Er trägt sein Haar wie Bernd Schuster vor 30 Jahren. Mit reklametauglicher Jugendlichkeit und Spannkraft joggt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt zu verletzten Kickern auf den Fußballplatz. Und auch sonst sind die Jahre offenbar spurlos an dem 64-jährigen Mannschaftsarzt der DFB- und Bayern-Elf vorübergegangen. Ein bestechendes Argument für sein hauseigenes Wundermittel, den Antioxidantien-Cocktail "oxano"?

Auch Forscher wie Lester Packer von der University of California in Berkeley schwören auf den angeblichen Rundumschutz. Die richtige Mischung von Antioxidantien verjünge das Herz, stärke das Immunsystem, maximiere die Gehirnleistung und kehre den Alterungsprozess um, verspricht Packer in seinem Buch The Antioxidant Miracle . In Apotheken und Supermärkten verkauft sich die Hoffnung in Kapseln ohnehin prächtig. Immer mehr Produkten werden die billig herzustellenden Allerweltsstoffe beigemischt, darunter ACE-Fruchtsäfte, Tiefkühlgemüse und Anti-Aging-Cremes.

Doch allmählich erhärtet sich der Verdacht, dass die vermeintlichen Allheilmittel im besten Falle nichts bewirken, im schlimmsten Falle gar gesundheitsschädlich sind. Und: Sind die freien Radikale, gegen die die Antioxidantien wirken sollen, vielleicht sogar zu Unrecht in Verruf geraten? Expertenmeinungen prallen aufeinander, eine Branche fürchtet um Umsätze in Millionenhöhe: Allein die Deutschen geben pro Jahr 500 Millionen Euro für A-, C- und E-Vitamin-Pillen aus.

Die Geschichte begann in den 50er Jahren. Damals entdeckten Forscher bei vielen chronischen Krankheiten wie Gefäßverkalkung, grauem Star, Arthritis und Alzheimer, dass sie durch freie Radikale verursacht worden waren. Das sind vor allem Sauerstoffatome und -moleküle, die auf der Suche nach einem zusätzlichen Elektron sind. Sie verfügen über eine ungewöhnlich starke Anziehungskraft, mit der sie Elektronen anderer Moleküle klauen – und diese zerstören können.

Zu den Opfern dieses Raubzugs gehören unter anderem Zellmembranen, Proteine und schlimmstenfalls die Erbsubstanz. Daher werden die freien Radikale oft auch für Krebs und vorzeitiges Altern verantwortlich gemacht. Die Opfermoleküle müssen ein Elektron abgeben – sie werden oxidiert, verlieren dadurch ihre Funktionstüchtigkeit, können sich vermehrt ablagern wie etwa oxidiertes Cholesterin an Arterienwänden oder werden selbst zum Radikal.