Erst seit Ende der 80er Jahre erkennen die Wissenschaftler, dass Rituale auch in modernen Gesellschaften eine zentrale Rolle spielen - man hatte sie nur übersehen, weil sie sich im Alltag verbergen.

Rituale machen das Zusammenleben überhaupt erst möglich. Schon beim Begrüßen ist es hilfreich, wenn man weiß, was zu tun ist: Wangenküsschen in Frankreich, Händeschütteln in Deutschland oder Smalltalk übers Wetter in England. Und auch der kurze Kuss zwischen Liebenden, bevor sie schlafen gehen, hat eine tiefere Bedeutung, als lediglich Zärtlichkeit zu vermitteln. "Häufig werden diese Rituale erst dann bewusst vermisst, wenn sie einmal vergessen oder im Streit nicht vollzogen werden", schreibt Lorelies Singerhoff in ihrem soeben erschienenen Buch Rituale (mvg Verlag). "Die Macht der Alltagsrituale liegt darin, dass sie sich unendlich geschickt anpassen", sagt der Anthropologe Christoph Wulf.

Rituale können dem Kalender folgen, wie Weihnachten oder das Sonnenwendfest. Sie können als rites des passages Übergänge in neue Lebensphasen markieren, etwa zu Geburt, Mannbarkeit, Hochzeit und Begräbnis. Wenn kleine Kinder am ersten Schultag mit ihrer Schultüte nach Hause gehen, tragen sie das weithin sichtbare Zeichen für einen neuen, wichtigen Lebensabschnitt vor sich her.

Rituale können aber auch ereignisbezogen stattfinden und sogar helfen, Krisen zu bewältigen. Ein Begräbnis läuft nach einem seit Generationen gleichen Ritus ab und bietet den Hinterbliebenen eine stabile Struktur, an der sie sich in ihrer Trauer festhalten können und innerhalb deren sie Abschied nehmen können.

Der neue Mitarbeiter wird mit einer Einstandsfeier in die Gemeinschaft des Betriebs aufgenommen. Und wenn das Kind zu Beginn jedes Mittagessens mit den Eltern kräht: "Piep, piep, piep, wir hab'n uns alle lieb. Piep, piep, piep: guten Appetit", dann hat auch das eine Bedeutung. Das Kind vergewissert sich, dass die Familie fortbesteht und sich damit die Welt weiter dreht. An keinem anderen Ort werde ein Mensch so stark sozialisiert wie am Tisch, schreibt Lorelies Singerhoff. "Essensrituale zielen auf korrektes gemeinsames Handeln, das für alle verbindlich ist."