiter. Der Sandsack ist vor mir schon hinübergeflogen. Es ist nichts passiert. Alles ist wirklich ganz sicher.

Die rationale Einschätzung der wirklichen Gefahr ist wichtig für den Verlauf des Angstzustandes. Parallel zur impulsiven Stressreaktion aus dem ältesten evolutionären Repertoire springt der zweite Mechanismus an. Er aktiviert auch den neueren Teil des Gehirns, den präfrontalen Kortex, wo die Vernunft sitzt. Die Gefahr wird analysiert, mit früheren Erfahrungen verglichen und bewertet, das Ergebnis an das limbische System weitergegeben. Ist die Gefahr ausgestanden, werden alle hormonellen Waffensysteme wieder heruntergefahren.

Aber warum kann diese körperliche Hochrüstung Spaß bereiten? Der entscheidende Punkt: Jetzt wird CRH an den Nucleus accumbens, ein kleines Zentrum mitten im alten Hirnteil, ausgesandt, und dort wird verstärkt Dopamin freigesetzt - der Lust-Transmitter schlechthin, er begleitet alle angenehmen Tätigkeiten, vom Essen bis zum Sex. Evolutionär ist das durchaus sinnvoll: Ist eine bedrohliche Situation gemeistert, hat man etwas dazugelernt. Eben noch Angsthase, ist man durch die Lusterfahrung motiviert, das nächste Mal wieder eine neue Erfahrung zu machen.

Im Moment spüre ich mehr Panik als Lust. Ich steige. Schaue nicht nach unten, rechts oder links, nur auf die nächste Sprosse und den Baumstamm vor mir. Der ist ganz nah, während die Menschen und Hütten, die ich aus dem Augenwinkel sehe, immer kleiner werden.

Ruhig bleiben. Ich muss nichts tun, nur springen. Muss doch schön sein. Bin ich nicht als Kind mit wachsender Begeisterung in die Arme meiner Eltern gesprungen?

Kinder zeigen eine ursprüngliche Lust am Gruseln. Selbst die Kleinsten sind durch Märchen, in denen aufgefressen, zu Tode getanzt und enthauptet wird, nicht überfordert. Im Gegenteil. Der Kinderpsychologe Bruno Bettelheim (1903-1990) untersuchte die Bedeutung des Gruselns in Kindermärchen. Er stellte fest, dass die Begegnung mit der Angst ein unerlässliches Moment der Entwicklung ist. Kinder müssen mit Angst konfrontiert werden, um sie benennen zu können, denn nur so ist sie bewältigbar. Das Gruseln stimuliert auch die erste Auseinandersetzung mit dem Tod, ohne die, so Bettelheim, keiner zum vollen Menschen heranreifen könne.

Wer gruselt sich gern? Alle Hände fliegen in die Luft. Die Kinder der Klasse 5d des Landsberger Ignaz-Kögler-Gymnasiums erzählen lustvoll von ihren Horrorerfahrungen. Alle lesen die Gänsehaut- Bücher, alle lieben Krimi und Horror. Maximilian: "Ich mag es, wenn die Geschichte richtig gruselig erzählt wird, zum Beispiel ›um die Ecke kam eine schwarze Gestalt ...‹." Selbst wenn sie davon Albträume bekommen, goutieren sie die raffiniert gesteigerte Spannung, denken sich selbst in die Geschichten hinein. Es sind ja nur Bücher, versichern sie wiederholt. Ihre Angst aber ist real - und wird zuletzt mit der baren Münze eines veränderten, gehobenen Selbstgefühls belohnt. "Nach der Spannung bin ich erleichtert", sagt Bernadette und bringt das Phänomen auf den Punkt, "ich fühl mich anders. Total gut!"

Selbst reale Angstsituationen können als lustvoll verbucht werden. Markus hörte in Kroatien die Wölfe heulen, Nina sah sich nachts auf dem Spielplatz von einem riesigen Auge beobachtet. "Jetzt, wenn ich hier sitze und weiß, ich lebe noch - dann war das eigentlich ganz gut."

Warum ist die eine Angst angenehm, die andere zerstörerisch? "Unbewältigte Angst erzeugt keine Lustgefühle", sagt der Psychologe und Angstspezialist Markos Maragkos von der Universität München. Wird der Organismus durch den Schrecken überfordert, schüttet der Körper keine Dopamine aus. Was zu bewältigen ist, entscheiden Umstände und Persönlichkeitsstruktur. Wäre Nina dem Riesenauge allein in einer fremden Umgebung begegnet, hätte ihr das womöglich ein Trauma beschert. In Gesellschaft und auf vertrautem Terrain konnte sie das Erlebnis verarbeiten und als lustbringend nutzen.

Jeder bewältigt Angst anders, jeder hat seine eigene Strategie. Grob lassen sich die Menschen in zwei Gruppen einteilen: die Angstvermeider, die lieber ausweichen, und Kontraphobiker, die auf Bedrohung mit Angriff reagieren. "Die Menschen, die sich bevorzugt Gefahren aussetzen, nennt man sensation-seeking oder novelty-seeking (Aufregungs- und Neuheitssuchende)", sagt Martin Keck. "Das sind diejenigen, die sich besonders gern gruseln und immer neue Herausforderungen brauchen."

Ein Grund dafür liegt in der Beschaffenheit des Stresshormonsystems. Das Level der Hormonproduktion bestimmt das Verlangen nach Aufregung. Dafür gibt es genetische Anlagen, sensation-seeking wird vererbt. Bei Freddy Nock zum Beispiel liegt der Wagemut gewiss in den Genen. Schon sein Vater, Groß- und Urgroßvater waren Seilläufer, sie näherten sich Kirchtürmen bevorzugt auf einem Stahlseil über dem Marktplatz.

Seit er vier war, läuft Nock über das Seil, trotz immer wieder auftauchender, lähmender Angst. Als sein Bruder hinter ihm aus acht Meter Höhe abstürzte, schien es für Freddy Nock endgültig vorbei zu sein. Zwei Jahre lang blieb er am Boden, dann hat es "irgendwie knacks gemacht", die Angst verschwand. Nock fühlte sich wieder sicherer, übertrieb, um die blonde Besucherin im Zirkus zu beeindrucken - und stürzte ab. Er brach sich die Handgelenke, aber die Angst kehrte nicht wieder.

Freddy Nock ist, wie die meisten novelty-seeker, ein ruhiger Mensch. Nur manchmal überkommt es ihn, dann braucht er den Adrenalinstoß. Dann will er den Weltrekord im Seilbahnseillaufen brechen, auf 300 Meter Höhe, ungesichert.

Hat er vor nichts Angst? Doch, sagt Freddy Nock, vor Haien zum Beispiel. "Ich arbeite nur dort, wo ich die Kontrolle habe. Auf dem Seil gibt es keine Haifische. Wo etwas Unberechenbares ist, gehe ich nicht hin."

Keine Angst währt ewig - mit der Zeit nimmt sie ab. Auch die Einstellung zur Angst lässt sich verändern. Häufige Konfrontation mit aufregenden Situationen bewirkt Habituation, Gewöhnung. Im Vernunftteil des Gehirns, in der Großhirnrinde, wird die Erfahrung gespeichert, dass eine bestimmte Gefahr ohne Schaden überstanden werden konnte. Dieses Resultat wird zum Uralthirn transportiert, der hormonelle Aufruhr kann besänftigt werden. Der Toleranzpegel wird erhöht, Situationen, die man kennt, lösen keinen Alarm mehr aus. So kann selbst das Extreme normal werden.

Manche Leute springen nur einmal am Bungee-Seil und verbuchen es als interessante Erfahrung, die man nicht wiederholen muss. Andere suchen immer weitere Herausforderungen, werden sogar süchtig nach dem Dopaminkick. Wenn das Belohnungssystem im Alltag zu schwach ist, lässt sich die eher trübe Gemütslage durch die Extraportion Dopamin aufhellen. Martin Keck: "Man kann das Belohnungssystem über das Stresshormonsystem ankurbeln."

Eigentlich hat die Dopaminausschüttung im Körper eine stabilisierende Wirkung für die Persönlichkeit. Wenn das Selbstwertgefühl auf schwachen Füßen steht, kann sie jedoch das Gegenteil bewirken. "Wer die Grundannahme hat, ein Feigling zu sein, wird immer wieder durch halsbrecherische Aktionen beweisen müssen, dass er keiner ist. Der Sprung wird dann jedesmal höher sein", sagt Markos Maragkos.

Extreme sensation-seeker ergreifen gern einen gefährlichen Beruf und werden zum Beispiel Stuntman. Bedenklich, wenn ihre Motivation auf Minderwertigkeitsgefühlen beruht. "Diese Leute wägen das Risiko nicht ab", sagt Hermann Joha, ein Guru der deutschen Stuntszene. 20 Jahre lang hielt er selbst den Kopf hin, mit 45 reichte es ihm, er wurde Produzent und Ausbilder.

Herr Joha, hatten Sie Angst? "Nur Idioten haben keine Angst." Als Ausbilder schaue er genau hin, wer sich anmeldet. Schon an der Körpersprache sei zu erkennen, wer nur Stärkung für sein defizitäres Selbstbild suche. Diese Kandidaten werden sofort nach Hause geschickt.

Achterbahnen sind beliebte Vehikel für den kontrollierten Todesmut. Das Leben sei zu banal, meint Miro Gronau, Projektentwickler im Europa-Park Rust. Unsere Vorfahren jagten Säbelzahntiger. Nun liefert die größte, schnellste und höchste Achterbahn Europas den Adrenalinstoß. Die Planung dahinter ist reine Psychologie. Mindestens eine Viertelstunde soll der Gast in der Warteschlange stehen, bevor er in die Folterkiste darf - die ideale Zeitspanne zur Steigerung der Spannung. Er kann immer noch umkehren, am Ende wartet der chicken exit ("Feiglingsausgang").

Die sicherheitsgeprüfte Bahn gibt sich höchst fragil, alles suggeriert Zerbrechlichkeit und Ausgeliefertsein: Die Bügel sind dünn, die Füße der Fahrgäste reichen nicht bis zum Boden, rundum freie Sicht auf alle Gefahren. Auch die Musik macht einen großen Teil des Gruseleffekts aus, sagt Gronau. Und wenn nach der großen Schussfahrt alle meinen, das Schlimmste sei ausgestanden, kommt es noch mal ganz dick: In der letzten Kurve "fliegt" der Besucher durch die Bremswirkung vom Sitz hoch. Ein kräftiger Schuss Adrenalin zum Abschied.

Ich springe. Die Schrecksekunde ist auf die Schnelle gar nicht wahrnehmbar, ich gleite nur noch, über mir ein Pfeifen, rundherum nichts als Leichtigkeit, die Stadt fliegt, mein Körper ist nur Geschwindigkeit. Mit Schwung erreiche ich die andere Seite, lande sicher auf der Bühne. Wieso gibt es diese Szene eigentlich nur dreimal am Tag?