Christoph Wulfs These lautet: "Ohne Rituale wäre Gemeinschaft nicht möglich."

Das gilt selbst im Badezimmer. "Zähneputzen ist nicht immer nur Saubermachen, sondern auch ein Reinigungsritual, wie man es aus vielen Kulturen auch im religiösen Bereich kennt", sagt Wulf. Gerade Kinder putzen sich exzessiv und mit viel Selbstdarstellung die Zähne. Sie zelebrieren so den Übergang vom Tag zur Nacht. "Eigentlich ist das leicht zu erkennen", sagt der Anthropologe. "Man muss nur bereit sein, eine soziale Handlung oder eine Körperbewegung als ein Zeichen zu sehen, das auch etwas anderes bedeuten kann. Dann lässt sich die Welt wie ein Text lesen. Zwischen den Zeilen sind Botschaften versteckt."

Rituale bringen durch ihre Festlegung und Wiederholung einen vertrauen- erweckenden, beruhigenden Hintergrund ins Leben, hat Singerhoff festgestellt. Kindern, denen jeder Tag eine Fülle von Neuigkeiten bringt, gibt es ein Gefühl der Sicherheit, wenn sich manche Dinge nicht ändern: Jeder Abend muss vom Vorlesen der Gutenachtgeschichte bis zur exakten Reihenfolge Kuss - Zudecken - Licht aus genau gleich ablaufen. Und wehe, wenn der Babysitter dieses Ritual nicht kennt!

"Gerade in Zeiten sozialer Unsicherheit gibt es wieder ein erhöhtes Bedürfnis nach Ritualen", das beobachtet Christoph Wulf auch bei Erwachsenen. "Außerdem erleben wir heute eine Ausdifferenzierung der Gesellschaft in viele heterogene Gruppen, die jeweils ihre eigenen rituellen Formen entwickeln, mit denen sie Inklusion und Exklusion beschreiben." Mit ihrem ausgeklügelt choreografierten Handschlag demonstriert eine Jugendgang allen Außenstehenden nicht nur, wie cool sie ist, sondern vor allem: "Ihr gehört bei uns nicht dazu."

Rituale können auch helfen, Konflikte zu bewältigen. Kathrin Audehm beobachtete eine Zeit lang die alleinerziehende Susanne Maier und ihre zwölfjährige Tocher Dorothea bei Mittag- und Abendessen. Die Mutter legt Wert auf salzarmes Essen, der Tochter schmeckt es dann immer zu fade. Intuitiv haben die beiden ein sich täglich wiederholendes Ritual entwickelt: Die Mutter vergisst bei jeder Mahlzeit, Salz auf den Tisch zu stellen. Wenn sie fragt: "Schmeckt es?", antwortet Dorothea mit "Ja", bemängelt aber das fehlende Salz. Zu viel Salz sei ungesund, erklärt daraufhin die Mutter, erlaubt der Tochter aber trotzdem, den Salzstreuer zu holen.

Die beiden finden in einem sozialen Theater zusammen, ohne ihre Positionen aufzugeben. Vor allem die Mutter rette die Gemeinschaft, "indem sie trotz Differenzen den Geschmack ihrer Tochter akzeptiert", erklärt Audehm. Umgekehrt kann ein Ritual aber auch die Autorität eines Familienmitgliedes verdeutlichen: Obwohl alle drei Kinder der Familie Zobel Milch trinken, steht ausgerechnet die Kaffeekanne mitten auf dem Tisch, und nur der Vater fasst sie an - ein Zeichen für seine Autorität.