Im Süden Deutschlands lebt eine Familie mit einem Geheimnis. Ihre Wohnung ist groß und hell, gehalten in sanften Orangetönen, mit blauen Sofas und Sesseln. Warme Sommerluft bläht die Gardinen. Alle Türen stehen offen. Bis auf eine, hinter der lebt Marie. Seit 22 Jahren kommt sie nur noch aus ihrem Zimmer, wenn es unbedingt sein muss. Sie hat weder Freunde noch Arbeit. Sie war noch nie auf einem Konzert, hatte noch nie Sex.

Marie ist meine Cousine, ihre Familie auch meine. Dass es sie gibt, habe ich erfahren, als ich 16 war und sie 39. Heute ist sie 48. Meine Verwandten meiden das Thema. Maries Name ist wie alle in dieser Geschichte geändert. Jetzt will ich endlich mehr erfahren.

Maries Eltern und ihr Bruder gehen nach draußen, wenn sie über sie reden wollen. Zu groß ist die Furcht, Marie könnte etwas mitbekommen, und alles würde noch schlimmer. Vielleicht sogar so schlimm wie damals, als sie acht Tage lang gar nicht mehr die Tür öffnete und alle Angst hatten, sie würde verdursten. Stundenlang redete die Mutter durch das Schlüsselloch auf sie ein, immer ganz leise, damit die Nachbarin nichts hörte. Morgens stellte sie ihr Mineralwasser vor die Tür - und nahm es abends unberührt wieder weg. Bis der Bruder irgendwann einen Zettel unter der Tür durchschob, auf dem stand, er habe Angst, sie würde sterben. Mit zittrigen Knien kam sie endlich aus ihrer acht Quadratmeter großen Kammer und sagte: "Ich will nicht sterben!"

Maries Geschichte gleicht der vieler junger Menschen, die am Leben und seinen Anforderungen zerbrechen. Sie leben in aller Welt, in Deutschland, Japan, den USA, ihr Lebensweg hat aber eines gemeinsam: Irgendwann ziehen sie sich in ein Zimmer der elterlichen Wohnung zurück und brechen alle sozialen Kontakte ab. Manche für Monate, die meisten für Jahre, einige sogar für Jahrzehnte.

Hinter dem Rückzug vermuten die Psychologen schwere soziale Phobien - die Angst, sich zu blamieren oder den Ansprüchen anderer nicht gerecht zu werden. Angst vor anderen Menschen. In Japan ist das Phänomen offenbar besonders stark verbreitet, immer mehr Eltern bitten dort Psychologen um Hilfe, weil ihre Kinder ihre Zimmer nicht mehr verlassen wollen. Der Psychologe Saito Tamaki spricht von einer "nationalen Tragödie", die meist junge Männer in der Pubertät erfasse.

Wie viele Betroffene es gibt, ist schwer zu schätzen. Das japanische Gesundheitsministerium spricht von 50 000 allein in Japan, Tamaki rechnet mit einer Million. Sicher ist, Ärzte und Psychologen behandeln in Japan mittlerweile so viele Patienten, dass sie den Rückzüglern einen eigenen Namen gaben: Hikikomori, zu Deutsch: die Zurückgezogenen. Hikikomori, so die verbreitete Vorstellung, zeichnen oft Manga-Comics, sehen fern, spielen am Computer.

Maries Eltern kennen keinen Namen für den Zustand ihrer Tochter. Sie nennen sie "isoliert". Über ihr Schicksal sprechen sie nur selten. Wie sollten sie anderen auch erklären, was mit Marie los ist? In Deutschland ist das Phänomen des sozialen Rückzugs wenig erforscht. Wie viele hierzulande die Tür ein für allemal hinter sich schließen, vermag niemand zu schätzen.