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Auf irgendeinem Wege musste der Hase mit dem grauen Fell und den albernen Schneidezähnen in das Gehirn des Studenten gelangt sein. Denn auf Nachfrage konnte sich dieser plötzlich erinnern, wie er als Kind in Disneyland Bugs Bunny begegnet war. Er berichtete sogar, wie ihm die Comicfigur die Hand geschüttelt und eine Karotte präsentiert hatte. Es war mit Sicherheit eine falsche Erinnerung: Als Geschöpf des Entertainment-Konzerns Warner Brothers hatte Bugs Bunny schon immer striktes Hausverbot im Disneyland der Konkurrenz.

Mit einem schlichten Trick hatte das Team von Elizabeth Loftus, Psychologin an der University of Washington in Seattle, den Hasen in das Gedächtnis des Studenten geschleust. Die Forscher hatten ihm eine fingierte Werbeannonce des Disney-Konzerns gezeigt, in der er als Kind neben Bugs Bunny abgebildet war. Anderen ging es ähnlich: 16 Prozent der 167 Versuchspersonen entdeckten in diesem Experiment plüschige Hasenerlebnisse in ihrem Gedächtnis, in einer Folgestudie waren es sogar 35 Prozent.

Noch erfolgreicher manipulierten die Psychologen mit gefälschten Fotos. So montierte Loftus ein Kindheitsporträt des jeweiligen Probanden mit seinem Vater in das Bild eines Heißluftballons. Jeder zweite Befragte erinnerte sich daraufhin an eine Himmelfahrt, die nie stattgefunden hatte. Anderen Versuchsteilnehmern suggerierte Loftus mit ähnlich schlichten Mitteln, dass sie als Kinder beim Ballspiel ein Fenster eingeschlagen oder bei einer Hochzeit den Punsch über die Festtagskleidung der Gäste gegossen hätten. 

"Eines sollten wir uns klarmachen", sagt Loftus, "unser Gedächtnis wird jeden Tag neu geboren."

Es ist eine irritierende These, schließlich bestimmen unsere Erinnerungen unsere Identität: Man ist zu einem großen Teil derjenige, der man glaubt, gewesen zu sein. Oft wird das Menschengehirn mit einer Festplatte verglichen, die dumpf-digital die Daten des Lebens speichert. Dieser Vergleich, das wird immer deutlicher, hinkt. Das Hirn ist ein höchst aktives Organ, das Erinnerungen filtert, redigiert, manchmal sogar erfindet und - das lehren die Loftus-Experimente - sich leicht manipulieren lässt.

Unser Gedächtnis gleicht einem Haus, in dem mäßig beaufsichtigte Bauarbeiter ständig Wände einreißen und Erker anbauen, Tapeten wechseln und neue Bilder aufhängen - und gelegentlich etwas unter den Teppich kehren. Deshalb werden Urlaubstage mit jedem Diaabend schöner, erscheinen selbst fragwürdige Lebensentscheidungen im Rückblick sinnvoll und ist Zeugen vor Gericht nur bedingt zu trauen.

Nach dem Flugzeugattentat von Lockerbie, dem Sprengstoffanschlag auf das World Trade Center 1993, beim Kriegsverbrechertribunal in Den Haag - in über 200 Fällen trat Elizabeth Loftus als Gutachterin auf. Sie besuchte Timothy McVeigh, den Bombenleger von Oklahoma, im Gefängnis und verteidigte den später zum Tode verurteilten Serienmörder Ted Bundy. Häufig vertritt sie die Angeklagten in Missbrauchsfällen.

Ihre Arbeit hat der Psychologin viele Feinde beschert: Ein Staatsanwalt beschimpfte sie vor Gericht als Hure, Angehörige von Opfern versuchen ihr in Prozessen schon mal ins Gesicht zu spucken, zu ihren Vorträgen begleiten sie inzwischen Bodyguards, nachdem anonyme Anrufer immer wieder drohten, sie umzubringen.

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Loftus lässt sich nicht beirren: "Wenn meine Aussage die Geschworenen an der Schuld des Angeklagten zweifeln lässt, dann ist es nach den grundlegenden Prinzipien unseres Rechtssystems auch richtig, dass er freigesprochen wird."

Leidenschaftlich berichtet sie von den einschlägigen Justizskandalen: Dem Amerikaner Ronald Cotton etwa raubte eine falsche Erinnerung elf Jahre seines Lebens in Freiheit. Erst danach ergab ein DNA-Test zweifelsfrei, dass die 22-jährige Studentin Jennifer Thompson sich geirrt hatte, als sie in ihm ihren Vergewaltiger zu erkennen glaubte. Zwei Jahre zuvor war der Seemann Kirk Bloodsworth aus der Haft entlassen worden, weil ein Gentest seine Unschuld bewiesen hatte. Ursprünglich hatte ihn ein Schwurgericht zum Tode verurteilt, weil fünf Zeugen ihn als brutalen Mörder eines neunjährigen Mädchens erkannt haben wollten.

Um zumindest wissenschaftliche Ordnung in das dubiose Geschehen zu bringen, haben Neurowissenschaftler die früher übliche Aufteilung der Erinnerung in Ultrakurzzeit-, Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis aufgegeben. Heute bevorzugen sie eine funktionelle Gliederung des Gedächtnisses, die sich in der Anatomie des Hirns widerspiegelt: Das prozedurale Gedächtnis speichert automatisierte Bewegungsabläufe wie Radfahren oder Klavierspielen. Im semantischen Gedächtnis lagern wir unser faktisches Weltwissen, das autobiografische Gedächtnis dokumentiert unsere persönliche Lebensgeschichte, die sich vor allem in den Synapsen des Stirnhirns niederschlägt.

 Bildgebende Verfahren ermöglichen es seit wenigen Jahren, bei diesem Speicherprozess zuzuschauen. In der Forschungsgruppe "Erinnerung und Gedächtnis" am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen haben sich der Sozialpsychologe Harald Welzer von der Universität Witten-Herdecke und der Neurowissenschaftler Hans Joachim Markowitsch von der Universität Bielefeld zusammengetan, um der trügerischen Erinnerung auf die Spur zu kommen. Sie ergründen die Erinnerungsbildung gleichzeitig auf neurobiologischer und inhaltlicher sowie sozialer Ebene. "Es handelt sich vermutlich um das erste praktizierte interdisziplinäre Projekt von Neuro- und Sozialwissenschaften überhaupt", sagt Markowitsch. Ein hochkarätiger Beirat kündet von der Bedeutung des Projekts: Mit Koryphäen wie der Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann aus Konstanz, dem Psychoanalytiker Dori Laub von der Yale University und dem Neurowissenschaftler Endel Tulving aus Toronto ist die Elite der internationalen Gedächtnisforschung vertreten.

Trotzdem muss Markowitsch gelegentlich erst einmal um Verständnis für die Methoden der Partnerdisziplin werben. Um an möglichst unverfälschte Informationen über die Lebensgeschichte der Probanden zu gelangen, hatte sich der Sozialpsychologe Welzer etwa zunächst gewünscht, dass die Versuchsteilnehmer im Kernspin locker erzählen sollten. "Dann hätten wir aber nur Bilder der Kaumuskulaturbewegung aufnehmen können", kommentiert Markowitsch.

Schließlich einigten sich die Wissenschaftler darauf, die Testpersonen zunächst ausführlich zu befragen. Erst danach legen sich die Teilnehmer in die Röhre des Kernspintomographen. Mit funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) beobachten die Forscher dann das Geschehen zwischen den Neuronen, während die Versuchspersonen ihre Erinnerungen zu einem Stichwort aus dem vorangehenden Interview abrufen. Sportler vergegenwärtigten sich zum Beispiel einen bestimmten Marathonlauf, andere reagierten auf das Stichwort "Hochzeitstag" oder "Abschlussball". Die Probanden sollen etwa eine halbe Minute lang rekapitulieren, was in dieser Episode passiert ist. Der Ort und die Intensität der Gehirnaktivität geben Aufschluss darüber, welche Erinnerungen in welchem Alter wirklich wichtig sind.

Mit Hilfe solcher Daten haben Markowitsch und Welzer das von ihnen "bio-psycho-sozial" getaufte Modell des autobiografischen Gedächtnisses entwickelt. In ihrem soeben erschienenen Buch Das autobiografische Gedächtnis (Klett-Cotta Verlag) stellen sie es vor. Die Kernbotschaft: Kleinkinder erinnern sich anders als Jugendliche, Oma und Opa anders als Erwachsene mittleren Alters; bestimmte Lebensphasen werden wichtiger, andere unwichtiger, manche Erinnerungen bleiben starr. Psychische und soziale Faktoren spielen dabei eine Rolle.

Das Gedächtnis formt unser Ich, zugleich aber ist es ein Produkt der Familie und der Erwartungen der Gesellschaft. Und vor allem muss es sich überhaupt erst einmal entwickeln.

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 Selbst auf der Couch des Psychoanalytikers wird kein Mensch je zu den Geheimnissen seiner allerersten Lebensjahre vorstoßen, obwohl diese Zeit - vor allem bei negativen Erfahrungen - tiefe Spuren in der Persönlichkeit hinterlässt. Alle Erlebnisse bis zum zweiten, dritten Lebensjahr fallen der kindlichen Amnesie zum Opfer. Erst dann entwickelt sich langsam das Ich und sein Gedächtnis, das anfangs noch unzuverlässig arbeitet. Wahrscheinlich können wir deshalb als Erwachsene kaum unterscheiden, ob unsere frühesten Erinnerungen auf eigene Erlebnisse oder Erzählungen anderer zurückzuführen sind.

Dies wiederum führt zu dem kaum lösbaren Streit um die false memories bei Missbrauchsprozessen. Begonnen hat die Debatte Anfang der 90er Jahre in den USA. Erwachsene beschuldigten ihre Eltern wegen eines vermeintlichen sexuellen Missbrauchs in der Kindheit, an den sie sich aber erst im Rahmen einer Psychotherapie erinnert hatten. Das Gehirn, so meinten die Therapeuten der Kläger, könne traumatische Erlebnisse wie eine Vergewaltigung abspeichern, ohne dass die Opfer sich dessen bewusst seien. Die verdrängten Erinnerungen beeinflussten aber das Gefühlsleben und lösten psychische Störungen aus, deren Ursache erst im therapeutischen Prozess erkannt würde. Kritiker wie die Psychologin Elizabeth Loftus bezweifeln diese Theorie. Sie vermuten, dass die Therapeuten ihren Klienten in durchaus bester Absicht den Missbrauch häufig nur eingeredet hätten. Vielen Psychotherapeuten fehlten eben grundlegende Kenntnisse über die Funktionsweise des Gedächtnisses.

Biologische und soziale Faktoren wirken je nach Alter und Situation in unterschiedlicher Stärke. Einige Lebensabschnitte sind besonders kritisch für die Gedächtnisentwicklung, etwa die Pubertät: In dieser Phase lernen die Jugendlichen, so von ihren Erinnerungen zu erzählen, dass sie in ihrer Clique akzeptiert werden. Mit Hilfe frisierter Erlebnisse schärfen sie das Bild ihrer Persönlichkeit. So entstehen die tollen Hechte, von denen sie noch als Alte in fester Überzeugung erzählen.

In einer Emnid-Umfrage für ZeitWissen geben 19 Prozent der Befragten zu, dass sie ihre eigenen Geschichten manchmal ein bisschen "frisieren", um sie interessanter zu machen. Wie viele Menschen ihre Autobiografie unbewusst verändern oder die kleinen Flunkereien bewusst leugnen, geht daraus natürlich nicht hervor.

Dass die Erinnerung sich mit der Zeit immer weiter von den Tatsachen entfernt, gilt inzwischen als gesichertes Ergebnis der Gedächtnisforschung. "Erinnerungen verändern sich mit jedem Abruf", sagt Markowitsch, während er seinen Laptop auf einem Stapel Papier balanciert. Sie werden im jeweiligen Kontext der Situation abgelegt, sodass sie nach und nach umgeschrieben werden, so wie ein digitales Urlaubsfoto, bei dem man bei jedem Aufruf im Computer den Himmel per Photoshop noch ein bisschen blauer färbt.

Die Erlebnisse des jungen Erwachsenenalters türmen sich zu so genannten reminiscence bumps, Erinnerungsbergen, die meist bis zum Lebensende aus dem Nebel des Vergessens herausragen. Denn was zwischen dem fünfzehnten und fünfundzwanzigsten Lebensjahr meist zum ersten Mal passiert, wird von starken Emotionen begleitet und hat oft Auswirkung auf das ganze Leben: Studium, Heirat, erster Nachwuchs. Gefühle gelten als die besten Gedächtnisverstärker. "Sie filtern, bewerten und heben heraus, was erinnert und an die bestehenden Erinnerungen angebunden werden soll", sagt Markowitsch. "Sie aktivieren verschiedene Hirnsysteme und tragen dazu bei, dass wir die passenden Assoziationen bilden."

Wenn Opa ständig vom Krieg erzählt, dann liegt das auch daran, dass er damals ein junger Erwachsener war. Umgekehrt darf er sich auf seine Neuronen berufen, wenn er sich für die jüngste Beförderung seines Schwiegersohns weniger interessiert: Als Markowitsch und Welzer 62- bis 74-jährige Probanden im Kernspin untersuchten, entdeckten sie, dass Erinnerungen aus jüngster Zeit nur wenig Aktivität auslösten. Außerdem war primär die linke Gehirnhälfte aktiv, die eher für Faktenwissen zuständig ist. Die Forscher folgerten, dass alte Menschen frische Erinnerungen eher wie neutrales Wissen verarbeiten, an das keine Emotionen gebunden sind. Dagegen war bei Erinnerungen an das frühe und mittlere Erwachsenenalter die rechte Gehirnhälfte und damit das autobiografische Gedächtnis sehr aktiv. Offenbar vermag der alte Mensch diese Erinnerungen kaum noch infrage zu stellen.

Zahlreiche Fehlerquellen stören die historische Überlieferung. Typisch bei lange zurückliegenden Ereignissen ist etwa die Quellenamnesie, bei der die Betroffenen Medienberichte oder fiktive Erzählungen als eigene Erlebnisse interpretieren. So trat der ehemalige US-Präsident Ronald Reagan im Wahlkampf wiederholt mit einer angeblich persönlich erlebten Geschichte aus dem Weltkrieg an. Zu Tränen gerührt, erzählte er von einem heldenhaften Captain, der mit einem schwer verwundeten Schützen im abstürzenden Flugzeug blieb. Die restliche Besatzung sprang mit Fallschirmen ab. Vermutlich erinnerte er sich aber nur an eine identische Szene aus dem Film A Wing and a Prayer von 1944.

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Ähnliches erlebte Welzer bei einer Studie unter Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs. Da erzählte ein ehemaliger Wehrmachtsoldat seinen Kindern und Enkeln detailliert von seinen Erlebnissen als Flakhelfer. Er habe mit einem anderen Jugendlichen in einem Graben gelegen, als ein US-Panzer auf ihn zugesteuert sei. Ein amerikanischer Soldat habe ihm von jenseits der Bahnschienen etwas zugerufen. Panisch habe er auf den Panzer eingeballert. Das klingt nach Gänsehaut, nur: Die Szene ist fast identisch mit einer Sequenz aus dem Antikriegsfilm Die Brücke von Bernhard Wicki.

"Dennoch sollte man den Großvater nicht für einen Lügner halten", sagt Welzer. "Die Erzähler verbinden hier ihre Autobiografie mit spektakulären und akzeptierten Erzählmustern und peppen so ihre Lebensgeschichte auf, ohne das selbst zu bemerken." Die Szenen passen ganz einfach zu ihrem Leben.

Problematisch wird die Quellenamnesie allerdings dann, wenn es um Kriminalfälle geht. Die Psychologin Loftus führt den Fall des amerikanischen Gedächtnisforschers Donald Thompson an, der in einer TV-Show die Glaubwürdigkeit von Augenzeugenberichten diskutierte. Ausgerechnet nach dieser Sendung zeigte ihn eine Frau als ihren Vergewaltiger an. Zum Glück hatte der Mann ein hieb- und stichfestes Alibi, er saß ja zur Tatzeit in ebendieser Talkshow. In dem Psychologen aus der TV-Show sah die Frau ein Gesicht, das sie in ihrer Konfusion dem Täter zuordnete.

Das selbstmanipulierende Gedächtnis kann uns verwirren, oft stärkt es aber auch das Ich - und das Kollektiv. So lässt sich erklären, warum sich die Erinnerungen der Menschen an den Zweiten Weltkrieg mehr und mehr ähneln: Erinnern ist auch ein kollektiver Prozess. Über die Medien bilden sich Erinnerungsgemeinschaften, die sich immer wieder untereinander austauschen, bis sich die Berichte einander angleichen. Deutlich zeigte sich dies in der Kritik vieler Kriegsteilnehmer an der Wehrmachtausstellung: Trotz aller Belege für die Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht - die auch in der Neufassung der umstrittenen Ausstellung Bestand hatten - bestreiten viele ehemalige Soldaten die historischen Fakten immer noch auf das entschiedenste.

Als der Historiker Helmut Schnatz in einem Vortrag erklärte, die Menschenhatz der Tiefflieger bei der Bombardierung Dresdens sei nur eine Geschichtslegende, gab es Tumulte. Vor allem die älteren Zuhörer waren fassungslos. Sie erinnerten sich an die "silbrig schimmernden Tiefflieger vom Typ Mustangjäger" und die verzweifelt vor den Flammen über die Elbwiesen fliehenden Menschen. Schnatz verwies auf die Fakten, wonach das Flammeninferno vom 13. und 14. Februar 1945 jeden Tiefflug technisch unmöglich gemacht hatte.

Das kollektive Gedächtnis ist für Selbstbetrug mindestens so anfällig wie die individuelle Erinnerung. Typisch dafür ist der Umgang der Deutschen mit dem "Dritten Reich". In einer Mehrgenerationenstudie ist der Sozialpsychologe Harald Welzer der Frage nachgegangen, wie die Erfahrungen der Kriegsgeneration an Kinder und Enkel weitergegeben werden und wie sich die Erzählungen dabei verändern. Schon die Statistik machte ihn stutzig: In der Zufallsauswahl berichteten zwei Drittel der Befragten von Vorfahren, die entweder Opfer des Nazi-Regimes gewesen seien oder als Helden des Alltags Widerstand geleistet hätten. Deutschland, eine Nation von Widerstandskämpfern? Das war offenkundiger Unsinn.

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Wie sich über Generationen hinweg Legenden bilden, zeigt sich am Beispiel der Familie von Elli K.: Die zum Zeitpunkt der Befragung 92-Jährige sagte, sie habe gar nichts von KZs gewusst. Sie erzählte lediglich, wie sie versucht hatte zu verhindern, dass die britische Besatzungsmacht nach Kriegsende ehemalige KZ-Häftlinge aus Bergen-Belsen bei ihr einquartierte. Ihr Sohn Bernd erzählte von einer Geschichte, die er von seiner verstorbenen Ehefrau kannte: Die hatte bei einer Gutsherrin - Oma genannt - gearbeitet, die Flüchtlinge versteckt hatte. Die 26-jährige Enkelin Silvia schließlich berichtete, wie ihre Oma Elli schon mal Flüchtlinge aus Bergen-Belsen versteckt habe. Sie hatte also reale Elemente aus den Familiengeschichten und anderen Quellen zu einer Heldengeschichte zusammengemixt, die das eigene Selbstbild stärkt und die Ehre der Familie rettet.

Dafür lieferte Jörg Friedrichs Epos Der Brand über die alliierten Bombardements der deutschen Städte eine Initialzündung. Welzer spricht von einer "kumulativen Heroisierung". "In vielen Werken findet derzeit eine Verschiebung vom Holocaust hin zu den Leiden der Deutschen statt." Mittlerweile hat dies sogar zur Bildung einer ganz neuen Erinnerungsgemeinschaft geführt, den "Kriegskindern", die ihre "Erinnerungen" an ihr leidvolles Erleben als Zwei-, Drei- oder Vierjährige auf Kongressen und in Erzählcafés austauschen.

Ähnlich gelagert sind die Werke der Ostalgiker, die in Film, Fernsehen und Literatur die DDR-Vergangenheit verklären. Nach den ironisch-kritischen Kinoerfolgen Sonnenallee und Good bye, Lenin! sorgten DDR-Shows im Fernsehen für hohe Einschaltquoten. Katarina Witt moderierte bei RTL im Pionierhemd, im ZDF antworteten 500 Studiogäste zum Sendungsauftakt auf die Frage "Für Frieden und Sozialismus - Seid Ihr bereit?" der Moderatorin mit einem schallenden "Immer bereit!". Die zweite deutsche Diktatur des 20. Jahrhunderts kommt plötzlich harmlos und gemütlich daher.

Weil es nicht möglich ist, sich als Mitglied einer Gemeinschaft mit den Tätern und Mitläufern positiv zu identifizieren, beschönigt die Kinder- und Enkelgeneration oft im Nachhinein die eigene Familiengeschichte: Man entlastet Mütter und Väter, Omas und Opas - zurück bleiben ein paar wenige Schuldige. Die Tätergesellschaft fühlt sich als Opfergesellschaft.

Das Gedächtnis ist ein Opportunist. Es nimmt sich, was ihm weiterhilft, Ungeeignetes oder Unangenehmes sortiert es aus. "Das habe ich doch schon vorher gewusst", verkünden deshalb nicht nur Wichtigtuer, nachdem ein Ergebnis bekannt geworden oder eine Entscheidung gefallen ist. Experten bezeichnen das als Rückschaufehler. "Etwas als zwangsläufig anzusehen ist bei frustrierenden Erfahrungen eine Quelle des Trostes", sagt Hartmut Blank, Sozialpsychologe an der Universität Leipzig. So dient das Gedächtnis als ein effizientes System zur Gegenwartsbewältigung. Evolutionär gesehen, ist diese Anpassungsfähigkeit ein Vorteil, denn sie stellt ja diese Kontinuität nicht nur für das Individuum her, sondern auch für die Gesellschaft.

Auch nach politischen Wahlen häufen sich Rückschaufehler, hat Blank festgestellt. Im Nachhinein glauben viele Wähler, sie hätten das Ergebnis schon vorher gewusst. Bei der jüngsten Bundestagswahl sei dies jedoch unwahrscheinlich. "Überraschung ist eine der Randbedingungen, unter denen der Rückschaufehler geringer ausfällt."

Für Historiker ergibt sich aus dem autobiografischen Selbstbetrug das Problem herauszufinden, wie glaubwürdig die Gedächtnisleistung von Zeitzeugen tatsächlich ist. "Das verrät keine Erinnerung aus sich selbst heraus", sagt der Mediävist Johannes Fried von der Universität Frankfurt. "Täuschung, Irrtum und sachlich zutreffende Erinnerung lassen sich oftmals nicht unterscheiden." Er provoziert seine Kollegen mit der Forderung einer neurobiologisch fundierten Quellenkritik: Von Herodot bis Mommsen - die Geschichte müsse im Lichte der Hirnforschung vielleicht neu geschrieben werden, meint der Historiker.