Jedes Medikament wird vor der Markteinführung in klinischen Studien aufwändig getestet. Eigentlich sollten danach böse Überraschungen ausgeschlossen sein. Aber bei jedem vierten bis fünften Medikament, so das Ergebnis einer jüngst im Fachblatt "Archives of Internal Medicine" veröffentlichten Studie, treten noch nach der Zulassung plötzlich schwere Probleme auf, manche Präparate müssen sogar vom Markt genommen werden. Manchmal passiert das schnell, mitunter aber auch erst nach mehr als 20 Jahren. Ein paar Beispiele für Risiken und Nebenwirkungen, mit denen auch Ihr Arzt oder Apotheker nicht gerechnet hätte.

Zocken, bis der Arzt kommt

Dass sie mit Mitte fünfzig noch das Zocken anfangen würde, hätte Mary Higgins wohl selbst nicht geglaubt. Ihr Leben lang hatte die mehrfache Mutter mit Kasinos und Glücksspiel nichts am Hut. Doch wenige Jahre nachdem sie an Parkinson erkrankt ist, packt sie auf einmal die Sucht: Wann immer sie in den Supermarkt geht, kauft sie stapelweise Glückslose; sobald sie ein Kasino erblickt, treibt es sie hinein. Innerhalb weniger Monate verpulvert sie mehr als 100 000 US-Dollar - und treibt so die gesamte Familie in den Ruin. Doch selbst als Mann und Kinder sie verlassen, kann sie das neue Laster nicht ablegen.

Auch Peter Stewart erkennt sich seit kurzem kaum noch wieder. Neuerdings ziehen den Parkinson-Kranken nicht nur Spielshows im Fernsehen und im Internet magisch an, mit denen er schon mehrere tausend Dollar verjubelt hat. Auf einmal mutiert der Büroangestellte und brave Familienvater, der jahrelang mit einmal Sex pro Woche zufrieden war, auch zum Lustmolch: Gleich mehrmals am Tag überfällt es ihn, er giert nach Pornos und Affären. Sehr zum Leidwesen seiner Frau, der das frühere Liebespensum durchaus reichte.

Bedrohlicher sind die Attacken, die Stephen Hall in jüngster Zeit überfallen. Auch er nimmt seit einigen Monaten ein neues Mittel, um das durch einen Mangel des Hirnbotenstoffs Dopamin ausgelöste Zittern und Schütteln seiner Arme und Beine zu stoppen. Die Therapie mit dem Medikament Sifrol, welches das körpereigene Dopamin imitiert, schlägt auch an. Doch seit er die Pillen schluckt, schäft er immer wieder mitten am Tag von einer Sekunde auf die andere ein. Ob beim Essen, Trinken, Sprechen, Schreiben oder Autofahren - zu keiner Zeit des Tages kann sich Hall sicher sein, dass er nicht plötzlich einnickt - und womöglich einen Unfall baut.

Dass Sifrol die Patienten in die Spielsucht treiben kann, entdeckten der Neurologe Eric Ahlskog und die Psychiaterin Leann Dodd von der Mayo Clinic in Rochester bei Routine-Untersuchungen von Parkinson-Patienten. Sie fanden gleich elf Patienten, die kurz nach Beginn der Therapie mit Sifrol plötzlich anfingen, unbeherrscht zu spielen, obwohl alle zuvor nur gelegentlich oder gar nicht gespielt hatten. Sechs der Patienten wurden gleich von mehreren Zwängen heimgesucht. Die einen waren plötzlich scharf auf Sex, andere entwickelten einen Kaufzwang, begannen große Mengen Alkohol in sich hineinzuschütten oder so eifrig zu futtern, dass sie in ein paar Monaten mehr als 20 Kilo zunahmen.

Als Dodd und Ahlskog die Dosis von Sifrol bei einigen der Patienten reduzierten oder das Mittel sogar ganz absetzten, war der Spuk innerhalb von drei Monaten bei allen Probanden so gut wie vorüber. Bei einem Patienten zeigte sich die Veränderung besonders drastisch - innerhalb von zwei Tagen war er von seiner Spielsucht geheilt. Die Rückkehr zu seinem alten Wesen, berichtete er seinen Ärzten, "war wie ein Schalter, der umgelegt wird".

Warum vor allem Sifrol das Gehirn zum Exzess treiben kann, ist noch unklar. Vieles spricht dafür, dass der Wirkstoff Pramipexol auch das körpereigene Belohnungssystem im Kopf stimuliert - oder, bei etwa 1,5 Prozent der Patienten, überstimuliert. Und dann kann sich das Verhalten drastisch ändern: Was vorher unattraktiv war, macht auf einmal Spaß und verlangt nach mehr.

Auf ihren Beipackzetteln weisen die Hersteller inzwischen zumindest auf einige Nebenwirkungen hin. Die Schlafattacken werden erwähnt sowie "Störungen des sexuellen Verlangens (Zu- oder Abnahme)" - von möglicher Spielsucht ist noch immer keine Rede.

Tote Hose

Wann es anfing aufzuhören, daran kann sich Sören Petersen nicht mehr genau erinnern. Irgendwann in den 80er Jahren jedenfalls erlebt er das, wovor sich wohl jeder Mann im Innersten fürchtet: Als er mit seiner Frau Sex haben will, geht auf einmal gar nichts mehr. Nie zuvor hat der Ingenieur im Bett "versagt". Erektionsstörungen und Impotenz - das waren für ihn bislang Probleme, die andere haben, aber nicht er selbst.

Doch seitdem sein Arzt beim jährlichen Check-up erhöhte Blutfettwerte festgestellt und ihm daraufhin einen Cholesterinsenker verschrieben hat, ist alles anders. Im Laufe des folgenden Jahres werden seine Erektionen immer seltener und immer schwächer. Mal klappt es mit dem Sex, mal wieder nicht. Der Trend ist klar: Mit seiner Manneskraft geht es stetig bergab. Als er seinen Arzt auf einen möglichen Zusammenhang mit dem neuen Mittel anspricht, wiegelt der ab. Das eine habe mit dem anderen nichts zu tun. Vielleicht liegt es ja an der Frau?

Dabei ist es längst kein Geheimnis mehr: Nicht nur Cholesterinsenker, sondern auch viele andere verbreitete Medikamente wie Betablocker, Antidepressiva oder Blutdrucksenker kosten den Mann heute Stehkraft, Libido oder beides. Wie viele es genau sind, weiß bis heute niemand genau. Eine Studie der Uni Köln aus dem Jahr 1998 schätzt, dass rund eine Million Männer in Deutschland von Potenzstörungen durch Medikamente betroffen sind.

"Das Teuflische daran ist", sagt Bernhard Behrens von der Selbsthilfegruppe Erektile Dysfunktion, "dass die Betroffenen die Symptome in der Regel nicht mit dem Beginn der Therapie in Zusammenhang bringen." Denn meist streikt das männliche Geschlechtsteil nicht von einem Tag auf den anderen. Vielmehr schwindet die Potenz in der Regel über Wochen oder Monate langsam hinweg. Sei es, weil dem Körper durch die Wirkung der modernen Statine kaum noch Cholesterin zur Bildung von Testosteron zur Verfügung steht. Oder aber, weil die Durchblutung des Schwellkörpers aufgrund eines Betablockers so gedrosselt ist, dass sie nicht mehr ausreicht, um den Penis vollständig aufzurichten.