"Die Kraft der Rituale zeigt sich besonders deutlich in den Kulturen des Rausches", sagt Henrik Jungaberle, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Medizinische Psychologie der Universität Heidelberg. "Warum führt der Drogenkonsum manche Menschen in die Verelendung, während andere Gelegenheits- oder Feierabendkonsumenten bleiben, die ein ganz normales, bürgerliches Leben führen?" Jungaberles Hypothese zufolge regulieren Rituale den Drogenkonsum.

Zehn Jahre lang werden er und seine Kollegen die Anhänger der auch in Deutschland wirkenden synkretistischen Santo-Daime-Kirche aus Brasilien erforschen, die den Genuss von Ayahuasca in das Zentrum ihres Kultes gestellt hat. Obwohl Ayahuasca als eines der stärksten Halluzinogene überhaupt gilt und schwerste Nebenwirkungen entfalten kann, landen seine Konsumenten selten in Drogenkliniken. Ein Grund könnte sein, vermutet Jungaberle, dass die typische Ayahuasca-Session streng ritualisiert in einer Gruppe abläuft.

Die Ergebnisse der Heidelberger Studie könnten helfen, die regulierende Kraft der Rituale auch für den Umgang mit anderen Drogen zu nutzen. "Rauscherlebnisse zu kultivieren, statt sie auszugrenzen, sollte im Interesse aufgeklärter Gesellschaften sein", sagt Jungaberle. "Und dafür brauchen wir Rituale."

"Kirchliche Rituale und politische Zeremonien können auch Demonstrationen von Macht sein", analysiert Lorelies Singerhoff in ihrem Buch. "Sie wirken dadurch, dass sie ihre Zuschauer emotional anrühren und in ihren Bann ziehen. Die an rituellen Handlungen teilnehmenden Menschen glauben an die Notwendigkeit und die Funktion der Rituale und erzeugen auch durch ihren Glauben deren Wirkungen."

Rituale können überdies Menschen helfen, in der Gesellschaft zu bestehen. Sie halten die Gemeinschaft zusammen, müssen sich aber den Zeitläuften anpassen. Nur wenige Riten überstehen die Jahrhunderte einigermaßen unverändert wie das beispielsweise die Zeremonien der katholischen Kirche geschafft haben.

"Rituale gehen eine Zeit lang gut, werden dann aber immer wieder infrage gestellt", sagt der Indologe Axel Michaels. Sie können hohl werden, wenn wie im Wahlkampf nur noch Phrasen gedroschen werden. Sie können die Verhältnisse zementieren, wenn wie früher in Irland zu jeder Demo rituell eine Gegendemo aufgefahren wird. Sie können aber auch etwas in Bewegung bringen. Man denke nur an die Lichterkette, die 1992 erstmals auf einer Demonstration gegen Ausländerfeindlichkeit und Rechtsradikalismus in München gebildet wurde, sagt Michaels. "Die gehört mittlerweile auf fast jede Demo."

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