Loftus lässt sich nicht beirren: "Wenn meine Aussage die Geschworenen an der Schuld des Angeklagten zweifeln lässt, dann ist es nach den grundlegenden Prinzipien unseres Rechtssystems auch richtig, dass er freigesprochen wird."

Leidenschaftlich berichtet sie von den einschlägigen Justizskandalen: Dem Amerikaner Ronald Cotton etwa raubte eine falsche Erinnerung elf Jahre seines Lebens in Freiheit. Erst danach ergab ein DNA-Test zweifelsfrei, dass die 22-jährige Studentin Jennifer Thompson sich geirrt hatte, als sie in ihm ihren Vergewaltiger zu erkennen glaubte. Zwei Jahre zuvor war der Seemann Kirk Bloodsworth aus der Haft entlassen worden, weil ein Gentest seine Unschuld bewiesen hatte. Ursprünglich hatte ihn ein Schwurgericht zum Tode verurteilt, weil fünf Zeugen ihn als brutalen Mörder eines neunjährigen Mädchens erkannt haben wollten.

Um zumindest wissenschaftliche Ordnung in das dubiose Geschehen zu bringen, haben Neurowissenschaftler die früher übliche Aufteilung der Erinnerung in Ultrakurzzeit-, Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis aufgegeben. Heute bevorzugen sie eine funktionelle Gliederung des Gedächtnisses, die sich in der Anatomie des Hirns widerspiegelt: Das prozedurale Gedächtnis speichert automatisierte Bewegungsabläufe wie Radfahren oder Klavierspielen. Im semantischen Gedächtnis lagern wir unser faktisches Weltwissen, das autobiografische Gedächtnis dokumentiert unsere persönliche Lebensgeschichte, die sich vor allem in den Synapsen des Stirnhirns niederschlägt.

 Bildgebende Verfahren ermöglichen es seit wenigen Jahren, bei diesem Speicherprozess zuzuschauen. In der Forschungsgruppe "Erinnerung und Gedächtnis" am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen haben sich der Sozialpsychologe Harald Welzer von der Universität Witten-Herdecke und der Neurowissenschaftler Hans Joachim Markowitsch von der Universität Bielefeld zusammengetan, um der trügerischen Erinnerung auf die Spur zu kommen. Sie ergründen die Erinnerungsbildung gleichzeitig auf neurobiologischer und inhaltlicher sowie sozialer Ebene. "Es handelt sich vermutlich um das erste praktizierte interdisziplinäre Projekt von Neuro- und Sozialwissenschaften überhaupt", sagt Markowitsch. Ein hochkarätiger Beirat kündet von der Bedeutung des Projekts: Mit Koryphäen wie der Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann aus Konstanz, dem Psychoanalytiker Dori Laub von der Yale University und dem Neurowissenschaftler Endel Tulving aus Toronto ist die Elite der internationalen Gedächtnisforschung vertreten.

Trotzdem muss Markowitsch gelegentlich erst einmal um Verständnis für die Methoden der Partnerdisziplin werben. Um an möglichst unverfälschte Informationen über die Lebensgeschichte der Probanden zu gelangen, hatte sich der Sozialpsychologe Welzer etwa zunächst gewünscht, dass die Versuchsteilnehmer im Kernspin locker erzählen sollten. "Dann hätten wir aber nur Bilder der Kaumuskulaturbewegung aufnehmen können", kommentiert Markowitsch.

Schließlich einigten sich die Wissenschaftler darauf, die Testpersonen zunächst ausführlich zu befragen. Erst danach legen sich die Teilnehmer in die Röhre des Kernspintomographen. Mit funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) beobachten die Forscher dann das Geschehen zwischen den Neuronen, während die Versuchspersonen ihre Erinnerungen zu einem Stichwort aus dem vorangehenden Interview abrufen. Sportler vergegenwärtigten sich zum Beispiel einen bestimmten Marathonlauf, andere reagierten auf das Stichwort "Hochzeitstag" oder "Abschlussball". Die Probanden sollen etwa eine halbe Minute lang rekapitulieren, was in dieser Episode passiert ist. Der Ort und die Intensität der Gehirnaktivität geben Aufschluss darüber, welche Erinnerungen in welchem Alter wirklich wichtig sind.

Mit Hilfe solcher Daten haben Markowitsch und Welzer das von ihnen "bio-psycho-sozial" getaufte Modell des autobiografischen Gedächtnisses entwickelt. In ihrem soeben erschienenen Buch Das autobiografische Gedächtnis (Klett-Cotta Verlag) stellen sie es vor. Die Kernbotschaft: Kleinkinder erinnern sich anders als Jugendliche, Oma und Opa anders als Erwachsene mittleren Alters; bestimmte Lebensphasen werden wichtiger, andere unwichtiger, manche Erinnerungen bleiben starr. Psychische und soziale Faktoren spielen dabei eine Rolle.

Das Gedächtnis formt unser Ich, zugleich aber ist es ein Produkt der Familie und der Erwartungen der Gesellschaft. Und vor allem muss es sich überhaupt erst einmal entwickeln.