Böse Milch? Gute Milch? – Seite 1

Das Land, wo Milch und Honig fließt, liegt im Südural. Dort lebten vor etwa 7000 Jahren die ersten Menschen, die auch im Erwachsenenalter gut Milch vertragen konnten. Eine zufällige Genmutation sorgte dafür, dass die Träger des veränderten Gens Milch und ihre Produkte problemlos verdauen konnten. Unsere Vorfahren wurden sesshaft und begannen, Rinder und Ziegen zu melken. Ein Selektionsvorteil vor allem im nördlichen Europa, wo der frostige Winter keine ausreichende pflanzliche Ernährung zuließ. Auch heute noch vertragen die Menschen vor allem in den Regionen Milch, in denen damals die Viehzucht begann, in Skandinavien etwa sind es rund 80 Prozent. In Teilen Asiens und in Afrika hingegen ist es nur ein Prozent der Bevölkerung.

An der Milch scheiden sich die Geister wie an kaum einem anderen Lebensmittel. Für die einen ist der weiße Saft ein Lieferant wichtiger Nährstoffe und Spurenelemente, allen voran Kalzium - die Milchfans prophezeien jedem Milchverächter schwere Mangelerscheinungen. Unsinn, sagen die Gegner, Milch brauchen wir nur als Säuglinge, und dann auch nur die menschliche Muttermilch. Dass die meisten Menschen später eine Unverträglichkeit für den Milchzucker Laktose entwickeln, habe schon seinen Sinn - stattdessen trinken wir noch im Erwachsenenalter die Babynahrung anderer Säugetiere.

Bis heute hat die Milch in Deutschland ein positives Image. Laut einer repräsentativen Emnid-Umfrage für ZeitWissen halten 88 Prozent der Deutschen Milch für ein "unverzichtbares Lebensmittel". Zum guten Ruf haben sicherlich auch die Kampagnen der Centralen Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft (CMA) beigetragen. "Milch macht müde Männer munter", hieß es in den 50er Jahren mit einem für die damalige Zeit erstaunlich frivolen Unterton, heute werben Prominente wie Frauke Ludowig und Ralf Bauer mit dem eher biederen Slogan "Milch ist meine Stärke".

Jeder Deutsche verbraucht im Durchschnitt etwa 85 Kilogramm Frischmilcherzeugnisse pro Jahr - damit liegt das Land in der Weltspitze. Milchprodukte decken ein Viertel unseres täglichen Nahrungsbedarfs. Die Milchindustrie preist unermüdlich die Vorteile dieses hohen Milchkonsums: Die Knochen brauchen Kalzium, das nur in Milch reichlich enthalten ist. Wer sich also beispielsweise vor Osteoporose schützen wolle, solle damit nicht geizen. 

Wenn das stimmte, dann müssten wir eigentlich die besten Knochen der Welt haben. Aber das Gegenteil ist der Fall: In Japan und China, wo traditionell wenig bis gar keine Milch getrunken wird, sind die Osteoporoseraten viel niedriger als hierzulande. Überhaupt leiden die Menschen in Asien, Afrika und Lateinamerika weniger an Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht, Diabetes oder auch Krebs. In diesen Gegenden der Welt hat es die Menschheit auch ohne das Milchverträglichkeitsgen weit gebracht.

Unbestreitbar ist, dass in der Milch viel Gutes steckt. Sie enthält fast alle unentbehrlichen Aminosäuren (die der Körper selbst nicht herstellen kann) und lässt uns pflanzliches Eiweiß besser verwerten. Milch liefert Kalium, Magnesium und Jod, fettlösliche Vitamine und mehr Kalzium als jedes andere Lebensmittel. Der Mineralstoff ist nicht nur Baustein von Knochen und Zähnen, er spielt auch eine wichtige Rolle für die Funktion der Muskeln.

Biomilch vs. konventionelle Produktion

Milch kann, sie muss aber nicht der Lieferant Nummer eins dieses wichtigen Minerals sein. "Eine gesunde ausgewogene Ernährung mit viel pflanzlichen Lebensmitteln, mit wenig oder gar keinen Milchprodukten, kann die Kalziumbilanz ebenso sichern", sagt Hans Hauner, Professor für Ernährungsmedizin am Else-Körner-Fresenius-Zentrum der Technischen Universität München. Enthalten ist der Mineralstoff auch in Grünkohl, Fenchel, Brokkoli, frischen Kräutern, Hülsenfrüchten sowie in kalziumhaltigem Mineralwasser. In den "Nichtmilch-Ländern" decken die Menschen ihren Kalziumbedarf hauptsächlich über diese und andere pflanzliche Quellen.

Aber viel Kalzium allein schützt noch nicht vor der gefürchteten Knochenschwäche. "Ob Osteoporose entsteht oder nicht, hängt noch von anderen Faktoren ab, etwa von der Bewegung", sagt Hauner. Jürgen Schrezenmeir, Direktor des Instituts für Physiologie und Biochemie der Bundesanstalt für Milchforschung (BAfM) in Kiel, wehrt sich dagegen, fremde Lebens- und Ernährungsgewohnheiten direkt mit den hiesigen zu vergleichen. "Vielfach handelt es sich um Länder mit geringerem sozio- ökonomischen Status", sagt Schrezenmeir. "Dort werden die Menschen nicht so alt, sind weniger motorisiert und bewegen sich daher mehr, außerdem haben sie durch mehr Sonneneinstrahlung eine höhere körpereigene Vitamin-D-Synthese."

Und damit einen besseren Schutz vor Knochenbrüchen als Milchtrinker, wie eine groß angelegte Studie der amerikanischen Harvard Medical School gezeigt hat: Demnach reduziert nicht der Kalziumkonsum, sondern vielmehr die Versorgung mit Vitamin D das Risiko für osteoporosebedingte Knochenbrüche. Denn das Vitamin D hilft im Dünndarm, das Kalzium überhaupt erst in den Körper aufzunehmen.

Das Etikett "Naturprodukt" verdient die Milch spätestens seit den 60er Jahren nicht mehr. Sie ist längst zu einem industriell verarbeiteten Nahrungsmittel geworden. Die im Handel erhältliche Milch ist heute meist wärmebehandelt und homogenisiert. Das heißt: Sie wird unter hohem Druck durch Spalten gepresst, sodass das Milchfett in feinste Kügelchen zerkleinert wird und sich kein Rahm mehr absetzt. Umstritten ist die Methode nicht nur, weil das Milchfett so komplett verdaut wird und dick machen kann. "Homogenisiert wird zudem nur zum Zweck der längeren Haltbarkeit, das bringt dem Verbraucher statt eines gesundheitlichen Vorteils nur Schaden", sagt der praktische Arzt Jürgen Biermanns von der Gesellschaft für Gesundheitsberatung (GGB) in Lahnstein. Die Molekülstruktur von Fett und Eiweiß könne durch den technischen Eingriff verändert werden, was schädliche Stoffe freisetze und Organsysteme wie beispielsweise den Verdauungstrakt störe.

Aber es gibt ja noch die ökologische Alternative. Ist Biomilch hochwertiger und gesünder als das konventionelle Produkt? Auch da sind Zweifel angebracht. Zwar soll die Milch der glücklichen Biokühe dreimal so viel von der konjugierten Fettsäure CLA enthalten, die angeblich den Krebs hemmt und vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes schützt. Ansonsten aber unterscheiden sich die Inhaltsstoffe kaum: Als die BAfM im Jahr 2002 konventionelle und biologische Milch auf Rückstände wie Antibiotika, Zitzendesinfektionsmittel, Pestizide, Schwermetalle und Pilzgifte untersuchte, gab es nur in einem Punkt Unterschiede: Ökomilch enthielt kein Aflatoxin. In einigen Proben der konventionell produzierten Milch fand man hingegen Spuren des Pilzgifts unterhalb des festgesetzten Grenzwertes (vermutliche Ursache: belastetes Kraftfuttermittel). Auch ein Qualitätscheck der Zeitschrift Öko-Test bei 20 verschiedenen Milchprodukten bestätigte, dass konventionelle Milch ebenso unbedenklich wie Biomilch ist.

Dennoch warnen Kritiker immer wieder vor erhöhten Hormonspiegeln sowie der Kontamination mit Wachstumshormonen und Medikamenten in industriell produzierter Milch. Denn die Turbokühe produzieren heute Milchmengen, die die Natur so nie vorgesehen hat, leiden daher häufig unter Entzündungen der Brustdrüsen und erhalten dann vorbeugend Antibiotika.

Mythen in Tüten

Die Hochleistungskühe geben Milch im Überfluss, sodass wir längst zwischen Milchseen und Butterbergen leben.

Und das, obwohl auch in Deutschland etwa 15 Prozent der Menschen keine Milch vertragen - Laktose-Intoleranz nennen das die Mediziner. Die hat nichts mit einer Allergie zu tun. Stattdessen fehlt den Betroffenen ein Enzym, das den Milchzucker in verdauliche Bestandteile zerlegt. Ohne das Enzym gelangen die Kohlenhydrate unverdaut in den Dickdarm und werden von Darmbakterien vergoren. Völlegefühl, Bauchschmerzen, Blähungen und Durchfall sowie erhöhte Infektanfälligkeit oder Sodbrennen sind die Folge.

Eine völlig laktosefreie Ernährung aber ist in Deutschland kaum möglich. In vielen Nahrungsmitteln findet sich auch versteckte Milch, etwa in Fertigpizza oder -suppe, Desserts, Senf oder Eiscremes. Selbst in Tabletten und Zahnpasta kann der empfindliche Konsument auf versteckte Laktose stoßen, die als billige Füllmasse an Pharma- und Kosmetikfirmen verkauft worden ist.

Zu unterscheiden ist die Laktose-Intoleranz von echten Allergien, die durch verschiedene Milcheiweiße ausgelöst werden können. Der Körper erkennt diese Proteine als artfremd und wehrt sich dagegen. Häufig werden Kinder durch die Kuhmilch erstmals mit körperfremden Proteinen konfrontiert und reagieren mit Reizhusten, vermehrter Schleimproduktion, Atemschwierigkeiten. Bei Kuhmilchallergikern hilft nur eines: Die Milch muss gänzlich aus dem Speiseplan verschwinden, sonst drohen chronische Infekte, Bronchitis, Ekzeme.

Militante Milchgegner geben der Kuhmilch die Schuld an allerlei Krankheiten: Ein erhöhter Milchkonsum fördere Krebs und erhöhe das Risiko für Arteriosklerose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes. Die harten wissenschaftlichen Fakten zeigen: Das Risiko für Dickdarmkrebs, haben einige Studien ergeben, wird durch Milch eher gesenkt, während bei Prostata- und Eierstockkrebs die Gefahr eher steigt. "Bislang gibt es Hinweise, aber keine ausreichenden Beweise dafür, dass Milchverzehr die Entstehung dieser Krebsarten begünstigt", sagt Jürgen Schrezenmeir von der BAfM. Die Ursache könne vor allem der Kaloriengehalt der Milch sein. Bei anderen Krankheiten dagegen sei die Bilanz positiv: "Verschiedene Studien bestätigen die schützende Wirkung der Milch sowohl gegenüber dem Diabetes als auch gegenüber der koronaren Herzerkrankung", sagt der Milchexperte. Die genauen Wirkmechanismen sind aber längst noch nicht erforscht.

So wird der Streit um die Milch weitergehen. Die mächtige Milchwirtschaft wird uns auch in Zukunft mit immer neuen Milchvarianten locken wie zuletzt mit der "längerfrischen" und der laktosefreien Milch. Die Milchgegner werden auf ihren Websites wie milksucks.com oder milch-den-kuehen.de die Milch als Quell allen Übels darstellen. Milch ist ein Schwarzweißgetränk.

Milch-Legenden
Mythen in Tüten

Ein Glas Milch und zwei Scheiben Käse pro Tag decken den täglichen Kalziumbedarf.
Das betont die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) - doch der Verzehr von Fleisch, Wurst und Cola torpediert den Effekt, weil er die Kalzium-Ausscheidung fördert.

Zu wenig Milch macht die Knochen brüchig und erhöht das Risiko für Osteoporose.
Das stimmt so nicht. Gene, Umwelt und Lebensstil sind auch wichtig, vor allem wie viel man sich bewegt. Zusätzlich braucht der Körper Proteine, Mineralstoffe und Spurenelemente wie beispielsweise Kalzium - egal, ob durch Milch oder pflanzliche Kost.

Vegetarier sollten die fehlenden tierischen Proteine über vermehrten Milchkonsum decken.
Generell kann Proteinmangel sowohl durch Milch als auch durch Eier ausgeglichen werden. Aber auch Getreide, Gemüse und Kartoffeln enthalten genügend Eiweiß. Wer sich ausschließlich pflanzlich (vegan) ernährt, benötigt viel proteinhaltiges Getreide und Hülsenfrüchte.

Kinder bis zu einem Jahr sollten keine tierische Milch trinken .
Bei Säuglingen ist das Immunsystem noch unfertig, der Darm noch für große Moleküle (wie artfremde Eiweiße) durchlässig. Eier und Kuhmilch lösen mit am häufigsten Allergien aus.

 H-Milch ist schlechter als frische Milch.
Fast alle Frischmilchprodukte werden pasteurisiert (kurzzeitig auf 70 Grad erhitzt), um Bakterien abzutöten. H-Milch wird "ultrahoch" erhitzt (auf 140 Grad), das verändert die Eiweißstruktur und vernichtet bis zu 20 Prozent der Vitamine. Der Kalziumgehalt ist allerdings gleich.

Fermentierte Produkte haben eine günstige Wirkung auf den Darm.
Ja, Jogurt und ähnliche fermentierte Milchprodukte enthalten Milchsäurebakterien mit jenem Enzym, das den Milchzucker zerlegt. Genau das fehlt Menschen mit Laktose-Unverträglichkeit.

Laktosearme Milch, Reis-, Soja- oder Haferdrink sind geeignete Alternativen zur Kuhmilch. Nur laktosearme Milch taugt als Ersatz (enthält nämlich alle anderen wichtigen Inhaltsstoffe). Milch "verklebt den Magen" und den Rachen. Vermehrte Schleimabsonderung in den Atemwegen, häufigere Mandelentzündungen oder ein erhöhtes Schnupfenrisiko sind nicht nachgewiesen. Milchbedingte Schleimbildung im Magen behindert nicht die Aufnahme von Eiweiß-, Fett-, Vitamin- und Mineralstoffen im Darm.