Ein E-Mail-Anschluss genügte, um zu spüren, dass sich draußen in der Welt etwas zusammenbraute: Immer häufiger blieben im Spätherbst 2005 neben Viagra-Mails auch Angebote mit der Betreffzeile "Tamiflu" im Spam-Filter hängen.

Die aufdringlichen Werbebotschaften priesen ein Grippemedikament an, das noch vor wenigen Jahren mangels Erfolg fast vom Markt genommen worden war. Nun setzten plötzlich Hamsterkäufe ein. Wer einen Arzt in der Verwandtschaft hatte, ließ sich ein Tamiflu-Rezept ausstellen. Unternehmen horteten Vorräte für ihre Belegschaft im Tresor. Regierungen orderten die Pillenpackungen palettenweise. EBay musste Versteigerungen beenden, weil Privatpersonen nicht mit verschreibungspflichtigen Arzneien handeln dürfen. "So kriegen Sie noch Tamiflu", titelte Bild im Januar.

Es hatte sich schnell herumgesprochen: Tamiflu ist das Medikament, das vielleicht auch den Vogelgrippe-Erreger H5N1 in Schach halten kann. Und von der Vogelgrippe durfte man im vergangenen Winter annehmen, dass sie die Menschheit bedroht, noch mehr als Supervulkane, Asteroiden und Osama bin Laden.

Dann wurde es stiller um H5N1, aber auch darin ähnelt er nur einem terroristischen Schläfer. Im Sommer habe sich der Erreger "in irgendwelchen Wildvögeln" versteckt gehalten, vermutet Thomas Mettenleiter vom Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit (siehe Interview). Mit dem Herbst und dem Vogelzug werden die Viren zurückkehren und mit ihnen die Schlagzeilen. Bilder von Menschen in Schutzanzügen, die Schwäne in Plastiktüten stopfen. Interviews mit Seuchenexperten. Auch die Angst wird wiederkehren.

Nur eines wird diesmal anders sein: Tamiflu ist im Überfluss vorhanden. Innerhalb von nur zwei Jahren hat der Schweizer Pharmakonzern Roche seine Produktionskapazitäten nahezu verachtfacht: von 55 Millionen Packungen im Jahr 2005 auf voraussichtlich 400 Millionen bis Anfang 2007.

Roche selbst hatte diese Steigerung noch vor gut einem Jahr praktisch ausgeschlossen. Was zwischen dem totalen Tamiflu-Ausverkauf und der erstaunlichen Vermehrung passiert ist, kann man also getrost als das "Wunder von Basel" bezeichnen.

Denn Tamiflu herstellen ist nicht wie Brot backen. Einer der rund ein Dutzend Prozessschritte ist hoch explosiv. Werden dabei zu viele Chemikalien auf einmal angerührt, kann eine ganze Fabrik in die Luft fliegen. Deshalb muss eine Tonne des Zwischenprodukts Epoxid vorübergehend in tausend Einheiten von wenigen Kilogramm aufgeteilt werden (siehe Grafik auf den folgenden Seiten).