So richtig überzeugt hatte Frederick Zugibe der Vorschlag schon am Telefon nicht. »Nun«, sagte er, »vermutlich wird es Zeit, auch Frauen zu kreuzigen.« Doch seiner Stimme war anzuhören, dass ihn die Aussicht, mit einer deutschen Journalistin anzufangen, nicht sonderlich begeisterte.Ein halbes Dutzend Mal hat Frederick Zugibe seinen Sohn Kevin schon ans Kreuz gehängt. Das EKG-Gerät misst, wie schnell das Herz rastFoto: Joshua Lutz/Redux/Laif BILD

Und so ist es nicht erstaunlich, dass am verabredeten Morgen Ersatz auftaucht: Zugibes jüngster Sohn Kevin, Maschinenbauingenieur und 42 Jahre alt, tritt mit nacktem Oberkörper und Shorts aus dem Haus und zieht ein Gesicht, als wäre er lieber woanders. Fast wäre es ihm geglückt, sich zu drücken. Er ist nur nicht schnell genug weggekommen.

Schicksalsergeben mustert Kevin das Kreuz. Er weiß genau, wie es sich anfühlt, dort oben zu hängen. Bereits ein halbes Dutzend Mal musste er das durchleiden. Das bringt es mit sich, wenn der eigene Vater seine Freizeit damit verbringt, die Kreuzigung Jesu zu erforschen.

Frederick Zugibe ist ein kleiner 78-Jähriger mit weißen Haaren, der Gesprächspartnern die Hand zutraulich auf den Arm legt. Schwärmt er mit kindlicher Freude von seinem Leben, fällt es schwer zu glauben, dass dieser Mann fast die Hälfte seiner Jahre dem Tod gewidmet hat. Bis er 2003 pensioniert wurde, war er Gerichtspathologe.

Zugibes Bezirk war Rockland County, eine Ansammlung wohlhabender Vororte 40 Minuten nördlich von Manhattan. Für rund 25000 Leichen war er hier während seiner 34 Berufsjahre zuständig. Immer wieder waren auch Opfer brutaler Morde darunter. Leblose Körper, die ein Auftragskiller jahrelang im Gefrierraum versteckt hatte. Die Frau mit dem zerschnittenen Gesicht, die von einem verstoßenen Liebhaber gekidnappt worden war. Der hatte ihr, wie sich später herausstellte, eine Weile beim Leiden zugesehen und dann erst ein Messer in ihr Herz gerammt. Und die Siebenjährige, die einem Nachbarn Kekse bringen wollte und im Keller von ihm vergewaltigt und erdrosselt wurde, während dessen 87-jährige Großmutter oben vor dem Fernseher saß.

Kein Fall aber fesselte Zugibe so sehr wie die Kreuzigung des Jesus von Nazareth am 7. April 30 auf einem Hügel nördlich von Jerusalem. Zugibe war noch auf dem College – Hauptfach Biologie –, als er 1948 erstmals einen Fachartikel über Die physische Todesursache unseres Herrn las. Seither erforscht er sie selbst.

Er studierte das horribile flagellum, jene mit Stacheln, Knochenstücken oder Bleikugeln besetzte Lederpeitsche, mit der römische Soldaten Jesus angeblich auspeitschten. Er erbettelte sich antike Eisennägel, die in einem römischen Lager in Schottland gefunden worden waren. Er züchtete Ziziphus spina-christi in seinem Garten, die Pflanze, aus der möglicherweise die Dornenkrone geflochten wurde. Und er verfasste drei Bücher und 35 Aufsätze mit Titeln wie Die Handwunden-Kontroverse oder Die Kreuzigung Jesu: Können Nägel in den Händen das Körpergewicht tragen?.