Wir sind die einzigen Überlebenden. Seit die Neandertaler ausgestorben sind, ist Homo sapiens der letzte der einst weit verzweigten und Millionen Jahre alten Homo-Sippe. Und er ist ihr jüngster Spross. Erst 200 Jahrtausende sind vergangen, seit der Mensch in den Savannen des afrikanischen Kontinents entstand. Nur 10 000 Generationen lang hat er bisher auf dem Globus verbracht - sich dabei aber immer besser an seine Lebenswelt angepasst.

Das Ergebnis können wir heute im Spiegel betrachten. Aber ist das, was wir sehen, das endgültige Produkt der Jahrtausende währenden Verwandlung? Hat die menschliche Evolution schon ihre Endstation erreicht, oder befindet sie sich noch in voller Fahrt? Wird in 10 000, 20 000 oder 50 000 Jahren vielleicht eine neue Art aus dem Homo sapiens hervorgehen, der transhumane Mensch?

Stellt man Evolutionsforschern diese Fragen, kann man sich richtig unbeliebt machen. Die Evolution, sagen sie dann, hat kein Ziel. Es gibt keinen Schöpfungsplan, der Menschen vorgesehen hat. Und erst recht ist ihre Zukunft nicht vorbestimmt. Die Evolution kennt weder Gut noch Böse, sondern nur Effizienz und Zweckmäßigkeit. Sie bringt Lebewesen hervor, die sich auf ständig neue Lebensbedingungen besonders gut einstellen und deshalb ihre Gene auch besonders gut an ihre Nachkommen vererben können.

In Wahrheit aber sind sich die Evolutionsforscher selbst nicht so sicher, wohin die Reise führt. Untereinander streiten auch sie mit Leidenschaft über die Zukunft der Menschheit. Der Disput dreht sich vor allem um die Frage, ob wir überhaupt noch der Evolution unterliegen oder ob uns die Zivilisation mit all ihren medizinischen und technischen Errungenschaften nicht längst den Naturkräften entzogen hat. Einige meinen sogar, wir nähmen unser Schicksal mit Hilfe der Gentechnik bald selbst in die Hand.

Zu den Wissenschaftlern, die glauben, die natürlichen Selektionskräfte hätten ihre Wirkung auf die Menschen verloren, gehört der britische Evolutionsforscher Steve Jones. Sein Argument: In urtümlichen Jäger-undSammler-Gesellschaften starb jedes fünfte Kind im ersten Lebensjahr, und noch im 18. Jahrhundert erreichte in England nicht einmal die Hälfte der Menschen das fortpflanzungsfähige Alter. Inzwischen aber tendiert die Kindersterblichkeit in westlichen Staaten gegen null und ist auch in der restlichen Welt rückläufig. Das heißt, heute kann praktisch jeder Mensch Kinder bekommen - egal, ob er gesund ist oder krank, schlau oder dumm. Sogar diejenigen, die früher überhaupt keine Chance dazu gehabt hätten, bekommen heute Nachwuchs: Über drei Millionen Retortenkinder wurden in den vergangenen 28 Jahren geboren.

Auch körperliche Attraktivität spielt keine große Rolle mehr in der Evolution. Zwar mag sie ein Auswahlkriterium bei der Partnerwahl sein - aber welches Supermodel bekommt schon viele Kinder? Und an veränderte Umweltbedingungen schließlich muss sich der Mensch ohnehin nicht mehr anpassen - ob heiß oder kalt, die Zivilisation macht uns das Überleben unter allen Bedingungen angenehm, die der Planet zu bieten hat.

Andere Forscher halten dagegen, dass die genetischen Auslesemechanismen zumindest bis vor kurzem noch beim Menschen funktioniert haben. Das lasse sich sogar am Körperbau zeigen, sagt Jean-Jacques Hublin vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. "Das Skelett des frühen Homo sapiens war robuster als das heutiger Menschen, auch die Zähne waren kräftiger und größer." Dieser evolutionäre Trend könnte sich fortsetzen - in einer technisierten Zivilisation gibt es keine Umwelt mehr, die Menschen mit belastbarem Skelett begünstigt. Und seit sich die Menschheit von Burgern, Döner und Sahnetorten ernährt, ist auch ein kräftiges Gebiss nicht mehr überlebenswichtig. Haben wir bald also nur noch Zahnstummel im Mund?

Beweise dafür, dass die Evolution bis in die jüngste Vergangenheit noch den Menschen formte, finden sich schließlich auch in seinem Erbgut: Mehr als 700 Genregionen haben sich noch in den vergangenen zehn Jahrtausenden, also etwa seit der Erfindung der Landwirtschaft, verändert, berichtete ein Forscherteam um Jonathan Pritchard von der Universität von Chicago in diesem Frühjahr. "Selektion war ein wesentlicher Motor unserer Evolution", folgert Pritchard, "und es gibt keinen Grund, zu glauben, dass dieser Prozess beendet ist." Die Forscher stießen im Erbgut von Afrikanern, Europäern und Asiaten auf eine Vielzahl von veränderten Genen, darunter solche, die für die Hirnfunktion, das Verdauungssystem, die Haar- und Knochenstruktur und den Geruchssinn zuständig sind.

Offenbar entwickeln sich allerdings nicht alle Menschen in dieselbe Richtung. Nur ein Fünftel der aufgespürten Genveränderungen fanden die Forscher bei Afrikanern, Europäern und Asiaten gleichermaßen, den Rest entdeckten sie nur bei jeweils einer der drei Rassen. So besitzen Europäer häufig eine Genvariante, die auch Erwachsenen das Verdauen von Milchzucker erlaubt. Asiaten und Afrikaner reagieren auf Milch meist mit Übelkeit. Die so genannte Laktosetoleranz, glauben die Wissenschaftler, hat sich in Europa mit der aufkommenden Viehzucht und Milchwirtschaft durchgesetzt.

Besonders jung scheinen auch die Veränderungen in fünf Genen für die Hautpigmentierung zu sein. Blasse Haut dürfte für Europas Frühmenschen einen Überlebensvorteil dargestellt haben, weil sie auch unter der schwächeren Sonneneinstrahlung im Norden genug Vitamin D produziert. Pritchards Untersuchungen zufolge sind diese Genvarianten aber so spät erstanden, dass die Europäer vor 7000 Jahren wohl noch die dunkle Haut ihrer aus Afrika eingewanderten Vorfahren besaßen.

Noch sind die Unterschiede zwischen den Menschen nicht gravierend. Noch kann sich jede Frau auf der Welt im Prinzip mit jedem Mann paaren. Werden sich die Menschen in Zukunft aber so weit auseinander entwickeln, dass tatsächlich unterschiedliche Arten entstehen? In der Natur passiert das etwa, wenn zwei Gruppen einer Art durch eine geografische Barriere wie ein Meer oder ein Gebirge getrennt sind. Irgendwann sind die genetischen Unterschiede durch unterschiedliche Umweltbedingungen oder durch zufällige, sich fortpflanzende Abweichungen (die so genannte Genetische Drift) so groß, dass die beiden Gruppen sich nicht mehr gemeinsam fortpflanzen können. Pferd und Esel sind ein Grenzfall: Sie können zwar noch Nachkommen produzieren, doch sind diese stets unfruchtbar.

Eine Teilung der Menschheit, aus der sich unterschiedliche Arten entwickeln könnten, erscheint im Zeitalter der Massenmobilität jedoch unwahrscheinlich. Eher kehrt sich die Entwicklung um: Wenn die ökonomische Globalisierung in eine reproduktive mündet, wenn die Menschen ihre Partner - via Internet-Dating und globalen Reiseverkehr - überall auf der Welt wählen können, verschwinden die Rassen, der "unihumane" Mensch entsteht. Genetisch betrachtet, sagt der amerikanische Biodiversitätsforscher Stuart Pimm, "werden wir immer homogener werden". Das bedeutet nicht, dass alle gleich aussehen werden. Wahrscheinlich wird es viel bunter: Blonde Asiaten, blauäugige Afrikaner und mandeläugige Europäer werden sich auf allen Kontinenten tummeln.

Die meisten werden allerdings schlecht sehen können. Denn Kurzsichtigkeit nimmt überall drastisch zu. Kurzsichtig wird zwar eigentlich nur, wer die genetische Veranlagung dafür in sich trägt. In den Jäger-und-Sammler-Gesellschaften der Vergangenheit war diese noch selten, weil Menschen mit schlechten Augen damals gefährlich lebten. Doch änderte sich das mit der Erfindung der Schrift - die Kurzsichtigen überlebten in der Nische der Schreibstuben. So erklären sich die Forscher, warum heute in manchen südostasiatischen Ländern nicht einmal mehr 20 Prozent der Bevölkerung gut sehen.

Den größten Einfluss auf seine Entwicklung könnte der Mensch selbst haben. "Menschen sind die einzige Art, die ihre gesamte Umwelt aktiv verändert", sagt Jean-Jacques Hublin. "Damit haben sie zwar viele Selektionskräfte der Natur außer Kraft gesetzt, doch die biologische Anpassung wird nun durch eine technologische ergänzt. Die Evolution läuft auch auf einer kulturellen Stufe weiter."

Schon mit der Erfindung der Landwirtschaft vor rund 10 000 Jahren hat der Mensch seine Evolution in neue Bahnen gelenkt. Seither ernährt sich er sich von Kulturpflanzen wie Kartoffeln und Reis, die kaum giftige Inhaltstoffe enthalten. Eine empfindliche Nase und eine sensible Zunge, die vor giftigen Wildpflanzen warnen, wurden überflüssig. Die Folge: Unsere chemischen Sinne verlieren an Schärfe. Rund 60 Prozent der etwa 1000 Riechgene der Säugetiere sind beim Menschen bereits defekt. Und der Trend hält weiter an.

Sesshaftigkeit und Viehzucht haben die Evolution der Menschheit auch auf andere Weise verändert: Als die Menschen dazu übergingen, in großen Gruppen nicht nur mit ihresgleichen, sondern auch noch mit Haustieren zusammenzuleben, schlug die Stunde der großen Seuchen. In rascher Folge müssen damals Tierkrankheiten auf den Menschen übergesprungen sein: Nicht nur Masern, Tuberkulose oder Mumps - rund 60 Prozent aller menschlichen Infektionserreger stammen aus dem Tierreich.

Wie machtvoll die Selektion durch Infektionskrankheiten in die Evolution des Menschen eingegriffen hat, lässt sich noch heute nachvollziehen. In Malariagebieten ist etwa die Sichelzellenanämie verbreitet. Die Krankheit wird durch eine Veränderung des Globin-Gens verursacht. Sind das väterliche und das mütterliche Globin-Gen defekt, ist das Leiden tödlich, wenn aber nur eines der beiden betroffen ist, sind diese Menschen ziemlich wirksam gegen die Malariaerreger geschützt.

Die Spuren einer Seuche lassen sich auch im Erbgut der Europäer finden, es ist ein Defekt im Immunprotein CCR5. Der Genfehler hat, soweit bekannt, keine nachteiligen Folgen, doch er scheint seine Träger vor einem gefährlichen Mikroorganismus geschützt zu haben. Manche Experten glauben, dass es der Pesterreger war, doch vermutlich ist der CCR5-Defekt schon viele tausend Jahre alt. Die Seuche, gegen die er schützte, muss verheerend gewütet haben, denn noch heute trägt jeder fünfte Europäer diese Mutation.

Dieses evolutionäre Erbe hat wohl auch dazu beigetragen, dass sich Aids in Europa nicht so massiv ausbreiten konnte wie andernorts. Denn zufällig sind Träger der CCR5-Defekts auch gegen HIV teilweise oder vollständig resistent. In Afrika dagegen kommt der Defekt praktisch nicht vor. Wird nicht bald ein Impfstoff gegen HIV gefunden, könnte sich auf dem Schwarzen Kontinent die Geschichte Europas wiederholen: millionenfaches Sterben, bis fast nur noch resistente Menschen übrig bleiben.

Am schnellsten aber scheint die Evolution beim menschlichsten aller Organe verlaufen zu sein. Am Gehirn, das zeigen Befunde des Forscherteams von Bruce Lahn von der Universität von Chicago, arbeitet die Evolution noch immer. Neue Versionen zweier Gene, die bei der Entwicklung der Hirnarchitektur eine Rolle spielen, sind nach diesen Erkenntnissen erst vor wenigen tausend Jahren entstanden und haben sich seither rasant verteilt. Zwar ist nicht sicher, welche Funktion die Gene ASPM und Microcephalin genau haben, angesichts ihrer weiten Verbreitung muss ein mächtiger selektiver Vorteil mit ihnen verbunden sein.

Durchaus denkbar also, dass das Gehirn in ferner Zukunft größer und noch leistungsfähiger sein wird als heute. Wie schnell die Natur das Denkorgan anschwellen lassen kann, zeigte ein berühmtes Experiment, das der Doktorand Anjen Chenn vor vier Jahren ebenfalls in Chicago durchführte. Als er Mäusen durch gentechnische Verfahren ein einziges zusätzliches Gen ins Erbgut einschleuste, schwoll die Hirnrinde der Tiere so gewaltig an, dass sie wie ein menschliches Gehirn walnussartige Falten warf, weil sonst nicht genug Platz im Schädel gewesen wäre.

Bislang verhinderte ein "Nadelöhr" beim Menschen weiteres Hirnwachstum: Ab einer gewissen Schädelgröße passen Babys einfach nicht mehr durchs mütterliche Becken. Früher starben solche Säuglinge (und meist auch die Mutter), heute gibt es den Kaiserschnitt - einer Weiterentwicklung steht also nichts mehr im Weg.

Es ist gut möglich, dass der Mensch sich künftig nicht mehr auf den langsamen Mechanismus der Evolution verlässt, sondern das Aufrüsten seines Körpers selbst in die Hand nimmt - per Genmanipulation. Noch sind die Forscher nicht so weit, dass sie eine "Erbgutverbesserung" guten Gewissens ausprobieren könnten. Zu komplex ist das Zusammenspiel der Erbanlagen. Gerade Intelligenz und Psyche werden offenbar von Hunderten von Genen gesteuert. Zu forsche Eingriffe könnten fatale Folgen haben.

Doch die gentechnische Weiterentwicklung des Menschen wird kein Traum bleiben . Als Erstes werden Wissenschaftler womöglich unsere Lebensspanne verlängern. In den Versuchslabors tummelt sich schon seit Jahren ein Zoo gentechnischer Methusalems - Hefen, Fruchtfliegen, Würmer und Mäuse, die weit länger leben, als die Natur es vorsieht. Kaum ein Altersforscher bezweifelt noch, dass auf diese Weise auch Menschen älter werden können.

Die Sinne zu schärfen wäre vielleicht ein erstes Experimentierfeld für die technische Verbesserung des Menschen. Schon heute kommt eines von 3000 Neugeborenen mit einer seltsamen Fähigkeit zur Welt: Synästhesie. Solche Menschen sehen Geräusche oder Gerüche als Farben oder Muster. Andere hören, was sie sehen, oder spüren, was sie schmecken. Synästhetiker sind ideale Kandidaten für künstliche Sinnesorgane: Detektoren für Magnetfelder etwa oder für infrarotes Licht. Wie würde die Welt aussehen, wenn die Temperatur aller Dinge sichtbar wäre?

Schon jetzt arbeiten Forscher an der Verbindung von Nervenzellen und Mikrochips. Werden die Menschen der Zukunft ihre Stimmungen über Hirnimplantate steuern? Mit elektronischen Implantaten können bereits heute Schwerstdepressive behandelt werden. Die Sonden werden in einer Hirnoperation millimetergenau eingepflanzt und steuern dann die elektrische Aktivität der verantwortlichen Nervennetze. Auch Menschen mit schweren Zwangsneurosen können die Hirnchirurgen so von ihrem Leiden weitgehend befreien.

Sogar Hirn und Computer beginnen die Wissenschaftler zu verbinden: Neurologen am Massachusetts General Hospital in Boston haben bei einem vom Hals abwärts gelähmten Patienten ein System namens Braingate in den motorischen Cortex des Hirns eingepflanzt. Der Mann kann nun - nur durch Gedankenkraft - den Cursor seines Computers bewegen, E-Mails öffnen, PC-Spiele bedienen und sogar einen Roboterarm bewegen. Noch wird Braingate nur an gelähmten Patienten getestet, doch die Menschen der Zukunft werden vielleicht ihre Hi-Fi-Geräte, Computer und Telefone nur mit Nervensignalen bedienen. Das Gehirn wird zum dritten Arm.

Solche futuristischen Möglichkeiten, meint der Anthropologe Hublin, würden auf Dauer zu verlockend sein. Das Projekt Menschenverbesserung werde früher oder später in Angriff genommen. "Die Frage ist nicht, ob, sondern wann."