Impfen gegen Hunger

Man kann ja gegen vieles impfen. Gegen Grippe. Die Röteln. Tetanus. Aber was ist mit einer Impfung gegen knusprige Pommes? Gegen den Appetit auf zartschmelzende Schokolade? Die Lust auf Pizza mit doppelt Käse?

Schön wäre das, und vielleicht ist es bald wahr. In der Schweiz jedenfalls werden gerade 112 Dicke als Versuchskaninchen für eine pharmazeutische Innovation gesucht: den ersten Impfstoff gegen Hunger. Das kleine Zürcher Pharmaunternehmen Cytos will die körpereigene Abwehr auf Ghrelin hetzen, ein Hormon, das im Magen gebildet wird und hungrig macht. Das Immunsystem der Probanden soll Antikörper gegen das Pfunde-fördernde Signalmolekül bilden und es zielsicher aus dem Verkehr ziehen: Ohne Hungerhormon kein Hunger. Ohne Hunger keine Fressattacken und kein Übergewicht. Ganz einfach, falls die Impfung funktioniert.

Es kommt noch dicker: In den Pipelines der Pharmafirmen staut sich die nächste Generation Schlankheitsmittel, ein ganzes Konglomerat neuartiger Biomoleküle, die spezifisch in unser Essverhalten eingreifen und das Abnehmen zum Spaziergang machen sollen. Die Pharmalabors profitieren jetzt davon, dass die Wissenschaft im letzten Jahrzehnt eine Menge Stellschrauben unseres Hungers entdeckt hat. Alle Verdauungsorgane und selbst das Fettgewebe bilden ganz bestimmte Signalstoffe und üben so Einfluss auf die Futterzentrale im Hypothalamus des Gehirns aus (siehe Infografik).

Neue Medikamente werden sehnlich erwartet, denn schon jetzt gilt jeder zweite Erwachsene in Deutschland als übergewichtig, hat einen Body-Mass-Index von mindestens 25 (BMI: Körpergewicht geteilt durch das Quadrat der Körpergröße in Metern). Ein gutes Viertel dieser Dicken liegt sogar bei 30 und darüber. Das gilt als krankhaft. Im reichen Westen ist Fettsucht die zweithäufigste vermeidbare Todesursache, in den USA gar die häufigste.

Im Gegensatz zu bereits erhältlichen Schlankmachern wie Reductil oder Xenical - mit heftigen Nebenwirkungen bei eher mäßigem Gewichtsverlust - greifen die neuen spezifisch einzelne Botenstoffe an, die unser Essverhalten steuern. Als erste Zielscheibe machten amerikanische Wissenschaftler vor elf Jahren Leptin aus: ein Hormon, das den Appetit hemmt und den Stoffwechsel ankurbelt. Fette Labormäuse, die das Hormon wegen eines Gendefektes nicht selbst produzierten, wurden mit Leptinspritze gertenschlank.

Doch so groß die Aufregung um das neue Fettschwundhormon war, so groß geriet die Enttäuschung: Bei Mensch wie Maus wirkt eine Leptinbehandlung nur Wunder, wenn das Hormon von Geburt an fehlt. Legendär ist die Geschichte eines unfassbar fetten türkischen Kleinkinds, das eine Leptintherapie binnen weniger Jahre zu einem dünnen Jungen machte. »In diesen seltenen Fällen ist die Wirkung von Leptin wirklich beeindruckend«, sagt Susanne Klaus vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke. Aber bei normalen Menschen funktioniert das eben nicht. Die meisten Dicken haben sogar zu viel Leptin im Blut - und futtern trotzdem fröhlich weiter. »Wo genau die Ursache für diese Leptinresistenz sitzt, weiß man noch nicht«, sagt die Ernährungsexpertin. Trotzdem sucht man sie zu umgehen. Zum Beispiel mit dem genetisch veränderten Wachstumsfaktor Axokine, der Leptin ähnelt. In klinischen Studien ließ er zwar keine Zentner, aber immerhin Pfunde purzeln. Nur: Irgendwann bildet ein Großteil der Patienten Antikörper gegen das synthetische Molekül, die Wirkung ist dann futsch.

Aber es gibt ja noch mehr Hormone, die einen vollen Bauch signalisieren: Cholecystokinin und das Peptid YY 3-36, kurz CCK und PYY, werden nach dem Essen vom Darm ins Blut geschüttet und dämpfen im Gegensatz zu Leptin eher kurzfristig den Hunger. Ein Präparat, das den Effekt von CCK simuliert, wird gerade an Patienten getestet. Eine britische Studie über die - angeblich - sensationelle Wirkung von PYY-Infusionen erschien bereits 2002 in Nature . Doch niemand hat die PYY-Versuche erfolgreich wiederholen können. Im vergangenen Jahr veröffentlichten 40 Forscher eine gegenteilige Darstellung. Rückblickend bezweifelt auch Susanne Klaus, dass man mit Hormonblockern oder Ersatzsignalen viel Masse reduzieren kann. Auch gegenüber einer Impfung ist sie skeptisch, denn von einem Hormon allein hänge der Hunger letztlich nicht ab. »Beim Menschen ist einfach vieles erlernt. Da spielen Gewöhnung und Belohnungssysteme eine Rolle.«

Impfen gegen Hunger

Das einzige neue Schlankheitsmedikament, das an diesem Belohnungssystem ansetzt, soll schon 2006 zugelassen werden und heißt Rimonabant: ein Gegenspieler der Endocannabinoide, die sowohl im Gehirn als auch in den Verdauungsorganen entstehen. Ihre Wirkung ähnelt dem von Tetrahydrocannabinol (THC) aus Cannabis. Wer schon mal gekifft hat, weiß, wie hungrig das macht. Wenn körpereigene Cannabinoide auf bestimmte Nervenzellen treffen, regen auch sie den Appetit an. Rimonabant verhindert das, indem es Cannabinoid-Rezeptoren in bestimmten Bereichen des Hypothalamus blockiert. Die Folge ist reduzierter Hunger. Der Hersteller Sanofi Aventis hat in einer abschließenden Studie schon gezeigt, dass Rimonabant wirklich dünner macht: In Kombination mit einer Diät verlor nach einem Jahr gut jeder Dritte etwa zehn Prozent seines Körpergewichts.

»Für Mediziner ist das durchaus ein befriedigendes Ergebnis, weil damit auch die Risikofaktoren für schwere Krankheiten abnehmen«, meint die Ernährungsforscherin Klaus. Die Patienten aber seien von einer so mageren Ausbeute oft frustriert. »Die wollen nicht weniger dick, sondern richtig dünn sein. So wie es heute eben das Ideal ist.«

Besonders schlimm wäre das, wenn sich zeigen sollte, dass ein bisschen Übergewicht sogar gut für uns ist. Sicher beeinträchtigt schwere Adipositas die Gesundheit, über die tatsächlichen Auswirkungen von BMIs zwischen 25 und 30 wird aber noch heftig gestritten. Im Frühjahr hat eine Studie des nationalen amerikanischen Krebsforschungsinstituts festgestellt, dass leichtes Übergewicht gesünder als Normalgewicht ist und lebensverlängernd wirkt. Unser Hormonsystem strebt keinen BMI von 20 an - jedenfalls nicht von selbst. Möglicherweise hat das einen guten Grund. 


Hunger entsteht im Gehirn - als Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels von Botenstoffen. Sie alle wirken auf den Hypothalamus (oben rechts) und dort auf drei seiner »Kerne«: Endocannabinoide (3) signalisieren dem paraventrikulären Nukleus (PVN) und dem lateralen Hypothalamus (LH) unsere Gelüste. Im Bodenkern (ARC), auf den auch die Hormone CCK (1), Leptin (2), PYY (4) und Ghrelin (5) wirken, wird daraus eine Hungerbotschaft zusammengesetzt, die sowohl das Großhirn als auch den Bauch erreicht - und den Magen knurren lässt.© ZeitWissen BILD