Die kleinste Forschungsabteilung des Weltkonzerns Procter & Gamble liegt auf halbem Weg nach Roseto, an der Landstraße 150 in den italienischen Abruzzen. Abends, wenn Tochter Daiane endlich schläft und Ehemann Alessandro auf dem Sofa mit der Eisbärendecke eingenickt ist, verwandelt Giorgia Sgargetta ihre Einbauküche in ein Labor. Sie schlüpft in einen Kittel, schiebt Olivenöl und Messerblock zur Seite und holt ihre Ausrüstung vom Speicher: ein paar Glaskolben, eine Präzisionswaage und die Flaschen mit den Chemikalien. Und dann löst sie Probleme, an denen die bestbezahlten Wissenschaftler in High-Tech-Labors bisher gescheitert sind. $35.000 … hat Ed Melcarek aus Kanada mit zwei Erfindungen verdient. Die erste Aufgabe war gelöst, noch ehe er sie zu Ende gelesen hatte: Wie bekommt man Fluoridpulver in eine Zahnpastatube, ohne dass es staubt? Foto: S. Nicholson BILD

Ihre Aufträge findet die 34-Jährige im Internet, auf der Seite der amerikanischen Firma Innocentive. Der Name ist eine Mischung aus innovation und incentive, Erfindung und Anreiz. Die Kunden sind Konzerne, deren Produktentwickler sich das Hirn zermartern und einige Probleme dennoch nicht lösen können. Wie sortiert man riesige Mengen Kartoffelchips der Größe nach, ohne sie zu zerbrechen? Wie macht man Tablettenverpackungen kindersicher? Irgendwann geben sie schließlich auf, veröffentlichen ihre Probleme samt Formeln auf der Innocentive-Website und loben ein Preisgeld aus, meist zwischen 10.000 und 100.000 Dollar. Seit November bietet ein Verein sogar eine Million für ein Mittel zur Früherkennung der tödlichen Nervensystemerkrankung ALS.

Lösungsvorschläge darf jeder einsenden, Hausfrauen und Universitätsprofessoren, Rentner und Erstsemesterstudenten. Rund 100.000 Freizeiterfinder aus 175 Ländern, im Innocentive-Slang »Solver« genannt, haben sich bereits registriert. Und mehr als zwei Millionen Dollar hat das Unternehmen bisher im Auftrag seiner Kunden, der »Seeker«, an die freien Mitarbeiter ausgezahlt. Von den Firmen verlangt Innocentive eine Jahresgebühr von 80.000 Dollar, für jede veröffentlichte Aufgabe ein paar tausend Dollar extra und bei Erfolg eine Provision von 80 bis 100 Prozent des Preisgeldes. Für die Kunden rechnet sich das: An einer Innocentive-Lösung verdienen sie im Schnitt 20-mal mehr, als sie dem Erfinder zahlen.

Die Idee zu diesem Geschäft hatte der Arzneimittelhersteller Eli Lilly, als er 2001 einen Ausweg aus einem Dilemma suchte, das die ganze Pharmabranche plagt: Einerseits explodieren die Entwicklungskosten für neue Medikamente, andererseits müssen die Unternehmen ihre Produktpaletten dauernd vergrößern, wollen sie im globalisierten Wettbewerb mithalten. Anstatt wie die Konkurrenz neue Labore in China oder Indien zu errichten, beschloss Eli Lilly, Teile seiner Forschung in Tausende Küchen, Hobby keller und WG-Zimmer auszulagern. Innocentive war geboren – und zugleich ein neuer Trend in der Industrieforschung: Nach Outsourcing, dem Verlegen von Labors in Billiglohnländer, kommt nun das »Crowdsourcing«, das Einbinden der Masse in den Innovationsprozess. Draußen vor den Werkstoren gibt es Millionen kluge Köpfe. Man muss sie nur zum Mitdenken bewegen.

Mittlerweile ist Innocentive unabhängig. Auf seiner Website entledigen sich rund 30 Konzerne, darunter Procter & Gamble, Dupont, Henkel und BASF, ihrer Probleme in den Kategorien Chemie und Biologie. Fast immer wollen sie anonym bleiben, aus Angst, die Konkurrenz könnte mitbekommen, was sie aushecken. So hatte auch Giorgia Sgargetta nicht die geringste Ahnung, für wen und an was für einem Produkt sie arbeitete, als sie sich vor drei Jahren an ihre erste Aufgabe machte. Sie wusste nur, dass sie ihr Job als Qualitätsmanagerin in einer Pflanzenschutzmittelfabrik unterforderte. Dass sie die Arbeit im Labor vermisste. Und dass sie im Netz von diesem Chemieproblem gelesen hatte, das ihr einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte.

»Meine Mutter hielt das Ganze für einen riesigen Internet-Schwindel, und mein Mann sagte: ›Du glaubst echt alles‹«, erinnert sich Sgargetta. Trotzdem zelebrierte sie über Wochen, was ihr so lange gefehlt hatte: Sie durchforstete Fachliteratur, stöberte in Datenbanken, hantierte mit durchsichtigen Flüssigkeiten. Sie mixte, schüttelte und ließ den Chemiecocktail auf dem Küchenherd brodeln, bis der Dampf durch das ganze Haus zog. Als sich das Gebräu dann eines Tages blau färbte, war das der Himmel auf Erden. Sie hatte es geschafft! Und als ein paar Wochen später 30.000 Dollar auf dem Kontoauszug erschienen, war endlich auch die Mama überzeugt. $45.000 … hat die Italienerin Giorgia Sgargetta bekommen. Ihre erste Aufgabe löste sie am Küchentisch. Sie erfand einen blauen Farbstoff, der die perfekte Dosis Spülmittel anzeigt und dreckiges Wasser sauber aussehen lässt. Foto: F.M. Aceto /Grazia Neri /Agentur Focus BILD

Nur durch Zufall erfuhr Sgargetta doch noch, in wessen Auftrag sie experimentiert hatte. Ein Bekannter fand im Internet ein Patent, das auf sie und ihre Entdeckung verweist: Offenbar hatte sie einen Farbstoff erfunden, der Spülwasser blau färbt, sobald man eine ausreichende Menge Spülmittel hineingeschüttet hat. Zugleich verhindert er, dass die Lauge nach einer Weile dreckig aussieht, obwohl sie eigentlich noch zum Reinigen taugt. Inhaber des Patents 60/615839 vom 4. Oktober 2004: Procter & Gamble aus Cincinnati, Ohio.