Allein hierzulande lassen sich mehr als 30 000 Betriebe von Anbietern funktioneller Musik beschallen. Wer in Supermärkten einkauft, durch Kaufhäuser flaniert, in einem Hotel absteigt, ein Restaurant oder eine Bar betritt, vernimmt ein unaufhörliches Gedudel. Am Hamburger Hauptbahnhof und in 31 weiteren U-Bahn-Stationen der Hansestadt erklingt klassische Musik - als "angenehme Untermalung für die Reisenden", wie Andreas Ernst, Pressesprecher der Hamburger Hochbahn, sagt. In erster Linie aber, um die Drogensüchtigen und ihre Dealer fern zu halten. Tatsächlich habe es "eine deutliche Verdrängung der Betäubungsmittelszene" aus den Bahnhöfen gegeben, sagt Ernst. Warum Klassik bei den Junkies "fast schon eine Allergie auslöst", weiß Fritz Tiemann, Geschäftsführer der deutschen Tochtergesellschaft Alcas Muzak in Eschborn bei Frankfurt am Main, auch nicht so genau. "Wir haben das zufällig mal getestet, und es hat eine durchschlagende Wirkung gehabt. Die eher unerwünschten Leute sind aus dem Bahnhofsbild verschwunden."

Die "eher unerwünschten Leute" - das ist die sanfte Sprache der Muzak-Welt. Bei Muzak gibt es keine harten Töne. Muzak fließt und plätschert wie ein lauwarmer Wasserstrahl. "Wir nennen das eine Wohlfühlatmosphäre", sagt Tiemann. Wohlfühlen - da ist es wieder, dieses universale Kuschelmantra. Auch Fritz Tiemann, ein umgänglicher Mensch mit Glatze und offenem Hemdkragen, ist ein Apostel der Wohlfühlreligion. Seine Firmenzentrale liegt im zweiten Stock eines dreigeschossigen hellen Bürozweckbaus in Wurfweite der S-Bahn-Station, gegenüber einer Kleingartenkolonie.

Auch ihr eigenes nüchternes Büroambiente garnieren Tiemann und seine Mitarbeiter auf Muzak-Art. Jeder Arbeitsplatz wird aus kleinen Lautsprecherboxen an der Decke gedämpft beschallt. "Die Mitarbeiter können abspielen, was sie gerne hören wollen. Einer hört sich sogar Klassik an." In Tiemanns Büro läuft gerade Cher. Halblaut, aus dem Muzak-Programm "Middle Of The Road". "Das höre ich tagsüber am liebsten. Um nebenbei ein bisschen stimuliert zu werden. Die Musik soll ja nicht stören und ablenken, sondern unbewussten Schwung und Wohlbefinden verschaffen."

Nach diesem Wohlbefinden ist Tiemann regelrecht süchtig. "Ich kann mich hier in supertrockene Budgets, Zahlen, Daten und Fakten reinknien und höre die Musik schon gar nicht mehr. Trotzdem ertappe ich mich dabei, dass ich mit dem Fuß mitwippe. Also nehme ich es irgendwie doch wahr." Und wehe, wenn die Musik nicht läuft. "Dann fehlt etwas. Ohne Musik müsste ich mich selber mehr motivieren." Klingt wie ein klinischer Suchtbefund. "Ja, wahrscheinlich", lacht Tiemann. "Trotzdem gehe ich nicht zur Therapie."

Lieber verbannt er jegliche Lautlosigkeit aus seinem Lebensalltag. "Die Stille stört richtig." Ob beim Autofahren, im Sportstudio, beim Joggen oder daheim: "Eigentlich läuft immer irgendetwas im Hintergrund."

Einer, der so konsequent die musikalische Zerstreuung sucht, kann sich gar nicht mehr vorstellen, dass dieses allgegenwärtige akustische Rinnsal andere Menschen einfach nur nervt. "Es ist doch für jeden schön, irgendwo hinzukommen und angenehme Musik zu hören." Doch natürlich weiß auch Tiemann, dass die musikalischen Geschmäcker verschieden sind. "Die Musik darf nicht zu laut sein, das ist fürchterlich. Aber wenn die Musik zu leise ist, kann sie keine Atmosphäre schaffen."

Und wenn es die falsche Musik ist, verschreckt sie die Zielgruppe. Deshalb hat Muzak durch jahrzehntelange Erfahrung ein System entwickelt, um für jedermann den passenden Klangteppich zu weben. In Europa besitzt das Unternehmen eine Musikbibliothek mit 400 000 Titeln, in den USA weitere 1,5 Millionen. Aus dieser Sammlung werden mehr als 200 verschiedene Programme für unterschiedlichste Einsatzmöglichkeiten zusammengebastelt.