Von Nordkorea nach Bayern gibt es eine Abkürzung, einmal quer durch die Erdkugel. Am 9. Oktober nimmt eine seismische Welle diesen Weg. Elf Minuten nach ihrer Entstehung in Nordkorea, um 3.35 Uhr deutscher Zeit, lässt sie den Erdbebendetektor auf dem bayerischen Sulzberg erzittern. Die Jagd beginnt. © Chung Sung-Jun/Getty Images BILD

Als Manfred Henger morgens um sechs in Hannover sein Handy anschaltet, ist die SMS mit den Koordinaten schon da. Henger ist so etwas wie Deutschlands James Bond, der Mann für heikle Missionen. Er sieht sogar ein bisschen aus wie Sean Connery 1980. Seine Waffen sind andere, aber die Mission ist die gleiche: Finde die Atombombe. Die Zeit drängt.

Henger fährt seinen PC hoch und stürzt sich mit GoogleEarth auf die koreanische Halbinsel. Der Explosionsort liegt direkt neben einem Gelände, das Geheimdienste zuvor auf Satellitenfotos als möglichen Testort für Atomwaffen ausgemacht hatten. »Jetzt gehts los«, denkt Henger.

Fürs Zeitunglesen hat er an diesem Morgen keine Zeit. Mit seinem altersschwachen BMW rast er ins Büro. Gemeinsam mit seinen Kollegen studiert er die zappeligen Messkurven am Bildschirm. Um zehn informiert Henger das Auswärtige Amt: Explosion in Nordkorea mit einer Sprengkraft im Bereich von einer Kilotonne TNT, 41,334 Grad nördlicher Breite, 129,057 Grad östlicher Länge, plus/minus zehn Kilometer. Wahrscheinlich ein fehlgeschlagener Atomwaffentest.

Er wird Recht behalten. Andere Institute schätzen eine ähnliche Explosionsstärke. Eine Woche später entdeckt das amerikanische Militär radioaktive Atome aus einer nuklearen Kettenreaktion. Wegen der geringen Sprengkraft nehmen fast alle Experten einen Fehlschlag an. Kim Jong Il hat einen nuklearen Rohrkrepierer gezündet.

Für Die Welt ist der Atomtest Nordkoreas ein Albtraum, für Geowissenschaftler wie Manfred Henger irgendwie aber auch ein Glücksfall. Endlich können die Forscher ihr Überwachungssystem für den Atomwaffenteststoppvertrag erproben.

Henger ist Teil eines globalen Netzwerks von Seismologen, Chemikern und Physikern. Seit zehn Jahren überziehen sie den Globus im Auftrag der Vereinten Nationen mit hoch empfindlichen Messgeräten. Bald sollen 321 Sensoren rund um die Uhr Daten sammeln, rund 70 Prozent der Stationen sind fertig. Elf Unterwassermikrofone (Hydrofone) nehmen dann verdächtige Geräusche im Ozean auf, Erdbebendetektoren zwischen Spitzbergen und der Antarktis erzittern bei unterirdischen Explosionen, Dutzende Schallsensoren horchen auf Druckwellen von oberirdischen Atomwaffentests, und überdimensionale Staubsauger filtern radioaktive Partikel aus der Luft.