Wie sich über Generationen hinweg Legenden bilden, zeigt sich am Beispiel der Familie von Elli K.: Die zum Zeitpunkt der Befragung 92-Jährige sagte, sie habe gar nichts von KZs gewusst. Sie erzählte lediglich, wie sie versucht hatte zu verhindern, dass die britische Besatzungsmacht nach Kriegsende ehemalige KZ-Häftlinge aus Bergen-Belsen bei ihr einquartierte. Ihr Sohn Bernd erzählte von einer Geschichte, die er von seiner verstorbenen Ehefrau kannte: Die hatte bei einer Gutsherrin - Oma genannt - gearbeitet, die Flüchtlinge versteckt hatte. Die 26-jährige Enkelin Silvia schließlich berichtete, wie ihre Oma Elli schon mal Flüchtlinge aus Bergen-Belsen versteckt habe. Sie hatte also reale Elemente aus den Familiengeschichten und anderen Quellen zu einer Heldengeschichte zusammengemixt, die das eigene Selbstbild stärkt und die Ehre der Familie rettet.

Dafür lieferte Jörg Friedrichs Epos Der Brand über die alliierten Bombardements der deutschen Städte eine Initialzündung. Welzer spricht von einer "kumulativen Heroisierung". "In vielen Werken findet derzeit eine Verschiebung vom Holocaust hin zu den Leiden der Deutschen statt." Mittlerweile hat dies sogar zur Bildung einer ganz neuen Erinnerungsgemeinschaft geführt, den "Kriegskindern", die ihre "Erinnerungen" an ihr leidvolles Erleben als Zwei-, Drei- oder Vierjährige auf Kongressen und in Erzählcafés austauschen.

Ähnlich gelagert sind die Werke der Ostalgiker, die in Film, Fernsehen und Literatur die DDR-Vergangenheit verklären. Nach den ironisch-kritischen Kinoerfolgen Sonnenallee und Good bye, Lenin! sorgten DDR-Shows im Fernsehen für hohe Einschaltquoten. Katarina Witt moderierte bei RTL im Pionierhemd, im ZDF antworteten 500 Studiogäste zum Sendungsauftakt auf die Frage "Für Frieden und Sozialismus - Seid Ihr bereit?" der Moderatorin mit einem schallenden "Immer bereit!". Die zweite deutsche Diktatur des 20. Jahrhunderts kommt plötzlich harmlos und gemütlich daher.

Weil es nicht möglich ist, sich als Mitglied einer Gemeinschaft mit den Tätern und Mitläufern positiv zu identifizieren, beschönigt die Kinder- und Enkelgeneration oft im Nachhinein die eigene Familiengeschichte: Man entlastet Mütter und Väter, Omas und Opas - zurück bleiben ein paar wenige Schuldige. Die Tätergesellschaft fühlt sich als Opfergesellschaft.

Das Gedächtnis ist ein Opportunist. Es nimmt sich, was ihm weiterhilft, Ungeeignetes oder Unangenehmes sortiert es aus. "Das habe ich doch schon vorher gewusst", verkünden deshalb nicht nur Wichtigtuer, nachdem ein Ergebnis bekannt geworden oder eine Entscheidung gefallen ist. Experten bezeichnen das als Rückschaufehler. "Etwas als zwangsläufig anzusehen ist bei frustrierenden Erfahrungen eine Quelle des Trostes", sagt Hartmut Blank, Sozialpsychologe an der Universität Leipzig. So dient das Gedächtnis als ein effizientes System zur Gegenwartsbewältigung. Evolutionär gesehen, ist diese Anpassungsfähigkeit ein Vorteil, denn sie stellt ja diese Kontinuität nicht nur für das Individuum her, sondern auch für die Gesellschaft.

Auch nach politischen Wahlen häufen sich Rückschaufehler, hat Blank festgestellt. Im Nachhinein glauben viele Wähler, sie hätten das Ergebnis schon vorher gewusst. Bei der jüngsten Bundestagswahl sei dies jedoch unwahrscheinlich. "Überraschung ist eine der Randbedingungen, unter denen der Rückschaufehler geringer ausfällt."

Für Historiker ergibt sich aus dem autobiografischen Selbstbetrug das Problem herauszufinden, wie glaubwürdig die Gedächtnisleistung von Zeitzeugen tatsächlich ist. "Das verrät keine Erinnerung aus sich selbst heraus", sagt der Mediävist Johannes Fried von der Universität Frankfurt. "Täuschung, Irrtum und sachlich zutreffende Erinnerung lassen sich oftmals nicht unterscheiden." Er provoziert seine Kollegen mit der Forderung einer neurobiologisch fundierten Quellenkritik: Von Herodot bis Mommsen - die Geschichte müsse im Lichte der Hirnforschung vielleicht neu geschrieben werden, meint der Historiker.