Bei 180 Watt Tretwiderstand laufen mir erste Schweißperlen den Rücken hinunter. So fühlt sich Sport an. Die Betreuerin reicht ein Handtuch und schaltet den Ventilator ein. Vor der Tour de France 1997 saß der spätere Sieger Jan Ullrich auf demselben Standrad wie ich heute und absolvierte die gleichen Tests. Bei 180 Watt fing er damals erst an, in die Pedale zu treten. Zum Warmwerden.

Auf dem Monitor an der Wand ist eine Treppe vorgezeichnet: Alle drei Minuten erhöht das System den Widerstand automatisch um 20 Watt. "Bis jetzt haben wir jeden kleingekriegt", sagt Hans-Hermann Dickhuth. Er ist Leiter der sportmedizinischen Abteilung des Klinikums Freiburg und hat mich komplett verkabelt, um meine körperlichen Grenzen zu testen. Elektroden horchen mein Herz ab, alle paar Minuten wird Blut aus meinem rechten Ohrläppchen gezapft, immer wieder pumpt sich eine Blutdruckmanschette an meinem Arm auf. Und zwischendurch muss ich auch noch eine Atemmaske über Mund und Nase stülpen - Abgasuntersuchung.

Ich will dem Geheimnis der Maschine Mensch auf die Spur kommen. Was macht sportliche Höchstleistung aus, was unterscheidet Hobby- von Spitzensportlern wie Jan Ullrich? Ihre Körper sind doch aus dem gleichen Material wie meiner. Sind die Ullrichs nur besser trainiert? Oder sind ihre Körper für den Radsport geboren, meiner aber nur für den Schreibtisch? Kurz: Was hat Ulle, was ich nicht habe?

Damit das klar ist: Das ist keine Sache zwischen Jan Ullrich und mir. Es geht um das menschliche Leistungsvermögen. Wissenschaftler analysieren Messkurven von Ausnahmeathleten in Fachzeitschriften und erörtern sie auf Kongressen. Sie entschlüsseln das Erbgut und suchen nach möglichen Fitnessgenen. Dabei geht es nicht nur um die reine Erkenntnis. So mancher träumt vom nächsten Schritt - davon, die Maschine Mensch auf mehr Leistung zu tunen.

Eigentlich passen Sonntagssportler wie ich auf Dickhuths Standrad so gut wie ein Traktor in eine Jaguar-Werkstatt. Im Freiburger Klinikum lassen sich normalerweise nur Hochleistungsathleten testen, um mit Hilfe der Ergebnisse ihre Trainings- und Wettkampfziele zu definieren. Nach ihren Messungen können die Prüfer Marathonzeiten auf die Minute genau vorhersagen. Hier beginnen Profikarrieren - oder sie enden, bevor sie überhaupt begonnen haben.

Gehört ein Körper zu den besten der besten, stellt er manche Maschine in den Schatten: 100-Meter-Läufer zum Beispiel beschleunigen in der Startphase schneller als ein Porsche. Und Radprofis bewältigen 200 Kilometer über ein halbes Dutzend Hochgebirgspässe im Renntempo mit so wenig Nahrungsenergie, dass ein Motorrad mit Sprit des gleichen Brennwerts bestenfalls zur nächsten Tankstelle käme.

Allerdings sehen selbst Sport-Asse schlecht aus, wenn sie sich mit Tieren messen müssen. "Der Mensch ist lediglich ein ganz guter Dauerläufer", sagt Robert McNeill Alexander, Biomechaniker an der Universität von Leeds in England, "das ist die einzige Sportdisziplin, in der er mit tierischer Konkurrenz ganz gut mithalten kann." An die globale Leistungsspitze kommt er nicht heran. Im Januar stellte der Äthiopier Haile Gebrselassi mit einer Zeit von knapp 59 Minuten einen neuen Weltrekord über die Halbmarathonstrecke (gut 21 Kilometer) auf. Pronghorn-Antilopen preschen in der gleichen Zeit etwa dreimal so weit durch die afrikanische Steppe.