"Das Schöne an den Ritualen ist, dass man nicht an sie glauben muss", sagt der Indologe Axel Michaels, Sprecher des Sonderforschungsbereichs Ritualdynamik an der Universität Heidelberg, "man muss sie einfach nur machen." Deshalb ist es auch für viele ungläubige Jugendliche selbstverständlich, zur Konfirmation oder zur Firmung zu gehen. "Auch bei einer Hochzeit müssen die Eheleute nicht an die ewige Liebe glauben, damit das Ritual gültig ist."

Der französische Ethnologe Christian Bromberger sieht selbst im allwöchentlichen Besuch eines Fußballstadions ein gemeinsames Erleben, das die "Kontinuität des kollektiven Bewusstseins" sichert.

So tief ist das rituelle Bedürfnis des Menschen, dass manche Wissenschaftler sogar einen biologischen Hintergrund vermuten. Der angesehene Züricher Altphilologe Walter Burkert etwa spekuliert über Analogien zum Tierreich: Wenn beispielsweise eine Eidechse einem Verfolger ihren Schwanz opfert, erkennt Burkert darin ein "Teil-Opfer um des Überlebens willen, in einer Situation von Verfolgung, Gefahr und Angst", ähnlich einem Reisenden in Afrika, der während einer Bootsfahrt in einen Sturm geriet. "Da begann der wohlhabende Passagier, Dollarnoten in die aufgewühlten Wellen zu werfen." Der ängstliche Mann habe in magischer Absicht das Eidechsen-Schema übernommen.

Menschen brauchen Rituale, das zeigte sich umso deutlicher, nachdem die 68er in Westdeutschland erfolgreich gegen Traditionen und Bräuche aufbegehrt hatten. Nach Abschaffung der Talare wurden Diplomzeugnisse und Promotionsurkunden einfach mit der Post zugestellt. Das war zwar antielitär, aber unpersönlich. Und so begingen im Juli 2005 erstmals wieder 700 Studenten der Universität Bonn in Talar und Barett auf der Hofgartenwiese feierlich ihre Abschlussfeier. Und wer kennt nicht die Geschichten von befreundeten Paaren, die trotz aller religiöser Skepsis in der Kirche heiraten? "Weil's so feierlich ist!"