Alle paar Monate herrscht Ebbe in den deutschen Blutbanken. Wenn im Sommer und nach Weihnachten die treuen Spender im Urlaub sind, sitzen die Blutspendedienste vorübergehend auf dem Trockenen. Dann brechen sie ihre Reserven an und richten dramatische Appelle an die Öffentlichkeit. Rund 4,8 Millionen Konserven benötigen sie pro Jahr, mehr als 13.000 am Tag.

Noch können die Spender den Bedarf insgesamt zwar decken. Doch das wird sich ändern. "Wenn wir die demografische Entwicklung betrachten: In 15 oder 20 Jahren wird das anders aussehen", sagt Franz Weinauer, der ärztliche Direktor des bayerischen Rotkreuz-Blutspendedienstes.

Wenn es nach dem US-Mediziner Robert Winslow geht, wird man in einigen Jahren mit viel weniger Spenden auskommen. "Eines Tages wird künstliches Blut zur Verfügung stehen", verspricht er, "es wird sicher und zu einem vernünftigen Preis verfügbar sein."

Höchste Zeit, denn allen Aufrufen zum Trotz stagniert die Bereitschaft zur Blutspende weltweit. Gleichzeitig steigt der Bedarf: Es wächst die Zahl der älteren Patienten, die unter dem Messer der Chirurgen landen, und sie benötigen mehr Fremdblut als die Jüngeren.

In den USA ist dieser Effekt schon deutlich zu spüren. Dort wächst der Durst der Kliniken Jahr für Jahr um etwa ein Prozent, ohne dass die Spendenbereitschaft mithalten könnte. Der Preis für Blutprodukte hat drastisch angezogen, er liegt zum Teil dreimal so hoch wie in Deutschland.

Winslow glaubt, eine Lösung des Problems zu kennen. Seit mehr als 20 Jahren sucht er nach einer Substanz, die wenigstens vorübergehend Spenderblut ersetzt. Ursprünglich forschte er im Auftrag der Armee, inzwischen hat er eine eigene Firma. Es geht um ein Milliardengeschäft. Künstliches Blut, das nachweislich so sicher ist wie heutige Blutkonserven, das wäre eine Lizenz zum Gelddrucken.

Einem künstlichen Ersatz wird vermutlich nie gelingen, alle Funktionen von Blut zu übernehmen - nicht umsonst verstehen es Ärzte nicht nur als Körperflüssigkeit, sondern als ganzes Organ. Doch für die Patienten wäre viel gewonnen, wenn ein Ersatzstoff zumindest den Job der roten Blutkörperchen übernehmen könnte: den Sauerstofftransport von der Lunge durch den Körper.