Rita ist gerade 15, als sie Hannes kennen lernt. Er sieht gut aus, redet nicht viel, steht aber zu dem, was er sagt. Und er frisiert Mofas, das schätzen Mädels in kleinen Dörfern wie dem bayerischen Ramerberg. Damals ahnt Rita noch nicht, dass Hannes anders ist als andere. Und dass sie Jahrzehnte darunter leiden wird.

Knapp 30 Jahre später sitzt das Ehepaar Hannes und Rita Roth* in einem Therapieraum der Münchner Uniklinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie. In einem raumhohen Regal an der Wand stapeln sich Fachbücher; unter der Decke hängen gleich zwei Videokameras, denen keine Regung eines Therapiegesprächs entgeht. Die Roths erzählen von ihrer gemeinsamen Zeit - die Jahre, nachdem ihre erste Tochter Maja zur Welt gekommen war. Beide waren nicht ganz 20, als sie heirateten und in das kleine weiße Haus mitten im Dorf zogen.

Rita Roth verhakt ihre Finger, wenn sie spricht, und lacht, als ob ihr nicht danach zumute wäre: Kaum Zuneigung hat ihr der Hannes all die Jahre gezeigt, sie nie in den Arm genommen. Nicht einmal aufs Faschingsfest wollte er mit ihr gehen. Nie war er mit den beiden Töchtern im Zoo - dabei hatten sie es sich so gewünscht. "Jeder Tag war für ihn ein Scheißtag", sagt sie. "Selbst wenn wir im Urlaub aufs Meer rausgeschaut haben, hat er noch gesagt: Schau mal, da unten der Müll in der Bucht." Tränen schießen ihr in die Augen: "Freude war ihm völlig fremd."

Hannes Roth schaut mit leerem Gesicht auf die große Schnalle seines Harley-Davidson-Gürtels. Nach einer Pause sagt er leise: "Ich habe da nichts gespürt, das war halt alles nicht mein Ding."

Dass er mehr Gefühle zeigen solle, wurde Roth schon oft geraten. Verstanden hat er es nie. Dass er seine Gefühle gar nicht zeigen könne, sagte ihm vor fünf Jahren schließlich der Psychosomatiker Harald Gündel von der Münchner Uniklinik. Die Erklärung: Alexithymie - Hannes Roth sei gar nicht in der Lage, Emotionen bei sich oder anderen wahrzunehmen und angemessen zu reagieren. Als "emotionales Analphabetentum" oder "Gefühlsblindheit" übersetzen Emotionsforscher dieses Phänomen. Wenn Betroffene über Gefühle reden, ist das, als ob Blinde beschrieben, wie schön der Sternenhimmel ist.

"Alexithymie ist keine Krankheit, sondern ein gleichmäßig in der Bevölkerung verteiltes Persönlichkeitsmerkmal", stellt Harald Gündel klar. "Es gibt Menschen, die mit Gefühlen gut umgehen können, und eben welche, die damit schlecht umgehen können." In der bislang größten deutschen Alexithymie-Studie, die bald veröffentlicht werden soll, haben Forscher der Universitäten Leipzig und Düsseldorf herausgefunden, dass das Phänomen auch hierzulande erstaunlich weit verbreitet ist - jeder Zehnte der über 1800 Teilnehmer wies deutliche Merkmale von Gefühlsblindheit auf, eher Männer als Frauen, eher Arme als Reiche, eher Geschiedene als Verheiratete.

Alexithyme Menschen können der Bekannte sein, mit dem man stundenlang über Megapixel und Speicher seiner Digitalkamera fachsimpeln kann, der sich aber nicht an den Fotos erfreut. Oder der Vater, der seinen Kindern ständig neues Spielzeug kauft, aber nicht versteht, dass er lieber mit ihnen spielen sollte. Bislang haben Wissenschaftler nur Vermutungen, warum manche Menschen so schlecht mit Gefühlen zurechtkommen. Die beiden plausibelsten: Entweder haben sie es als Kind nie gelernt, oder sie haben es wegen eines traumatischen Erlebnisses wieder verlernt. 

Den Begriff Alexithymie prägte der amerikanische Psychiater Peter Sifneos in den 70er Jahren. Er setzte ihn aus den griechischen Teilen a, lexis und thymos ("kein Wort für Gefühl") zusammen. Damals kam das Thema in Mode: US-Chirurgen hatten entdeckt, dass Epileptiker, denen sie zur Therapie die Verbindung zwischen beiden Gehirnhälften gekappt hatten, danach emotional ratlos wirkten. Diese seltsame Gefühlskälte, so folgerten sie damals, müsse organische Ursachen haben.

 

Doch dann geriet die Forschung ins Stocken, Gefühle waren für viele Forscher "unwissenschaftlich". Als bildgebende Verfahren und EEGs besser wurden, änderte sich das: Unterschiede zwischen den Gehirnen von Alexithymen und nicht Alexithymen waren nicht mehr wegzudiskutieren.

Die Erforschung der Alexithymie gilt als erste Etappe einer Entdeckungsreise in eine noch weitgehend unergründete Welt - das Reich der Gefühle. Wie nehmen wir Gefühle wahr? Wie unterscheiden wir sie? Und wofür brauchen wir sie?

Mittlerweile verfügt die Wissenschaft über einheitliche Maßstäbe für Alexithymie, darunter die Toronto-Alexithymie-Skala (TAS-20), mit der auch die Forscher aus Düsseldorf und Leipzig ihre Probanden vermessen haben. Den Testpersonen werden Fragebögen mit 20 Aussagen vorgelegt, wie etwa: "Ich finde es schwierig zu beschreiben, was ich für andere Menschen empfinde." Der Nachteil, erklärt Claudia Subic-Wrana, Psychologin und Psychotherapeutin an der Universität Mainz: "Wenn man Alexithyme zu ihren Gefühlen befragt, ist das, als würde man Farbenblinde bitten, Rot und Grün zu unterscheiden."

Eine aufwändigere, aber genauere Alternative ist der von dem Amerikaner Richard Lane entwickelte Leas-Test, den Subic-Wrana ins Deutsche übersetzt hat. Leas steht für levels of emotional awareness - fünf Stufen des Gefühlserlebens. Die schwächste wird beschrieben mit "Proband spürt nur körperliche Empfindungen", die stärkste mit "Er kann gemischte Gefühle bei sich und seinem Gegenüber bestimmen".

Im Leas-Test werden die Probanden mit Alltagssituationen konfrontiert. Etwa: "Sie fahren über eine Brücke und sehen jemanden außerhalb des Schutzgitters stehen. Er schaut ins Wasser. Wie würden Sie sich fühlen, wie würde sich diese Person fühlen?" Die Testperson darf frei antworten. Bewertet wird anhand eines Katalogs von Auswertungsbeispielen. Für eine niedrige Stufe stünde: "Ich wäre irritiert. Was der andere empfindet, weiß ich nicht." Für eine hohe dagegen: "Ich wäre ziemlich erschrocken und würde überlegen, was ich für die Person am Gitter tun kann. Sie ist hoffnungslos und verängstigt." 

Im Alltag fallen Alexithyme in der Regel nicht auf. Kaum einer von ihnen geht zum Arzt und lässt sich testen, weil ihm die Frau Gefühllosigkeit vorwirft, er schwer Freundschaften schließt und nie auf Partys eingeladen wird. Und falls doch einmal einer ärztliche Hilfe sucht, dann meist wegen psychosomatischer Krankheiten. Denn die Körper von Gefühlsblinden stehen häufig unter diffuser Anspannung und Dauerstress. Viele von ihnen leiden an Kopfschmerzen, Bluthochdruck oder anderen Symptomen, für die es keine unmittelbare Ursache gibt.

Bei Hannes Roth ist es der Hals, der vor 24 Jahren zu zittern beginnt. Das Zucken kommt immer häufiger. Tagsüber, nachts, zu Hause, in der Firma - immer und überall. Eine Reise durch die Wartezimmer Bayerns beginnt, zu Hausärzten, Heilpraktikern, Neurologen. Roth versucht es mit Akupunktur und Qi Gong und lässt sich das Nervengift Botox spritzen. Ein Schmerztherapeut rät ihm zu chinesischen Spezialtees aus Pilzen, Wurzeln und Holzstücken. Wochenlang wabert modriger Geruch durch das kleine Haus in Ramerberg.

Nach Jahren gerät Hannes Roth durch Zufall an den Psychosomatiker Gündel. Der taucht in das Leben der Roths ein: Ihre Ehe funktioniert längst nicht mehr. Aus dem Stillen und Zuverlässigen ist der Ehemann geworden, dem seine Familie scheinbar egal ist. Statt Mofas zu frisieren, frickelt er nun an den Wochenenden an drei riesigen Satellitenschüsseln herum. 1000 Programme könnte er damit empfangen - doch das Berechnen des Ausrichtungswinkels liegt ihm mehr, als sich mit seiner Frau aufs Sofa zu kuscheln und Wetten, dass ...? zu schauen.

 

Immer wieder erklärt Rita Roth ihrem Mann, er müsse sich wenigstens anderen gegenüber anders verhalten. Einmal hatten sie Verwandte im Bayerischen Wald besucht. Hannes Roth hatte kurz hallo gesagt und sich dann vor die Stereoanlage im Wohnzimmer gekniet, um die Radiosender neu zu programmieren. Eines Tages hält es Rita Roth nicht mehr aus. Sie weint, brüllt, fleht ihn an, er solle sich mehr bemühen. Ihr Mann erwidert nichts.

Auch ein Paarberater ermahnt Roth, er müsse mehr auf seine Frau eingehen: "Wenn Sie nach Hause kommen, fragen Sie doch einfach mal, was sie tagsüber gemacht hat, ob sie Lust hat, etwas zu unternehmen, vielleicht essen zu gehen." Ein paar Tage später wendet Roth das Gelernte an. Wie auf einer to do-Liste hakt er die einzelnen Fragen ab.

"Herr Roth hat sich angestrengt und wollte wirklich etwas verändern, dazulernen - keine Frage", sagt Gündel. "Viele alexithyme Patienten merken ja, dass irgendetwas nicht stimmt." Also versuchen sie, sich anzupassen und den Erwartungen gerecht zu werden. "Doch das dann einfach abzuspulen reicht eben nicht." Wenn Menschen sich austauschen, macht Sprache nur einen Bruchteil der Kommunikation aus. Weit mehr Informationen transportieren Gestik, Stimme und vor allem Mimik.

Manchmal kann es auch praktisch sein, emotionale Zwischentöne einfach zu überhören. Ein alexithymer Uhrenhändler aus Düsseldorf erzählt, dass er ein außergewöhnlich guter Verkäufer sei. Menschen, die schachern wollen, auf die Tränendrüse drücken oder etwas vom letzten Wunsch der Großmutter erzählen, haben bei ihm keine Chance - es perlt an ihm ab. Als ihm seine Frau allerdings neulich weinend erzählte, ein guter Freund sei gestorben, nahm er sie nicht etwa in den Arm und tröstete sie, sondern musste grinsen. 

Eine Theorie, warum Menschen Gefühle nicht wahrnehmen, ist, dass sie diese Fähigkeit als Kind nicht entwickeln konnten. Schon Säuglinge heften normalerweise ihren Blick auf Mamas Gesicht, das ihre Empfindungen spiegelt. Weint das Kleine, schaut sie besorgt, beruhigt es und - noch viel wichtiger - verbalisiert seine Empfindungen: "Du weinst ja! Hast du Aua im Bauch? Bist du traurig?" Durch die Babysprache lernt das Gehirn, körperliche Empfindungen zu deuten und mit Wahrnehmungen wie Angst oder Freude zu verknüpfen.

Manche Alexithyme könnten sich aber auch nach einem traumatischen Erlebnis abrupt ihren emotionalen Empfindungen und Wünschen verschlossen haben. Gefühlsblindheit wäre dann eine Anpassungsstrategie des Gehirns, die sie vor dem bewussten Erleben einer Flut negativer Gefühle bewahren soll. Dafür spricht die Entdeckung von Traumaforschern, dass selbst das Gefühlsleben von Erwachsenen noch erstarren kann, wenn sie etwa großer Brutalität ausgeliefert sind. Soldaten könnten nicht kämpfen, wenn sie von Angst und Leid überwältigt wären.

Die Lebensgeschichte von Hannes Roth könnte beide Annahmen bestätigen: Als er vier Jahre alt war, starb seine Mutter an Hautkrebs. "Damals hat mich mein Vater nicht mal mehr ans Krankenbett gelassen, damit ich mich verabschieden kann - und auch nie mehr mit mir darüber gesprochen." Der Vater heiratete wenig später die Schwester der Mutter, die für die drei Kinder sorgte und noch zwei weitere bekam. Den kleinen Hannes behandelte sie allerdings nie wie ihre eigenen. Sie schmierte ihm morgens das Schulbrot und achtete darauf, dass er saubere Klamotten trug - ein zärtliches Streicheln über den Kopf gab es aber so gut wie nie.

Der Grafiker Jonas Leif ist hoch alexithym. Als er sechs Jahre alt war, fuhr er mit Vater und Opa auf einem Traktor über einen unbeschrankten Bahnübergang. Der Opa am Steuer übersah den heranrasenden Zug, das Kind lag wochenlang im Koma und verlor ein Auge. Über den Unfall gesprochen hat die Familie nie mehr. Heute ist Leif wegen starker Kopfschmerzen in stationärer Behandlung. Als seine Ehe kürzlich zerbrach und seine Frau vor dem Richter behauptete, sie würde sich von ihm bedroht fühlen, um das Sorgerecht für das gemeinsame Kind zu bekommen, konnte er nicht einmal Wut empfinden.

 

Warum werden Alexithymen Gefühle nicht bewusst wahr? Vieles spricht dafür, dass in ihren Gehirnen das limbische System (siehe Kasten auf Seite 18) nicht richtig mit dem präfrontalen Cortex vernetzt ist. Entdecken wir etwa eine Schlange, schlagen die für Angst zuständigen Mandelkerne Alarm: Das Herz schlägt schneller, Adrenalin wird ausgeschüttet - wir machen uns aus dem Staub, noch bevor uns die Gefahr bewusst ist. Im präfrontalen Cortex nehmen wir die Gefühle dann bewusst wahr. Dort erleben wir die Angst als Angst - und reflektieren, warum wir sie empfinden. Wird uns klar, dass die Schlange eigentlich nur ein großer Regenwurm ist, gibt diese Region Entwarnung. Ein Ventil wird geöffnet, der Dampf abgelassen, der Affekt gedämpft. Bei Alexithymen funktioniert das offenbar nicht. Deswegen stehen sie ständig unter Druck und werden oft krank.

Die Hoffnungen ruhen derzeit auf - langwierigen - Gesprächs-, Körper- oder Gruppentherapien, um den Patienten das Tor zur Welt der Gefühle wieder zu öffnen. "Auch die Gehirne Erwachsener sind noch unglaublich wandlungsfähig", sagt Matthias Franz, Professor für psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Uniklinik Düsseldorf. Mit dem Psychologen Ralf Schäfer wertete er in einer Studie EEGs von Personen aus, denen abwechselnd Gegenstände sowie unterschiedlich emotionale Gesichter gezeigt wurden. Nach zwei Zehntelsekunden zeigt eine deutliche Zacke, wenn das Gehirn ein Gesicht erkennt. "Weil das Gesicht eben zentral für das Wahrnehmen von Emotionen ist", sagt Franz. Und nach drei Zehntelsekunden beginnt das unbewusste Einordnen und Bewerten des Bildes im limbischen System. 

Die Ergebnisse der Studie: "Gehirne von Alexithymen reagieren nicht nur auf alle Bilder mit schwächeren Signalen, sie beschäftigen sich auch kürzer und weniger intensiv mit Gesichtern", erklärt Franz, der zwei Gruppen mit je 20 Alexithymen betreut.

Hannes Roth geht bereits seit langem zu einer Therapeutin und hat zum ersten Mal das Grab seiner Mutter besucht. "Ich erfahre viel, was man mit Kommunikation so machen kann, soll, muss, darf", sagt er. "Das Wichtigste ist, dass ich jetzt selbst an mir arbeite." Ob am Ende nur sein Verstand lernt oder er bewusst nachfühlen können wird, was andere fühlen - niemand weiß es.

Für seine Ehe würde das ohnehin zu spät kommen. Vor zwei Jahren beschloss Rita Roth, noch einmal von vorn anzufangen - und zog aus dem kleinen weißen Haus mit den drei Satellitenschüsseln auf dem Dach aus.

* Namen aller Patienten geändert