Fast ist es zu spät, als ich den Fauxpas bemerke. Beinahe wäre ich achtlos an meinem Chef vorbeigegangen. Dabei hätte ich auf der Hut sein müssen: Die langen Gänge des Verlagsgebäudes sind voll mit Fremden, die einander freundlich grüßen. Mit dem üblichen Hallo will auch ich vorbei an einem dunkelhaarigen Mittdreißiger, doch irgendwas ist anders. Alter und Statur stimmen - ist das nicht mein neuer Chefredakteur? Der Mann, mit dem ich mich schon zweimal unterhalten habe? Für den ich gerade Hunderte Bahnkilometer zurückgelegt habe?

So vertraut wie das Blut, das mir ins Gesicht schießt, so routiniert ist das Rettungsmanöver. Scharf bremsen, stehen bleiben, ein freundliches Lächeln aufsetzen und auf allen Kanälen funken: "Hallo, du Unbekannter, ich kenne dich. Schön, dich wiederzusehen!" Weil ich mir aber doch nicht ganz sicher bin, eile ich schnell weiter zum Konferenzraum. Kurz darauf eröffnet der nette Mann die Sitzung.

Das Seltsame an dieser Geschichte ist, dass mir 33 Jahre lang nicht in den Sinn gekommen ist, etwas daran könnte nicht normal sein. Verträumt? Vertrottelt? Vielleicht. Aber ein Schaden im Oberstübchen, eine Schraube locker? Niemals.

Erst vor drei Jahren kommt die Erkenntnis. Damals lese ich in einer Zeitschrift einen Bericht über neue Forschungsergebnisse: Menschen erkennen einander auch in riesigen Massen mühelos an ihren Gesichtern. Ganz automatisch. Sie müssen sich dabei nicht einmal besonders für einander interessieren. Sie grüßen ihre Nachbarn, erkennen auf Partys flüchtige Bekannte. Nur ab und zu steht ein Sonderling daneben. Einer, der vielleicht schüchtern erscheint, tiefsinnig oder sogar arrogant. Einer, dem in Wirklichkeit ein simples Primatentalent fehlt - die Fähigkeit, Gesichter zu erkennen. Einer wie ich.

Gesichtsblindheit, von Fachleuten Prosopagnosie genannt, ist eigentlich lange bekannt. Immer wieder wird von Fällen berichtet, in denen Menschen nach einem Unfall oder Schlaganfall die Augen öffnen und sich nicht mehr zurechtfinden, weil sie sich von Fremden umgeben glauben. Die Tragödien zeigen: Die anderen im sozialen Verband zu erkennen ist für das Augentier Mensch eine lebenswichtige Fähigkeit.

Schon kurz nach der Geburt heften Säuglinge ihre Blicke auf Gesichter - und beginnen mit dem Training. Nach wenigen Wochen erkennen sie das Gesicht der Mutter. Und nach neun Monaten sind sie wahre Spezialisten für Menschengesichter.

Wie das genau funktioniert, erforschen Kognitionspsychologen. Dank bildgebender Verfahren können sie dem Gehirn heute beim Denken zusehen. Als gesichert gilt inzwischen, dass ein Bereich einer bestimmten Großhirnwindung im unteren Schläfen- und Hinterhauptlappen, die Fusiform Face Area (FFA), besonders aktiv ist, wenn Menschen Gesichter wahrnehmen. Heftig umstritten ist allerdings, ob das erbsengroße Areal nur auf Gesichter reagiert oder auf alle Objekte, für die Menschen eine besondere Expertise entwickeln - etwa auch auf Autos oder Vögel.