Irene Meichsner hat für diesen Artikel den Expopharm-Journalistenpreis im Jahr 2007 in der Kategorie "Wissenschaft und Forschung" erhalten (Anm. d. Red.)

Es waren nur Rechenmodelle, die Andrew Singer und seine Kollegen aufstellten. Komplizierte zwar, doch eigentlich nur Mathematik. Die Umweltforscher der Universität Oxford wollten wissen, welche Konzentration das Grippemittel Tamiflu in Flüssen erreichen könnte, würden es Millionen Menschen während einer Grippewelle einnehmen und wieder ausscheiden. Es hörte sich ganz harmlos an.

Doch das Szenario der Studie von Mitte Januar ist beängstigend: Tamiflu wäre im Wasser gerade so hoch konzentriert, dass sich die meisten Grippeviren nicht mehr in Vögeln vermehren würden, wenn diese davon trinken. Die meisten, nicht alle. Einige widerstandsfähigere Erreger könnten überleben und sich zu resistenten Keimen entwickeln, gegen die Tamiflu wirkungslos wäre. Für die nächste Grippewelle hätte das fatale Folgen: Eine der ganz wenigen wirksamen Waffen gegen die Grippe wäre plötzlich stumpf.

Wie viel vom Grippemittel ins Wasser gelangt, beschreibt Singers Team auch. 90 Prozent des eingenommenen Tamiflu scheiden Menschen einfach wieder aus. Im Abwasser überwindet das Medikament Kläranlagen fast vollständig und fließt in die Umwelt.

Die englischen Forscher weisen auf ein Problem hin, das Forscher und Pharmaindustrie bislang weitgehend ausblenden. Denn ob Schmerzmittel, Betablocker oder Cholesterinsenker, ob Antibiotika oder Antidepressiva – immer häufiger erscheinen die Medikamente in nennenswerten Konzentrationen in der Umwelt. Die Stoffe gelangen auf natürlichem Ausscheidungswege ins Abwasser, schwappen in Bäche, Flüsse und Seen und gefährden die Gesundheit von Fischen, Algen und anderen Lebewesen. Inzwischen muss die Antwort auf die Frage nach möglichen Risiken und Nebenwirkungen von pharmazeutischen Substanzen nicht mehr nur heißen "Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker", sondern auch "Informieren Sie sich bei Ihrem kompetenten Ökologen".