1. Welche neuen Kommunikationsformen kommen auf uns zu?

Die Revolution der deutschen Medienlandschaft begann am 1. April 1963. Das Zweite Deutsche Fernsehen ging auf Sendung. Nun hatte der Zuschauer die Wahl, später auch eine Fernbedienung. Aber konnte damals, vor 43 Jahren, jemand voraussehen, dass uns heute mehr als 500 Fernsehkanäle zur Verfügung stehen, dass wir uns mit E-Mails, Handys, DVD-Playern durch ein Meer elektronisch verfügbarer Information pflügen?

Absolut nicht. Genauso wenig sei es möglich, die Zukunft der Kommunikation bis ins Jahr 2050 zu ermitteln, sagt Lothar Mikos, Medienwissenschaftler an der Film- und Fernsehhochschule Potsdam-Babelsberg. "Schauen Sie sich nur den Siegeszug des iPod an. Vor zehn Jahren hätte niemand vorausgesagt, dass Menschen heute ihre Plattensammlungen in der Hemdtasche mit sich herumtragen." Verblüffend auch die Eile, mit der sich das schnieke Teil verbreitet hat. Die ersten iPods wurden Ende 2001 verkauft, mittlerweile hat Apple mehr als 60 Millionen Exemplare ausgeliefert. "An SMS hatte zuvor auch niemand gedacht", ergänzt Mikos. Der Service war als Nebenfunktion für Techniker gedacht, wurde aber von den Kunden zur wichtigsten Anwendung ihrer Handys umgewidmet.

Im Prinzip hat der skeptische Medienexperte Recht. Erstens, weil sich ausgerechnet die Zukunft der Digitaltechnik, auf der alle Kommunikationstechnik heute beruht, nur schwer vorhersagen lässt, und zweitens, weil die Kommunikation von der Kultur bestimmt wird – und deren Entwicklung hat sich bislang jeder Langzeitprognose entzogen. Ein paar Überlegungen lassen sich indes anstellen. Beginnen wir mit der Technik; jede Prognose über Kommunikation hängt von den Annahmen über die Technik ab.

Ausgangspunkt ist eine Vermutung von Gordon Moore, dem Mitbegründer der Chipfirma Intel. Vor gut 40 Jahren sagte er voraus, dass sich die Dichte elektronischer Schaltungen etwa alle 12 Monate verdoppeln werde. Dieses Mooresche Gesetz wurde in den folgenden Jahren immer wieder revidiert und neu formuliert. Es handelt sich natürlich um kein Gesetz, sondern um die Entwicklungspläne der Halbleiterindustrie. Sollten sich diese fortsetzen wie bisher, dann, so schreibt das amerikanische Unternehmen Montgomery Research, könnte im Jahre 2050 die Computerleistung sämtlicher heutiger Rechner der Firma Google in einem Kasten von der Größe eines Handys untergebracht werden.

Das Mooresche Gesetz bestimmt nicht nur die Rechenleistungen der Elektronik, sondern auch die Entwicklung der Speicherkapazitäten und Übertragungsraten. Fragt sich indes, wie lange es noch gelten wird. Die Halbleiterindustrie ist sich in der Prognose einig, dass die herkömmlichen, auf Laserlicht und Silizium beruhenden Methoden der Chipherstellung in wenigen Jahren an ihre Grenzen stoßen werden. In ihren Labors wird daher an neuen Schaltungen gearbeitet, die auf Biomolekülen, Nanomaterialien oder gar Vorgängen im subatomaren Bereich (Quantenphysik) beruhen. Ob es gelingt, mit ihrer Hilfe die Gültigkeit des Mooreschen Gesetzes in die Zukunft bis 2050 zu verlängern, davon hängt alle Entwicklung ab.

Und davon, was die Kultur mit der Technik macht. Digitaltechnik hat eine besondere Eigenschaft, sie lässt sich programmieren. Das wiederum bedeutet, dass ein und dieselbe Technik ganz unterschiedlich eingesetzt werden kann. Jene der Information und Kommunikation ist weitaus flexibler als jede andere; eine Dampfmaschine ist eine Dampfmaschine, aber ein Handy ist jetzt ein Telefon und sogleich ein Fernseher und nachher gar eine Spielkonsole. Was wird es in Zukunft alles sein?

Darüber werden die Nutzer entscheiden, ihre Lebensweisen, Vorlieben und Moden.

Anzunehmen ist, dass sich die Globalisierung fortsetzen wird und mit ihr die Flexibilisierung der Arbeit und der Übergang vieler Länder in die Phase der Wissensgesellschaft. Die weltweit vernetzte und pausenlose Verarbeitung von Information – also Senden, Empfangen, Bewerten, Speichern, Löschen – wird daher zu einer bestimmenden Tätigkeit für Milliarden von Menschen, in ihrer Arbeitszeit ebenso wie in ihrer Freizeit.

Die so genannte ARD/ZDF-Langzeitstudie, die jährlich erneuert wird, weist für die deutsche Bevölkerung im Jahr 2005 bereits einen durchschnittlichen täglichen Medienkonsum von 600 Minuten aus. Das sind zehn Stunden, gut anderthalb Stunden mehr als im Jahr 2000. Denkbar, dass im Jahre 2050 der Medienkonsum keine Pause mehr kennt und eine permanente Lebensvoraussetzung wie das Atmen geworden ist.

2. Wie telefonieren wir?

Im Jahr 2010 wird nach Ansicht der Prognosefirma Techcast jedes neue Telefon, das irgendwo auf der Welt verkauft wird, ein mobiles sein. Das ist in gut drei Jahren. Prognosen für die kommenden 44 Jahre existieren nicht.

Wir dürfen aber annehmen, dass auch im Jahr 2050 die Menschen technisch vermittelte Gespräche miteinander führen wollen. Die Phase, in der sie zu diesem Zweck ein Klötzchen ans Ohr halten müssen, wird jedoch längst vergessen sein. Kerstin Cuhls, die sich am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung mit Technikprognosen befasst, sieht in den heutigen Freisprechanlagen für Handys die Vorboten für das Verschwinden dieser Telefonapparate, die unsereins in der Hand halten muss und gelegentlich verbummelt. Vielleicht werden sie bald in die Bekleidung eingenäht.

Und was ist mit dem Bildtelefon, dessen Siegeszug regelmäßig vorhergesagt und dann doch wieder dementiert wird? Auf Bitten von ZEIT Wissen hat eine Arbeitsgruppe des Multimedia Communications Lab (KOM) der TU Darmstadt über die Zukunft der Bildtelefonie nachgedacht. Den Forschern zufolge wird es dabei bleiben, dass Gesten und Mimik von den meisten Telefonen nicht übertragen werden. Die Geschichte der Telefonie habe gezeigt, dass solche Informationen "für weite Bereiche der menschlichen Kommunikation nicht gebraucht werden oder sogar störend sind", sagt der Kommunikationsforscher Ralf Steinmetz. "Die Menschen haben für diese Situationen sehr effektive Gesprächsmuster entwickelt, die sicher nicht aufgegeben werden." Ähnlich sieht das die Fraunhofer-Forscherin Cuhls. Wer, etwa in Konferenzsituationen, Gesten und Mimik mitverfolgen wolle, dem erlaube das die Technik ja heute schon. Aber Kommunikation ist immer auch Preisgabe von Informationen, und die ist nicht stets in vollem Umfange gewünscht.

Das ist ein prägnantes Beispiel dafür, wie über die Zukunft der Kommunikation nachzudenken ist: Die Technik definiert den Raum der Möglichkeiten, doch was davon Wirklichkeit wird, bestimmt die Kultur.

3. Wird es noch SMS geben?

SMS ist ein einfaches Mittel, einem anderen Menschen Botschaften zuzusenden, auf die dieser nicht sofort reagieren muss. Das Interesse an derartigen Funktionen wird zunehmen, prognostiziert der Potsdamer Medienwissenschaftler Lothar Mikos: "Der Siegeszug der SMS ist mit dem Zeitdruck zu erklären, dem Zwang zum Zeitsparen. Sie benötigen für die Kommunikation keine Einleitung mehr und keine Schlussformel, sie müssen noch nicht einmal Ort und Zeit der Kommunikation vereinbaren. An die Stelle der traditionellen Ort- und Zeitstrukturen tritt die permanente Erreichbarkeit." Ein Trend, dessen Ende nicht abzusehen sei.

Allerdings sehen die Darmstädter KOM-Forscher eine größere Flexibilisierung derartiger Dienste voraus, etwa indem geschriebene Botschaften auch als Sprachbotschaften und gesprochene Nachrichten auch als Texte empfangen werden können. Briefe werden während des Autofahrens verfasst oder gehört. In aller Welt wird derzeit an sprachverarbeitenden Technologien gearbeitet, die solche Annehmlichkeiten erlauben sollen.

4. Werden Reiche in einer anderen Kommunikationswelt leben als Arme?

Zwar besitzen nach Angaben der Weltbank derzeit nur knapp 40 Prozent aller Einwohner der Entwicklungsländer ein Telefon, aber seit 1980 hat sich dieser Anteil immerhin verdreißigfacht.

Was ist da geschehen? Die Handys haben die Dritte Welt erobert. Ihre explosionsartige Verbreitung führt die Weltbank auf den großen Nutzen dieser Technik gerade für die Armen zurück. Sie erhöht die Mobilität, knüpft Handelsnetze und erleichtert die Arbeitssuche. Prepaid-Cards erlauben überdies, dass auch arme Haushalte die Technik nutzen, schreibt die Weltbank. Unter diesen Verhältnissen teilen sich oft mehrere Personen ein Mobiltelefon, es ist ein gemeinschaftlich genutztes Gebrauchsgut und nicht ein Teil der Privatsphäre wie hierzulande. Weiterer Vorteil: Seine Technik beruht nicht auf Kupferleitungen. Die werden in armen Ländern oft geklaut.

Billige Individualkommunikation ist ein wichtiger Baustein einer entwicklungspolitischen Strategie, die sich in den kommenden Jahren aller Wahrscheinlichkeit nach auszahlen wird. Erst recht, wenn drahtlose Computernetze die Welt umspannen und mittels Satellitenfunk und dezentral gewonnenem Solarstrom auch dorthin Rechenleistung und Bandbreite tragen werden, wo es bisher an Anschlüssen an die moderne Welt der Kommunikation mangelte. Vermutlich werden in 44 Jahren weitere Länder auch mit Hilfe dieser Technik aus dem Ghetto der Armut ausgebrochen sein.

5. Werden wir Zeitungen, Fernsehen, Internet, Telefon noch unterscheiden?

In den Ländern des Nordens und Westens wird binnen weniger Jahre jeder Haushalt über einen leistungsfähigen Netzzugang verfügen. Der Anteil der Internet-Nutzer an der Gruppe der Deutschen unter 50 Jahren ist schon jetzt größer als 80 Prozent; Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren sind zu mehr als 95 Prozent online. Alle Prognosen für die Zeit danach müssen damit beginnen, dass in den reichen Ländern im zweiten Jahrzehnt des Jahrhunderts jedermann online ist. Das Netz wird unterdessen zur Basis für sämtliche Kommunikationstechnologien. Noch ist Voice over IP, also das Telefonieren via Internet, die Ausnahme. Aber dieses VoIP entspricht einem kostensparenden Trend, den Robert Lloyd, ein führender Manager des Netzunternehmens Cisco, mit den Worten "ein Netz, viele Services und überall Zugang" beschreibt. Lloyd zufolge könnte dieser Zustand schon 2010 verwirklicht sein.

Zugleich spielen die bisherigen Medien Kostümwechsel, indem sie sich zeitweise ineinander verwandeln. Schon elf Prozent der Amerikaner benutzen ihr Handy, um Nachrichten abzufragen. Noch scheitern Anwendungen wie Handyfernsehen an technischen, organisatorischen und finanziellen Hürden, aber die beteiligten Branchen wittern Riesengewinne und bereiten eine Welt vor, in der kleine, tragbare Empfänger den Computern und Fernsehgeräten Konkurrenz machen. Und nicht nur ihnen. Der Beraterfirma PricewaterhouseCoopers zufolge wird sich die Zahl der Deutschen, die ihr Handy zum Laden und Abspielen von Musik nutzen, von neun Millionen aus dem Jahr 2005 auf 22 Millionen im Jahr 2010 erhöhen. Wenig später wird man zwischen Handys und iPods nicht mehr unterscheiden.

Mit der Mobilität gewinnt die Ortsgebundenheit von Daten an Bedeutung. Mit Hilfe von GPS und anderen Ortungssystemen wird es möglich, elektronische Informationen an bestimmte Orte zu knüpfen: Mein Aufenthaltsort wird zu einem Filter für die Informationen, die mich erreichen. Unter dem Stichwort location based services planen Medienhäuser Werbeformen und Dienstleistungen, die den bewegten Menschen jeweils dort erreichen, wo sie besonders attraktiv erscheinen, etwa die Speisekarte eines Restaurants in der Nähe der U-Bahnstation, die er soeben verlässt. Derartige Angebote werden zunächst auf Handys zu sehen sein, später vielleicht als augmented reality auf den Gläsern vernetzter Brillen oder als akustische Information, die sich in den Ohrhörer einschleicht.

Oder als sich verändernde Anzeige in einer vernetzten Zeitung, die mit der jetzigen Papierausgabe nur noch das Format und das Anfassgefühl (die "Haptik") gemein hat, in Wahrheit aber ein Internet-fähiger Computer ist. Die Schätzungen für den Zeitpunkt ihrer Markteinführung schwanken um das Jahr 2020, liegen also deutlich vor 2050. Ein solches Zusammenwachsen der Zeitungen mit dem Netz wird ihnen das Überleben sichern. Andere Medien werden ihre Funktion ändern, so wie es schon das Radio tat, auf dessen Sendungen sich die Hörer in den ersten Jahrzehnten seiner Existenz noch konzentrierten, während es heute für die meisten ein nebenher konsumiertes Angebot darstellt.

Kürzlich veröffentlichte der Medienforscher Douglas Ahlers von der Harvard University eine Studie, aus der hervorgeht, dass die Gruppe der erfahrenen Internet-User zu 47 Prozent Radio hört, während sie online ist. Ein Drittel sieht während des Netzsurfens fern, und 44 Prozent gaben an, dass sie typischerweise zugleich telefonieren, wenn sie im Internet sind. Nicht nur, dass die verschiedenen Kommunikationsmedien technisch zusammenwachsen, sie fügen sich also auch im Kommunikationsverhalten der Benutzer nahtlos ineinander.

So können wir uns die Zukunft der Kommunikation wie den Gang über einen Marktplatz vorstellen, der uns mit schriftlichen, visuellen und akustischen Signalen umfängt und einlädt, zu kaufen und zu verkaufen, zu arbeiten und uns zu erholen und uns lesend, sprechend oder mittels optischer Signale mit anderen Menschen einzulassen.

6. Werden virtuelle Welten wichtiger als der Rest der Welt sein?

Schon heute gründen Medienunternehmen Zeitungen, die nur virtuell existieren und für die Einwohner künstlicher Welten wie Second Life gedacht sind. Doch das sind Räume, die nur durch visuelle und akustische Signale aufgespannt sind; ihnen fehlen Gerüche, Temperaturen, Erschütterungen, Beschleunigungen, taktile Reize. In vielen Labors wird heute daran gearbeitet, virtuelle Welten mit alledem auszustatten, und auch daran, sie mit der Restwelt so zu verbinden, dass der Übergang zwischen dem Realen und dem Virtuellen unmerklich wird. Das wäre eine Möglichkeit, die heutige Trends fortsetzt und vor allem enorme Computerpower voraussetzt, also die fortdauernde Gültigkeit von Moores Gesetz.

Bis zum Jahr 2030 könnte nach Ansicht der britischen Medienwissenschaftlerin Sue Thomas das "Internet der Dinge" Wirklichkeit sein. Anknüpfend an eine Idee, die der Zukunftsforscher Alex Pang im Januar 2006 in seinem Weblog The End of Cyberspace publik machte, postuliert sie eine Welt, in der nicht bloß die Computer als Guckkästen in die Cyberwelt miteinander vernetzt sind, sondern so ziemlich alle Dinge unseres Alltags. Die Teekanne weiß dann, wo die Tassen stehen, das Buch ist erst ein Nietzsche und dann ein Marx, kennt aber auch die Links der beiden zu Hegel; die Bahnfahrkarte informiert über Verspätungen und Zuganschlüsse, und die Wäscheladung einigt sich ohne Zutun des Menschen mit der Waschmaschine auf dasjenige Waschmittel, das sich am besten eignet, ordert es und stellt die Maschine an. Oder so ähnlich. Jedenfalls umgäbe alle Dinge eine digitale Aura, die sich mit geeigneten Brillen oder anderen Instrumenten sichtbar machen ließe; das Schlagwort heißt ambient intelligence.

Diese umgebende Intelligenz verzaubert dann nicht nur die Dinge. Jeder Mensch könnte eine solche unsichtbare, nur mit Zugangscode sich enthüllende "digitale Blase" (wie der für die British Telecom arbeitende Zukunftsforscher Ian Pearson sie nennt) um sich errichten, die beispielsweise alle seine jemals verfassten Briefe oder Anträge, Steuererklärungen oder Bestellzettel enthielte – es sei denn natürlich, er möchte sie löschen.

Science-Fiction? Gewiss. Nur so gelangen wir in die Kommunikationswelt des Jahres 2050.

Der Computersoziologe Shanyang Zhao von der amerikanischen Temple University entwarf kürzlich eine Medienzukunft, in der "humanoide soziale Roboter" eine bedeutende Rolle spielen. Bis zur Mitte des Jahrhunderts könnte die Robotik so weit sein, dass sie dem Menschen eine Klasse künstlicher Diener zur Verfügung stellt. Eine ihrer Aufgaben mag darin bestehen, Inhalte zu sichten und für den menschlichen Herrn aufzubereiten. Zhao fragt: Müsste man diese Roboter dann nicht als Teil der Gesellschaft akzeptieren?

7. Wird man noch erkennen können, welche Kommunikationsinhalte echt und welche Fakes sind?

Schon heute verwischen automatisierte Service-Hotlines die Grenzen zwischen dem, was wir uns als natürlich oder künstlich vorstellen. Im Internet nehmen Menschen unterschiedliche Identitäten an, und Personen in virtuellen Spielwelten sind gelegentlich nur Computerprogramme. Der Begriff des Echten ist kulturell, und er wird immer wieder neu ausgehandelt.

Er wird vermutlich auch in näherer Zukunft die Authentizität des Absenders und die Integrität der Botschaft umfassen: Der Empfänger muss sich darauf verlassen können, dass der Inhalt einen ganz bestimmten Ursprung hat, und auch, dass er nicht von Dritten verändert wurde.

Interessanterweise verspricht die gleiche Quantenphysik, von der man sich die Fortdauer des Mooreschen Gesetzes erhofft, ein paar einfache Lösungen dieser Probleme. In der Welt der kleinsten Effekte nämlich hinterlässt sogar die reine Beobachtung eines Vorgangs ihre Spur. Es könnte daher sein, dass im Jahr 2050 Maschinen und Menschen in gleicher Weise an der Kommunikationswelt teilnehmen, aber dass alle stets wissen können, was von wem stammt – und ob da irgendjemand oder irgendetwas mitliest oder mithört.

8. In welcher Sprache unterhalten wir uns 2050?

Wanderungsbewegungen und weltweite Kommunikation haben Kauderwelsch und ähnliche Zwischensprachen entstehen lassen, aber in der Geschichte der Menschheit hat die Vielfalt der Lebenssituationen die Vielfalt der Sprachen stets erhalten und sogar erweitert. Wer glaubt, dass der Trend zu einer einzigen Weltsprache ginge, der müsste auch annehmen, dass sich eine einzige Weltkultur durchsetzte.

Je mehr sich das Internet verbreitet, desto vielfältiger wird es. Das zeigen Untersuchungen des Internet-Dienstleisters Global Reach. Im Jahr 2001 waren 45 Prozent der Websites in Englisch abgefasst, drei Jahre später nur noch 35 Prozent. An zweiter Stelle kommt jetzt schon Chinesisch mit 14 Prozent. Die meisten Weblogs sind englisch, auf Rang zwei indes stehen diejenigen in Farsi, der Sprache Irans.

Die Technik der maschinellen Übersetzung könnte überdies so weit gedeihen, dass ein Suaheli und ein Schweizer miteinander telefonieren können, ohne dass einer von beiden etwas anderes sprechen muss als seine Muttersprache. Übersetzungssoftware scheiterte bisher daran, dass den Computern die weite Welt der Begriffs- bedeutungen nicht nahezubringen war, weil sie sich als zu komplex erwies. Aber wenn Moores Gesetz fortbesteht, dann ist es vielleicht nicht nötig, derartige "Künstliche Intelligenz" durch geschicktes Programmieren der Begriffszusammenhänge zu erreichen. Manche Informatiker glauben, dass massive Computer-Power und klug eingesetzte Statistik genügen werden, die meisten Übersetzungsprobleme maschinell zu lösen.

Wie auch immer: Englisch ist die Weltsprache Nummer eins geworden, aber die Mehrsprachigkeit nimmt zu. Und Esperanto bleibt überflüssig.

9. Wird man Gedanken übertragen können?

Bildgebende Verfahren können schon heute analysieren, welche Areale des Gehirns aktiviert sind, wenn ein Mensch denkt. Einfache Hirnzustände lassen sich bereits voneinander unterscheiden, das Kopfrechnen beispielsweise, die mentale Navigation oder vorgestellte Körperbewegungen. Ließen sich die Techniken derart verfeinern, dass Gedankenlesen möglich wird?

Nein, sagt Peter Falkay, Ordinarius für Psychologie in Göttingen. "Sie können zwar feststellen, dass Sprache gebildet wird oder dass Angst im Spiel ist, aber nicht die Inhalte entschlüsseln. Selbst wenn Sie, anders als heute, hochauflösende Techniken haben sowie gute mathematische Modelle für Denkvorgänge, selbst dann bekommen Sie nicht die Inhalte in den Blick." Die nämlich liegen verstreut in vielen Ablagefächern des Bewusstseins, ihre Quellen sind teils vererbt, teils vorgeburtlich entstanden und teils nach der Geburt erworben, und wenn sie für einen bestimmten Gedanken zusammengetrommelt werden, ist womöglich das gesamte Gehirn beteiligt. Und gar noch in jedem Individuum anders! Ein komplexer Vorgang, für dessen Entschlüsselung in einem technischen Gedankenleser Kenntnisse nötig wären, für die es heute nicht die leiseste Spur gibt.

10. Was wird man gegen die Informationsflut tun?

Die Globalisierung und der Übergang zur Wissensgesellschaft werden die Masse der kommunizierten Informationen sprunghaft ansteigen lassen. Es fragt sich daher, wie sie sortiert und überblickt werden sollen. Das Internet hat mit seinen Suchmaschinen eine erste Antwort darauf gegeben. Die zweite wird vermutlich das "semantische Web" sein. Das ist eine Methode, die Inhalte im Netz nach Bedeutungen und nicht nur nach ihrer Schreibweise zu ordnen. Computer könnten beispielsweise mit dem Wort "Fußball" andere Begriffe aus der Welt des Sports verbinden. Maschinen würden auf diese Weise dazu beitragen, große Informationsmengen vorzusortieren, bevor der Mensch sich daranmacht, in ihnen zu suchen.

Eine andere Methode, Datenmassen überschaubar zu machen, ist die Visualisierung. Natürliche oder gesellschaftliche Vorgänge (Erdbeben, Moden) werden seit je als Kurven oder Karten präsentiert, ja sogar Argumentationen oder Dialoge. Vielleicht wird den Maschinen beigebracht, ohne menschliches Zutun derartige Informationen visuell aufzubereiten. Sie könnten dann den Menschen des Jahres 2050 über alles Wichtige ins Bild setzen.

Letztlich wird es aber auch in den kommenden Jahrzehnten Institutionen geben, denen die Gesellschaft das Sortieren und Bewerten von Informationen anvertraut. Das werden nicht zuletzt Medienhäuser sein. Es kommt freilich nicht darauf an, ob sie ihre Leistung dann auf Papier, digitaler Lesefolie oder in Hologrammen präsentieren.

Heben Sie dieses Heft gut auf, damit Ihre Enkel darüber staunen können, wie man früher Informationen vermittelte.

ZEIT Wissen Serie: Welt 2050
Gefühlte Zukunftsaussichten: mäßig. Die Stimmung ist nicht gut im Land. Aber wie sehen die Fakten aus? Niemand kann vorhersehen, wie die Welt im Jahr 2050 aussehen wird, aber es gibt Szenarien der Wissenschaftler. Die präsentieren wir Ihnen in sechs Folgen.
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